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StartseiteCampus & KarriereDie Krise ist männlich01.05.2009

Die Krise ist männlich

Wirtschaftsflaute als Chance für Frauen

Die Männer sind schuld an der Wirtschaftskrise - und leiden auch mehr darunter. Eine zugegeben sehr provokante These, die derzeit gerne zwischen den Geschlechtern diskutiert wird. Fakt ist: Frauen sind von den Auswirkungen der Wirtschaftskrise weniger betroffen als Männer. Und - wenn sie es geschickt anstellen - können sie von der Krise sogar stärker profitieren.

Von Susanne Schrammar

In der Krise ist die Chance für Frauen besonders groß, mit innovativen Ideen im Markt Platz zu finden. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
In der Krise ist die Chance für Frauen besonders groß, mit innovativen Ideen im Markt Platz zu finden. (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Die Krise ist männlich. Ein Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt, dass die Zahl der erwerblosen Männer in den vergangenen drei Monaten um fast einen Prozentpunkt gestiegen ist, während sie bei Frauen nahezu gleich bleibt. Noch deutlicher wird dieser Trend bei der Kurzarbeit: Dreiviertel der Kurzarbeiter sind Männer. Der Grund: Die meisten Frauen sind in weniger konjunkturanfälligen Branchen tätig, sagt Michael Köster von der Bundesagentur für Arbeit.

"Männer arbeiten häufig in gewerblichen Berufen, vielfach im Metallbereich, das sind die Berufe, die jetzt große Probleme haben am Arbeitsmarkt, wo entlassen wird, wo Kurzarbeit herrscht. Zudem sind Frauen vielfach in Teilzeitbeschäftigung, auch diese Bereiche sind nicht unmittelbar von der Krise tangiert, sodass man insgesamt sagen kann, die Situation ist derzeit für die Frauen etwas günstiger als für die Männer."

Doch ob sie das auch bleibt? Über kurz oder lang könnte die Krise auch auf Branchen übergreifen, in denen vor allem Frauen tätig sind - die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten großer Einzelhändler geben einen Vorgeschmack. In Zeiten unsicherer Arbeitsverhältnisse sollte jeder für sich einen Notfall-Plan-B entwickeln, sagt die Münchner Managementtrainerin Sabine Asgodom. Das gilt besonders für Frauen, denen finanzielle und persönliche Unabhängigkeit wichtig ist oder die von heute auf morgen zur Alleinverdienerin in der Familie werden. Sabine Asgodom glaubt, Frauen besitzen besondere Überlebensmechanismen, die in einer Krise wichtig sein können.

"Frauen haben es immer schon bewiesen: Egal, ob bei uns nach dem Krieg oder in afrikanischen Ländern, dass sie diejenigen sind, die die Sippe ernähren sozusagen. Also, ich glaube, dass da ungeahnte Kräfte geweckt werden. Und ich finde, dass muss auch. Frauen dürfen nicht daneben stehen und hämisch auf die Männer gucken, die zu blöd waren, diese Wirtschaft richtig hinzukriegen, sondern ich finde, Frauen müssen jetzt den Hintern hoch kriegen und müssen es zeigen, dass sie es wirklich können."

Jetzt ist die Chance für Frauen besonders groß, mit innovativen Ideen im Markt Platz zu finden, sagt Petra Ledendecker, Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Wenn denn die Banken mitspielen. Für Existenzgründerinnen sind die Bedingungen mit der Krise nicht leichter geworden, schon in der Vergangenheit, so die Erfahrung der Verbandschefin, haben männliche Antragsteller eher Kredite bekommen als weibliche. Dabei seien Frauen als Unternehmerinnen zuverlässiger, risikobewusster und sie dächten nachhaltiger, so Ledendecker. Das zeige sich auch im Umgang mit der Krise als Arbeitgeberin. Frauen agierten sozialer.

"Möglicherweise prüfen sie sehr genau und exakt, ob eine Werksschließung schon erforderlich ist oder ob Entlassungen erforderlich sind, schauen ein bisschen länger in die Zukunft und versuchen möglichst, ihren Mitarbeitern die Chance zu geben, dass sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren. Das kann auch durchaus mal dazu führen, dass nicht die Gewinnmaximierung unbedingt im Mittelpunkt steht, sondern der Blick auf die Familien, für die man mitverantwortlich ist."

In den USA hat die Krise auf dem Arbeitsmarkt übrigens bereits dazu geführt, dass Männer in traditionelle Frauenberufe drängen. Bauarbeiter lassen sich zu Krankenpflegern umschulen, Banker versuchen es als Lehrer. Ein Trend, der in Deutschland noch nicht erkennbar ist, sagt Dorothea Braunert, beim Deutschen Gewerkschaftsbund Niedersachsen für Frauen- und Gleichstellungspolitik zuständig.

"Aus Gendergründen kann das ja nicht verkehrt sein, wenn wir mehr Erzieher und mehr Krankenpfleger hätten, zumal wenn Männer die Jobs machen, könnten Frauen dann auch viel mehr in Aufsichtsräten oder Ähnlichem tätig sein."

Sagt die Gewerkschafterin mit einem verschmitzten Lächeln. Doch abwegig ist dieser Gedanke nicht. Petra Ledendecker vom Verband der Unternehmerinnen findet, dass genau jetzt die Zeit ist, in der Frauen Selbstbewusstsein zeigen und sich um solche Jobs bemühen sollten. Der Verband ist gerade dabei, eine Datenbank aufzubauen, in der Unternehmen gezielt weibliche Führungskräfte für Positionen in der Geschäftsführung, im Vorstand oder im Aufsichtsrat finden können.

"Man kann sich bei uns bewerben für die Datenbank, wir prüfen die Bewerbung, ob die für diesen hohen Anspruch, den wir ja stellen, diejenige Dame geeignet ist, dann wird die aufgenommen und wir vermitteln. Ich spreche ja auch mit den großen Verbandschefs vom DIHK und BDI und BDA. Die sagen immer: Gerne, wir nehmen gerne Frauen - wo sind sie? Und ich sage: Ich hab sie."

Info: Noch ist auf der Homepage www.vdu.de noch kein Hinweis auf die Datenbank, aber wer möchte, kann seine Bewerbung schriftlich direkt beim VDU einreichen:
Verband deutscher Unternehmerinnen e.V. (VdU)
Breite Straße 29
10178 Berlin

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