Ausstellungen, in denen man viel lesen muss, gelten gemeinhin als langweilig. Diese hier ist es nicht, im Gegenteil. Sie illustriert die Geschichte der Pariser Dada-Bewegung sehr parteiisch aus der Perspektive André Bretons – quasi als eine Durchgangsphase zum Surrealismus.
Dadas Königs-Prinzip war das der Montage und Collage. Dieses Stilmittel prägt auch das dicke Album, mit dem Breton die Aktivitäten der Pariser Dadaisten Anfang der 1920iger Jahre dokumentierte, mit Einladungskarten, Texten, Zeitungsartikeln und sofort. Bretons Wohnung in der Rue Fontaine war selbst ja eine Art mythischer Ort, mit einer großen Sammlung außereuropäischer Kunst; und als sich nach seinem Tod jahrzehntelange Pläne zerschlugen, dort ein Museum zu etablieren, versteigerte die Familie 2003 den gesamten Nachlass.
Das Kunsthaus Zürich, mit Dada sowieso schon gut bestückt (das "Cabaret Voltaire" befindet sich gleich um die Ecke!), griff zu und kaufte das Dossier, das jetzt im Zentrum der Ausstellung steht. Und hier kann man dann sehen, dass Dada nie eine konsistente Bewegung, sondern der Spielplatz sehr unterschiedlicher Individuen war, die sich hauptsächlich zankten und schon nach wenigen Jahren auseinandergingen: der zunächst in Zürich residierende Dada-Papst und Profi-Zyniker Tristan Tzara, der Maler, Lebemann und Spieler Francis Picabia und eben Breton, der es wirklich ernst meinte mit der Collagierung des Unzusammenhängenden – und der umgeben war von Literaten, die sich dann ganz unterschiedlich entwickeln sollten: Philippe Soupault, später ein Surrealist der ersten Stunde, der empfindsame Paul Éluard und der nachmalige KP-Dichter Louis Aragon.
Es waren lauter von der Brutalität des Ersten Weltkriegs verunsicherte, aus ihren einst durchaus bürgerlichen Wertvorstellungen herausgeworfene junge Intellektuelle, die Dada in Paris formten. Breton hatte als Medizinstudent während des Kriegs in Hospitälern gearbeitet und traumatisierte Patienten betreut; die Phantasie-Produktion dieser Menschen beeindruckte ihn – und die freie Assoziation, das Strömenlassen auch des Sinnlosen und seine Rekonstruktion sollten ja später Grundprinzip des Surrealismus werden, der Freuds therapeutische Einsichten zu einer Ästhetik weiterspann.
Als Dadaist aber schnitt auch Breton mit provozierendem Witz Material zusammen. Als Tristan Tzara 1920 in Paris eintraf, veranstaltete man eine Reihe von Aktionen und Happenings, die Dada als literarische Avantgarde etablierten – man hatte verstanden, dass man Rumor machen, Aufmerksamkeit erregen musste. Der Züricher Kurator Tobia Bezzola stellt diese Phase von 1920 bis 22 ins Zentrum der Ausstellung, als es den Pariser Dadaisten weitgehend gelang, auch die Presse zu manipulieren:
"Breton und Tzara verschickten eine Pressemeldung zur zweiten Dada-Veranstaltung: Charlie Chaplin werde präsent sein, der unlängst zum Dadaismus konvertiert sei, er werde sprechen. Und die Presse druckte das, und die Leute liefen hin! Und dann kam natürlich Chaplin nicht, womit man eben den gewünschten Skandal und die Aufregung und die Presse-Artikel hatte."
Jede gelungene Aktion, jeder entrüstete Zeitungskommentar wurden sorgfältig, auf fast spießige Weise gesammelt, und es ist durchaus unsicher, ob die dadaistischen Abende mit musikalischen und rezitatorischen Darbietungen, deren Programme wir hier nachlesen können, uns heute noch erregen würden. Es gab allerdings auch die skurrilen Happenings: die von Breton als Fremdenführer veranstaltete Dada-Begehung der Kirche von Saint Julien le Pauvre etwa oder den kabarettistischen Schauprozess gegen den ins reaktionäre Lager abgedrifteten Schriftsteller Maurice Barrès 1921 – Breton als Vorsitzender, Tzara als Ankläger, eine Schaufenster-Puppe als Angeklagter. Spätestens an diesem Punkt wurde klar, dass Breton das alles im Grunde todernst meinte und eine Ideologie formulieren würde, während es für Tristan Tzara nur antibürgerliches Kasperltheater und zynische Paraphrase einer sinnentleerten Wirklichkeit war.
Der Bruch zwischen den beiden war unvermeidlich, Breton schrieb das surrealistische Manifest, der Dadaismus blieb Episode und Strohfeuer. Dass es ein paar Jahre wunderbar flackerte, zeigt diese Ausstellung aufs Schönste.
Dadas Königs-Prinzip war das der Montage und Collage. Dieses Stilmittel prägt auch das dicke Album, mit dem Breton die Aktivitäten der Pariser Dadaisten Anfang der 1920iger Jahre dokumentierte, mit Einladungskarten, Texten, Zeitungsartikeln und sofort. Bretons Wohnung in der Rue Fontaine war selbst ja eine Art mythischer Ort, mit einer großen Sammlung außereuropäischer Kunst; und als sich nach seinem Tod jahrzehntelange Pläne zerschlugen, dort ein Museum zu etablieren, versteigerte die Familie 2003 den gesamten Nachlass.
Das Kunsthaus Zürich, mit Dada sowieso schon gut bestückt (das "Cabaret Voltaire" befindet sich gleich um die Ecke!), griff zu und kaufte das Dossier, das jetzt im Zentrum der Ausstellung steht. Und hier kann man dann sehen, dass Dada nie eine konsistente Bewegung, sondern der Spielplatz sehr unterschiedlicher Individuen war, die sich hauptsächlich zankten und schon nach wenigen Jahren auseinandergingen: der zunächst in Zürich residierende Dada-Papst und Profi-Zyniker Tristan Tzara, der Maler, Lebemann und Spieler Francis Picabia und eben Breton, der es wirklich ernst meinte mit der Collagierung des Unzusammenhängenden – und der umgeben war von Literaten, die sich dann ganz unterschiedlich entwickeln sollten: Philippe Soupault, später ein Surrealist der ersten Stunde, der empfindsame Paul Éluard und der nachmalige KP-Dichter Louis Aragon.
Es waren lauter von der Brutalität des Ersten Weltkriegs verunsicherte, aus ihren einst durchaus bürgerlichen Wertvorstellungen herausgeworfene junge Intellektuelle, die Dada in Paris formten. Breton hatte als Medizinstudent während des Kriegs in Hospitälern gearbeitet und traumatisierte Patienten betreut; die Phantasie-Produktion dieser Menschen beeindruckte ihn – und die freie Assoziation, das Strömenlassen auch des Sinnlosen und seine Rekonstruktion sollten ja später Grundprinzip des Surrealismus werden, der Freuds therapeutische Einsichten zu einer Ästhetik weiterspann.
Als Dadaist aber schnitt auch Breton mit provozierendem Witz Material zusammen. Als Tristan Tzara 1920 in Paris eintraf, veranstaltete man eine Reihe von Aktionen und Happenings, die Dada als literarische Avantgarde etablierten – man hatte verstanden, dass man Rumor machen, Aufmerksamkeit erregen musste. Der Züricher Kurator Tobia Bezzola stellt diese Phase von 1920 bis 22 ins Zentrum der Ausstellung, als es den Pariser Dadaisten weitgehend gelang, auch die Presse zu manipulieren:
"Breton und Tzara verschickten eine Pressemeldung zur zweiten Dada-Veranstaltung: Charlie Chaplin werde präsent sein, der unlängst zum Dadaismus konvertiert sei, er werde sprechen. Und die Presse druckte das, und die Leute liefen hin! Und dann kam natürlich Chaplin nicht, womit man eben den gewünschten Skandal und die Aufregung und die Presse-Artikel hatte."
Jede gelungene Aktion, jeder entrüstete Zeitungskommentar wurden sorgfältig, auf fast spießige Weise gesammelt, und es ist durchaus unsicher, ob die dadaistischen Abende mit musikalischen und rezitatorischen Darbietungen, deren Programme wir hier nachlesen können, uns heute noch erregen würden. Es gab allerdings auch die skurrilen Happenings: die von Breton als Fremdenführer veranstaltete Dada-Begehung der Kirche von Saint Julien le Pauvre etwa oder den kabarettistischen Schauprozess gegen den ins reaktionäre Lager abgedrifteten Schriftsteller Maurice Barrès 1921 – Breton als Vorsitzender, Tzara als Ankläger, eine Schaufenster-Puppe als Angeklagter. Spätestens an diesem Punkt wurde klar, dass Breton das alles im Grunde todernst meinte und eine Ideologie formulieren würde, während es für Tristan Tzara nur antibürgerliches Kasperltheater und zynische Paraphrase einer sinnentleerten Wirklichkeit war.
Der Bruch zwischen den beiden war unvermeidlich, Breton schrieb das surrealistische Manifest, der Dadaismus blieb Episode und Strohfeuer. Dass es ein paar Jahre wunderbar flackerte, zeigt diese Ausstellung aufs Schönste.