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Die Kunst der Künste

Anita Albus macht keinen Hehl daraus: Sie sieht uns, so wörtlich, als "Gefangene eines technischen Universums, in dem die fortschreitende Verarmung des Naturkosmos einem immer kärglicheren Kulturkosmus entspricht”.

Armin Huttenlocher | 01.01.1980

Solch weltanschaulicher Defätismus könnte nun der Boden für schlecht gehütete Sentimentalitäten und larmoyante Esoterik sein, wird stat tdessen zum Ausgangspunkt für eine auf schönste Weise anachronistische Schule des Sehens.

Anita Albus wagt eine Mission. Ausdrücklich unzeitgemäß und unmodern steht sie zu einer Sehnsucht der Aufklärung in gleichsam stoischer Tradition. Und erfüllt sie - sich und dem Leser. Ohne Pathos, ohne Polemik, ohne lehrmeisterliche Attitüden - man muß das betonen, weil es so selten geworden ist.

Drei Hauptteile und einen zweigliedrigen Epilog hat dieses wundersame, wunderbare Buch mit dem so melancholischen Untertitel: "Erinnerungen an die Malerei”. - Ein Triptychon also zunächst; ein Triptychon der Versenkung, der Entdeckung, der Vergewisserung. Seine Seitenflügel widmen sich dem Stilleben und dem Andachtsbild, sein Mittelteil dem Genre der Landschaftsmalerei.

Gemälde des 15. bis 17. Jahrhunderts sind es, die betrachtet, beschrieben und gedeutet werden; Maler wie Jan van Eyck, Rogier von Weiden, Gerard David und Albrecht Altdorfer, Hans Memling, Georg Flegel und Johannes Goedart von denen sich die Autorin versetzen läßt in, wie sie sagt, die Hoch-Zeiten der Kunst schlechthin, in das Mittelalter und die frühe Neuzeit, an die Ursprünge des verlorenen Mythos 'Malerei':

"Ohne Zweifel gab es auch in unserem Jahrhundert noch begnadete Maler, aber die Stagnation der Malerei hat keiner überwinden, den Verfall des Metiers keiner aufhalten können. Ihre Werke lassen sich nur nachäffen, denn, so Jean Paul in seiner Vorschule der Ästhetik, 'das Spiegeln spiegelt sich nicht'. Solange die Malerei der Natur den Rücken kehrt, kann sie nicht wiedererwachsen. Einstweilen können wir unser Auge nur mit Hilfe der Dichter und Denker üben..."

...und, so ist man geneigt zu ergänzen, mit Büchern wie diesem. Es ist die Sinnlichkeit, die hier besticht, die Fähigkeit zu weltlich ordnender Betrachtung bei fast schon religiöser Ehrfurcht und Kontemplation.

Der lärmenden Zeit und der Flut der mediatisierten Bilder setzt Anita Albus entschlossene Stille entgegen, Konzentration auf das Einzelne, Erkenntnis von Welt im Detail. Die vordergründig unscheinbare Komposition von Tabak, Tonpfeife, Weinglas und zwei Erdbeeren auf einem Raucherstilleben Georg Flegels, zum Beispiel, erweist sich als philosophisch komplexe, dabei in allen Deutungsvorschlägen nachvollziehbare Allegorie, in der sich der Makrokosmos der Welt mit dem Mikrokosmos des Lebens vereint. Bei der Betrachtung von Albrecht Altdorfers Darstellung von St. Georg, dem Drachentöter, widmet sie sich einem dramaturgischen Element, das, obgleich von zentralster inhaltlicher Bedeutung, der Kunstgeschichte bislang entgangen zu sein scheint:

"...reglos verharrt der Ritter im wogenden gelbgrünen Laubmeer, als zweifle er an seinem Drachentöterverstand. ... Niemand vor und niemand nach Altdorfer hat die Drachenkampfepisode in einem Urwald dargestellt, und kein anderes Georgsbild zeigt eine Schrecklähmung des Ritters."

Ein Aspekt, der im Kontext der Zeit und des Mythos nachgerade politische Dimension erreicht. Denn Altdorfer hat verewigt, was die Legende verneint: einen kritischen Augenblick, die Gefahr einer Wende; ein kurzes Zögern, eine Hemmung beim Entschluß den Drachen zu töten. Also doch: Angst und Skrupel auch in der Brust des über allem erhabenen heiligen Retters. Zeitgenossen werden die Botschaft verstanden haben.

An anderer Stelle eine Betrachtung von Jan van Eycks berühmter sogenannter Rolin-Madonna: Röntgendurchleuchtung und Infrarot-Reflektographie haben - vor längerem schon - diverse Übermalungen und rätselhafte Ergänzungen sichtbar gemacht. Ein Geldbeutel am Gürtel Rolins, des machtbesessenen, skrupellosen Kanzlers von Philipp dem Guten - wegretuschiert. Der Arm des Jesuskindes auf dem Schoße der Jungfrau Maria, vor der Rolin sich auf die Knie ließ und die er dennoch keines Blickes würdigt - im Entwurf des Malers gesenkt, doch in der Endausführung zum Segen des habgierigen Kanzlers und Auftraggebers des Gemäldes erhoben. Ein Elsterpärchen im Garten vor dem Palast des Portraitierten - im Entwurf noch nicht vorhanden, als sei es dem Maler erst bei der Ausführung dorthinein geflogen. Anita Albus fügt daraus - mit diebischer Freude und kriminalistischem Spürsinn - ein kleines zeitgenössisches Rache-Mosaik und bietet fabulierend aber schlüssig eine Lösungsvariante für ein Rätsel an, das der hehren Kunstgeschichte bislang große Kopfzerbrechen macht: Was haben die Elstern, zwei Unheilsvögel, bekannt für ihre diebische und geschwätzige Natur, in einem Garten verloren, der mit seinen Blumen die Tugenden der Jungfrau Maria verherrlichen soll?

"Wer, wenn nicht Rolin, sollte bewirkt haben, daß der Geldbeutel an seinem Gürtel aus dem Bild verschwand und der gesenkte Arm des Jesuskindes sich zum Segen des Kanzlers erhob? In der Darstellung des Stifters sollte nichts an seine notorische Habgier erinnern. So wird der listige Stratege, als er die Unterzeichnung auf dem Kreidegrund betrachtete, zwei kleine "aber” in ein großes Lob des Malers gehüllt haben. Aber der Geldbeutel, aber der Segen! Der erste mußte getilgt und der zweite herbeigemalt werden. ... Es muß eine wortreiche Tirade gewesen sein. Vielleicht hat der Maler seine Einwände gegen eine Veränderung seiner Komposition ausgesprochen und den Unmut des Stifters erregt, der sich halb im Scherz mit der Drohung verabschiedete, er könne ihm den Auftrag wieder entziehen, ein gewisser Rogier de la Pasture male auch nicht schlecht.Und vielleicht sind die Elstern ... ins Bild geflogen, nachdem Rolins Wunsch erfüllt worden war? ... Die Gelehrsamkeit van Eycks, seine Kenntnis antiker Autoren ist ... verbürgt ... und so wäre es nicht verwunderlich, wenn sich die tückischen Vögel einer Verwandlung der beiden kleinen "aber” des reichen Rolin verdankten, ganz wie Ovid sie in den 'Metamorphosen' beschrieb: 'Ihr Schicksal beklagend, saßen dort im Gezweig die alles äffenden Elstern.'”

Ihr Programm findet Anita Albus im Vorwort zur Farbenlehre Goethes. "Das bloße Anblicken einer Sache”, so heißt es dort, "kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten ist ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, daß wir schon bei jedem Blick in die Welt theoretisieren.” Zuletzt, so Goethe, sei es der Geist des Betrachters, nichts sonst, der jede Technik erst lebendig mache.

Entsprechend nennt die Autorin - zu Recht und mit großer Verbeugung - Erwin Panofsky als geistigen Vater und wissenschaftlichen Paten. Zu ergänzen wären wohl die Namen Aby Warburg und Jacob Burckhard. Bezogen auf die Kunstgeschichte sind sie das weisende Dreigestirn in tiefer theoriebesessener Nacht. Wissenschaftler, die, weil sie um die Grenzen ihres Faches wußten, diese Grenzen überschritten; die vermitteln wollten und nach Sprache suchten; die erzählen konnten, was sie sahen, mit Emphase und dem Mut zur Deutung, aber frei und ohne Anspruch auf die eine, ewig gültige Erklärung.

Vita brevis, ars longa heißt es bei Hippokrates: Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang, die Gelegenheit flüchtig, die Erfahrung unsicher, das Urteil schwierig. - Wohl wahr. Und so ist Anita Albus zauberhaftes Buch auch zu lesen als Pamphlet, als Invektive, als zweifache Antwort auf eine tief empfundene Krise in der modernen Zeit: die Krise der Kunstproduktion und die Krise der Kunstrezeption - im Abschlußkapitel liest sie beiden die Leviten. Von Baudelaires Definition der modernité, so Albus, sei nur die ephemere Hälfte übrig geblieben. Längst seien Regellosigkeit und Starrheit zu eitler Selbstgenügsamkeit verschmolzen:

"Nach dem Sieg der Darstellung über das Dargestellte verschlang die Malerei ihren Gegenstand und zeigte nur noch sich selbst. ... Die Malerei ging von der Sichtbarkeit des Unsichtbaren aus und endete bei der Unsichtbarkeit des Sichtbaren. ... Im schrankenlosen Selbstverlies der Kunst herrschen seither die Deuter. Die Art und Weise wie sie die Theorie um die Kunst ranken, erinnert an die Emmentaler-Fabrikation nach der Methode: man nehme die Löcher und lege den Käse drumherum."

Das spart nicht an Deutlichkeit und Pointierung. Das pfeift auf Zeitgeist und Szene. Das heischt nicht nach Freunden. Das fordert die Kunst - und die Betrachtung von Kunst - als Teil zum Verständnis der Welt. Einen Zipfel davon hält dieses Buch in der Hand.