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StartseiteKalenderblattDie Kunst der paradiesischen Sehnsucht02.12.2010

Die Kunst der paradiesischen Sehnsucht

200. Todestag des Malers und Dichters Philipp Otto Runge

Wen die Götter lieben, den holen sie sich früh. Das, was schon die alten Römer wussten, bewahrheitete sich auch bei Philipp Otto Runge. Bereits mit 33 Jahren starb der Frühvollendete, der an der Seite von Caspar David Friedrich die romantische Malerei in Deutschland begründete. Sein vielschichtiges Werk war der weittragende Entwurf eines Weltbilds, das die Kunst zum Ziel einer paradiesischen Sehnsucht machte. Runges Wirkungsgeschichte reicht bis zum Jugendstil und zum Farbenrausch des Blauen Reiters am Beginn der Moderne.

Von Wolf Schön

Philipp Otto Runge: Ruhe auf der Flucht (1805-1806, unvollendet) (Yorck Project/Directmedia/Zenodot/GFDL)
Philipp Otto Runge: Ruhe auf der Flucht (1805-1806, unvollendet) (Yorck Project/Directmedia/Zenodot/GFDL)

"Liebes Stinchen, es ist erstaunlich schön, ein Künstler zu sein, so lebendig ist keinem anderen Menschen die ganze Welt, und ich bin doch erst im ersten Anfange; welche Seligkeit liegt mir in der Zukunft!"

Diese Zeilen schrieb Philipp Otto Runge im Oktober 1798 an seine Schwester Christine. 21 Jahre alt war der wohlgestaltete Jüngling mit den dunkel verträumten Augen: ein Hoffnungsträger der gleichfalls noch jungen deutschen Romantik, die die Freiheit der Fantasie gegen die erstarrten Formeln der klassischen Bildung ins Feld führte. Viel Zeit blieb nicht, die Welt durch die Kunst wieder lebendig zu machen. Am 2. Dezember 1810 erlosch die Lebensflamme des aufstrebenden Genies. 33-jährig starb der so viel versprechende Künstler an Schwindsucht, beinahe so früh wie sein Zeitgenosse Franz Schubert.

Wie dem Wiener Komponisten hatten es die Dichter auch dem norddeutschen Maler angetan. Tieck, Novalis und Brentano, sodann Schriften der Philosophen Fichte und Schlegel entfachten in Runge ein intellektuelles Feuer, das seine Malerei und seine kunsttheoretischen Überlegungen gleichermaßen erleuchten sollte. An seiner welterklärenden Farbenkugel fand Goethe Gefallen, beeindruckt von der kosmischen Deutung des koloristischen Geschehens, die ihm der junge Künstler mit bewegendem Pathos zur Kenntnis gab:

"Das Entzünden der Farben und das Verschwimmen ineinander und Wiedererstehen und Verschwinden ist wie das Odemholen in den großen Pausen von Ewigkeit zu Ewigkeit, vom höchsten Licht bis in die einsame und ewige Stille in den allertiefsten Tönen."

Bis zu solch tiefen Gedanken war es ein beschwerlicher Weg. Der 1777 geborene Sohn eines Getreidehändlers und Reeders aus Wolgast sollte Kaufmann werden. Als er in Hamburg in das Geschäft seines Bruders Daniel eintrat, bekannte er sich zu seiner wahren Bestimmung. Der Vater hatte ein Einsehen und erlaubte die Ausbildung an der Akademie von Kopenhagen, wo auch Caspar David Friedrich studierte.

Mit dem führenden Kopf der nordisch protestantischen Frühromantik teilte der Hochbegabte die Vorliebe für eine mystisch und visionär gesteigerte Landschaftsmalerei, in der die Seele mit dem Unendlichen eins werden konnte. Auf das Erlebnis des Absoluten, das innerlich geschaute Paradies, bezog sich Clemens Brentano in einem Brief an den Geistesverwandten:

"Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswert erschienen, da Sie gewissermaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen, der Künstler sich umsehen muss in sich selbst, um das verlorene Paradies in seiner Notwendigkeit zu konstruieren."

Die vom glasklaren Verstand kontrollierte Arbeitsweise war es, die den Erforscher eines ewigen Weltgeschehens vor diffuser Naturschwärmerei bewahrte. Runges Hauptwerk mit dem Titel "Der Morgen" zeichnet sich durch ein symmetrisches, ornamental umrahmtes Kompositionsschema aus. Zu seinem Projekt, erlösende Gefühle präzise zu definieren, sagte der Maler:

"Alle Kunst ist allegorisch. Wir fügen zusammen, wir suchen dem Einzelnen einen allgemeinen Sinn anzuheften, und so entsteht die Allegorie."

Unbegreifliches wird also fassbar im Gleichnis. Das streng gebaute Sinnbild zeigt auf einer Wiese ein neugeborenes Kind, das im Glanz Auroras, der Göttin der Morgenröte, von zärtlichen Genien behütet und verehrt wird. Thema des strahlenden Gemäldes ist der reine Ursprung der Menschheit. Wie hier geht es immer um Kinder, die ganz nahe am Anfang der Schöpfung stehen, auch in Runges Porträtmalerei.

Mit seiner eigenwilligen Neudeutung der religiösen Empfindung widersprach der Frühvollendete dem Zeitgeschmack, den die nach Rom pilgernden Nazarener durch ihre sentimentale Rückbesinnung auf das fromme Mittelalter beherrschten. Rasch war der romantische Vordenker vergessen, erst am Ende des 19. Jahrhunderts wurde er wiederentdeckt. Weitblickend war Goethe, der nach Philipp Otto Runges Tod voller Bewunderung schrieb:

"Der Gang, den er nahm, war nicht der seine, sondern des Jahrhunderts, von dessen Strom die Zeitgenossen willig oder unwillig fortgerissen werden."

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