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"Die lächerliche Finsternis"Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie

Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" entstand als Hörspiel und zieht nun seine Erfolgsspur über die Theaterbühnen. Das Stück beschreibt sarkastisch den Blick des Westens auf Afrika. In ihrer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin macht Regisseurin Daniela Löffner es sich damit allerdings zu einfach.

Von Hartmut Krug | 16.12.2014

Außenansicht des Deutschen Theaters in Berlin bei Sonnenschein.
Deutsches Theater in Berlin (picture alliance / dpa - Soeren Stache)
Wolfram Lotz Stück "Die lächerliche Finsternis" wurde ach der Uraufführung Anfang September am Akademietheater Wien am Hamburger Thalia Theater nachgespielt, und vor vier weiteren geplanten Inszenierungen kam es im Deutschen Theater in den Kammerspielen heraus.
Ein Erfolgsstück also. Weil es sein Thema, die Verfasstheit unserer noch immer von Ausbeutung und Krieg bestimmten Welt zugleich mit Ernsthaftigkeit und Witz behandelt. Und weil es theatralisch selbstreflexiv benennt, wie schwer es ist, die Wirklichkeit zu erkennen und auf der Bühne darzustellen.
Das Stück beginnt mit einem langen Monolog: "Sehr geehrter Herr Vorsitzender Richter, mein Name ist Ultimo Michael Pussi, und wie sie wissen und wie auch der deutschen Presse zu entnehmen war, bin ich ein schwarzer Neger aus Somalia."
Afrikanische Piratengeschichte voller traurig-wahrer Ironie
Hier gesteht einer vor dem Hamburger Landgericht die Piraterie. Der, als er das Meer vor Somalia leergefischt fand von internationalen Fangflotten, ein Diplomstudium der Piraterie an der Hochschule von Mogadischu absolvierte. Schon im Prolog mit seinen ironisch gebrochenen Klischees wird die westliche Nicht-Wahrnehmung einer "Dritte-Welt"-Lebenswirklichkeit schmerzhaft kenntlich. Wenn dann zwei Bundeswehrsoldaten mit dem Auftrag, einen durchgedrehten und verschollenen Offizier für dessen Liquidation im Urwald aufzuspüren, eine Bootsfahrt in "Die lächerliche Finsternis" des Urwalds von Somalia machen, dann begeben sie sich zugleich in Afghanistan auf dem Fluss (!) Hindukusch wie durch Geschichte und Gegenwart von Kolonialismus und Krieg all überall.
Da treffen die beiden auf ein Camp mit italienischen Blauhelmsoldaten, die Eingeborene beim Abbau des Erzes Coltan bewachen. Doch der Leiter des Camps regt sich nur schrecklich über die falschen Toilettensitten der Eingeborenen auf.
Die beiden Soldaten treffen auf ihrer Fahrt, bei der ihr Boot als mit weißen Folien aufgeplusterte Plattform über der Bühne schwebt, auf mancherlei seltsame Menschen:
Soldaten: "Verdammt, irgendwas nähert sich da!"
"Erst nach einer ganzen Weile konnten wir erkennen, dass es ein Eingeborener in einem Kanu war. Er rief immer wieder:"
Stojkovic: "Nicht schießen, nicht schießen. Ich bin unbewaffnet. Bitte tun sie mir nichts. Bitte!"
Soldat: "Wie heißen Sie?"
Stojkovic: "Ich heiße Bojan Stojkovic."
Soldat: "Und was machen Sie hier?"
Stojkovic: "Ich bin Händler."
Soldat: "Mit was handeln Sie?"
Stojkovic: "Ach, ganz unterschiedlich. Ich handele zum Beispiel mit Joghurt, Spirellinudeln, mit Streichhölzern, Luftmatratzen, mit Muscheln, Investmentfonds und Spannbetttüchern ..."
Zum Kauf versucht der "Eingeborene" Stojkovic die Soldaten zu animieren, indem er vom Verlust seiner Familie durch einen Bombenangriff erzählt.
Lotz Stück ist effektvoll aber nicht einfach
Wolfram Lotz Stück ist effektvoll, aber nicht einfach. Am Deutschen Theater macht es sich Regisseurin Daniela Löffner leider allzu einfach. Sie inszeniert das Stück als überbordende Komödie und benutzt es als Regie- und Schauspielerfutter. Kathleen Morgeneyer darf alle Männer spielen, denen die Bundeswehrsoldaten begegnen, und auch einen sprechenden Papagei. Alexander Khuon leitet die Suchfahrt als ein westdeutscher Offizier mit ausgestellt selbstbewusster Männlichkeit, Moritz Grove ist sein herrlich ungeschickt verdruckster ostdeutscher Untergebener. Die beiden essen unentwegt Bananen und werfen auch mal Pizza-Reste ins Publikum.
Es ist ein durchaus lustiger und zeitweilig auch unterhaltsamer Abend. Doch er huscht nur witzelnd über die Oberfläche des Stücks und der Probleme. Ein Spaß, mehr nicht. Wo doch die Ironie, die schon der Autor seinem Text eingeschrieben hat, aus, ja, durchaus verzweifelter Ernsthaftigkeit gespeist wird.