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StartseiteHintergrundDie Lage in Bosnien17.11.2005

Die Lage in Bosnien

Zehn Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton

Man könnte die kleine Gruppe der Betenden leicht übersehen. Rund zwei Dutzend vorwiegend ältere Männer hocken hier hinter einer Hecke, die den muslimischen Friedhof von der Hauptstraße trennt. Eine verlorene Schar, hier in der Hauptstadt der bosnischen Serbenrepublik, wo es kaum noch Muslime gibt, und wo fast alle Moscheen zerstört wurden.

Von Eberhard Nembach

Der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic, der damalige bosnische Präsident Alija Izetbegovic, der frühere kroatische Präsident Franjo Tudjman und Ex-US-Außenminister  Warren Christopher (v.l.n.r.) am 21.11.1995 in Dayton, Ohio. (AP)
Der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milosevic, der damalige bosnische Präsident Alija Izetbegovic, der frühere kroatische Präsident Franjo Tudjman und Ex-US-Außenminister Warren Christopher (v.l.n.r.) am 21.11.1995 in Dayton, Ohio. (AP)
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Der Turm der kleinen Moschee am Rande dieses Friedhofs ist auch eingerüstet; zehn Jahre nach dem Krieg dauert der Wiederaufbau immer noch an.

Die Handflächen nach oben rezitieren die Männer mit den Geistlichen ihre Toten-Gebete. Auf dem fast weißen, schmalen Grabstein, um den die Gruppe sich versammelt hat, steht "Husein Kadic 1939-1994", ein Moslem, der im Krieg von Heckenschützen erschossen wurde. Einer der jüngsten in der Gebetsgruppe ist Sanid Terzic. Er ist 23 Jahre alt, aber er trägt schon den schwarzen Umhang und die hohe, mit weißem Tuch umwickelte Kappe der Geistlichen. Er ist ein Imam...

"Wir haben uns heute versammelt, um wie immer am zweiten Tag des Bajram-Festes für die Toten des letzten Krieges zu beten. Sie fragen nach der Situation der islamischen Gemeinde hier? Wir hatten mehrere Angriffe auf unsere Moscheen während des heiligen Monats Ramadan. Vor ein paar Tagen erst wurde eine Moschee mit Steinen beworfen. Die Situation ist aber insgesamt einigermaßen okay. "

Sanid Terzic hat den Krieg als Kind erlebt. Eine schlimme Zeit sei das gewesen, sagt er, und er habe damals nicht verstanden, warum plötzlich alle aufeinander geschossen haben, warum die Menschen sich mit soviel Hass begegneten. Als dann vor zehn Jahren, am 21. November 1995 an einem fernen, unbekannten Ort in Amerika, der Dayton heißt, Frieden gemacht wurde, da habe er das auch nicht genau verstanden. Aber alle hätten damals gesagt: Jetzt sei das Schießen zu Ende.

Viele kennen ihr Heimatland kaum, das jetzt Bosnien-Herzegowina heißt. Sie wurden in Jugoslawien geboren, und sie verbrachten die Kriegsjahre im Ausland - viele auch in Deutschland. Dann mussten sie plötzlich in dieses fremde Land, das ihre Heimat sein soll, zurückkehren. Sie gehen jetzt hier zur Schule, wo es plötzlich eine Rolle spielt, welchen Glauben die Eltern haben und welche Nationalität, ob es orthodoxe Serben, katholische Kroaten oder muslimische Bosniaken sind.

Die Jungen wollen weg aus einem Land, das geprägt ist von Arbeitslosigkeit und ewigen Auseinandersetzungen zwischen den drei Volksgruppen. Das ist die Lage in Bosnien-Herzegowina, nach zehn Jahren Frieden.

Dabei hat es hoffnungsvoll begonnen. Dayton, Ohio, 21. November 1995. US-Präsident Bill Clinton hat Slobodan Milosevic, den kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman und den Führer der bosnischen Muslime, Alija Izetbegovic, zum Einlenken bewegt. Stolz verkündet Clinton den Vertrag, der später in Paris unterzeichnet werden sollte.

"Das Volk von Bosnien hat endlich eine Chance, sich vom Schrecken des Krieges ab- und einem hoffnungsvollen Frieden zuzuwenden. Die Präsidenten von Bosnien, Kroatien und Serbien haben eine historische und heroische Wahl getroffen. Sie sind dem Willen ihrer Völker nachgekommen. Egal welche ethnische Gruppe - die überragende Mehrheit der Bürger von Bosnien, der von Kroatien und Serbien will dasselbe: Diese Menschen wollen das Gemetzel beenden; sie wollen der Gewalt und dem Krieg ein Ende setzen. Sie wollen ihren Kindern und ihren Enkeln die Chance auf ein normales Leben ermöglichen. Heute, Gott sei Dank, sind ihre Stimmen erhört worden. "

Der Krieg in Bosnien war vielleicht der traurige Höhepunkt des jugoslawischen Zerfalls. Die drei Völkerschaften, Serben, Kroaten und Muslime lebten hier besonders eng nebeneinander. Die Absicht, sie voneinander zu trennen, führte zu besonders schlimmer Gewalt. Niemand weiß, wie viele Menschen wirklich in diesem Krieg gestorben sind. Manche sagen hunderttausend; andere reden von bis zu 250.000 Toten. Es war eine Gewalt aller gegen alle. Die Bewohner eines muslimischen Dorfes überfielen das serbische Nachbardorf oder umgekehrt. Die einen zündeten die Häuser der anderen an, vertrieben die Einwohner. Es gab Morde, Vertreibungen, Vergewaltigungen und Plünderungen. Kroaten gegen Muslime, Serben gegen Kroaten, serbische Cetniks gegen Muslime und Kroaten, es gab so ziemlich jede erdenkliche Konstellation. In berüchtigten Gefangenenlagern gab es Folter und systematische Vergewaltigungen. Bis heute sind überall im Land die Ruinen von Häusern zu sehen, die niemand mehr bewohnen will, ganze Dörfer stehen leer. Viele Flüchtlinge kommen nur zurück, um ihr Eigentum zu verkaufen und dann wieder wegzugehen. Männer, Familienväter kommen so auch nur zeitweise ohne die Familien. Kroaten bauen sich dann lieber eine neue Existenz auf im reicheren Kroatien, die Muslime gehen in die Föderation, die Serben in die Republika Srpska, gerade die Jungen Leute gehen gleich ganz ins Ausland. Das traurige Ergebnis: Die ethnischen Säuberungen haben weitgehend funktioniert, und nur wenige Vertriebene trauen sich wirklich dauerhaft zurück, auch wenn immer wieder von hohen Rückkehrerzahlen berichtet wird. Der kroatische Weihbischof Pero Sudar, der für die katholischen "Europa-Schulen" in Bosnien verantwortlich ist, beklagt, dass unter Bosniens Kroaten, z.B., vor allem die Jungen weggehen.

"67 Prozent Kroaten wurden von Bosnien vertrieben. Nur 13 Prozent sind zurückgekommen. Also, mehr als eine Hälfte sind schon weg, und sie bleiben leider. Sie haben keinen Mut, nach Bosnien zurückzukehren. "

Auch das ist ein trauriges Ergebnis dieses Krieges. Die Paramilitärs waren vielleicht die schlimmsten, aber es war eben auch ein richtiger Krieg mit professionellen Armeen. Die Muslime, die Ende 1991 gemeinsam mit kroatischen Vertretern die Unabhängigkeit Bosniens von Jugoslawien erklärt haben, verteidigten mit ihren neuen Truppen die Stadt Sarajevo, die von der Armee der neu gegründeten bosnischen Serbenrepublik belagert wurde und Unterstützung von der jugoslawischen Volksarmee bekam. Auch die Kroaten gründeten zeitweise einen eigenen Teilstaat in der Gegend von Mostar. Kroatien unter Präsident Tudjman mischte kräftig mit in diesem Krieg. Die Europäer und die UN agierten völlig hilflos, vor ihren Augen geschahen Dinge, die sich bis heute eingeprägt haben: Die Zerstörung der historischen Brücke in Mostar, ein Symbol für den Abbruch aller Brücken und Verbindungen zwischen den drei Nationen, oder die Granate, die Menschen mitten auf einem Markt in der Innenstadt von Sarajevo traf und Srebrenica, das Massaker an wahrscheinlich bis zu achttausend Jungen und Männern aus der so genannte "UN-Schutzzone", niederländische Blauhelmsoldaten hatten zugesehen, wie die gesamte muslimische Bevölkerung vertrieben wurde. Für dieses wohl schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem 2. Weltkrieg werden der ehemalige bosnische Serbenführer Karadzic und Ex-General Mladic verantwortlich gemacht. Beide sind bis heute flüchtig und werden von vielen Serben als Helden verehrt.

Srebrenica war aber auch der Anfang vom Ende des Krieges. Vor allem der damalige US-Präsident Bill Clinton drang auf internationales Eingreifen. Es folgten Luftangriffe und schließlich der Friedensvertrag, der auf amerikanischem Boden verhandelt wurde. Der Name Dayton steht damit auch für ein Versagen der Europäer. Sie hatten sich als hilflos erwiesen. Sie waren nicht in der Lage gewesen, in der eigenen unmittelbaren Nachbarschaft Kriegsverbrechen zu verhindern und Blutvergießen zu beenden. Inzwischen hat die Europäische Union dazugelernt, sie übernimmt inzwischen die Hauptverantwortung in Bosnien, erklärt Martin Ney, deutscher Diplomat und Stellvertreter des Hohen Repräsentanten:

"Die Europäer haben in diesen zehn Jahren eine politische Bestandsaufnahme gemacht in Form ihrer europäischen Sicherheitsstrategie. Wir haben dabei gesagt, dass die Staaten in unserer Region unser Hauptanliegen sind, was unsere eigene Sicherheit angeht. Das hat zu einer Umorientierung geführt, wo wir erkennen mussten, dass unser Engagement im Interesse unserer eigenen Sicherheit besteht. Das heißt: Bosnien ist auf unserem sicherheitspolitischen Tablett. Bosnien ist ein europäischer Staat. Die Frage, die zur Beantwortung steht: Ist Bosnien und soll Bosnien ein Staat der EU sein? -, das ist die Frage, an der wir arbeiten, aber nicht an der Frage, ob wir uns in Bosnien engagieren. "

Auf die Farben der EU trifft man überall in Bosnien. Der junge Staat hat sie schon in der eigenen Fahne: die ist blau-gelb, dreieckig geteilt, das soll an die etwa dreieckige Form des Landes erinnern. Und es sind auch gelbe Sterne auf der bosnischen Flagge zu sehen, genau wie auf der EU-Fahne. Den gelben Sternenkranz auf blauem Grund tragen auch die mehr als tausend deutschen Soldaten auf dem Ärmel. Sie sind im Rahmen der bisher größten europäischen Militärmission EUFOR in Bosnien.

"Jetzt, so nach fünf Wochen kann ich zwar "Guten Tag" und "Wie geht es Ihnen?" und "Auf Wiedersehen" und so sagen, aber für ein Gespräch reicht es natürlich nicht. "

Spaziergang durchs Revier. Seit fünf Wochen ist Hauptmann Martin Döhne hier in Konjic, einem kleinen Ort an der Landstraße von Sarajevo nach Mostar. Hauptmann Döhne führt ein LOT, ein so genanntes "Liaison und Observationsteam". Die Soldaten sollen durch die Stadt gehen und über die Dörfer fahren, mit den Menschen reden, die Stimmung testen, auf Probleme aufmerksam machen. So können sie vielleicht Krisen verhindern, bevor die überhaupt entstehen. Viele kommen Rat suchend ins Büro im ersten Stock eines Hauses an der Hauptstraße, erkennbar ist es an den zwei Flaggen, der deutschen und der Europa-Fahne, die draußen hängen.

"Ja, wir sind hier also im Endeffekt schon mitten im Zentrum von Konjic. Unser LOT-Office ist da sehr gut gewählt, also, der Platz für das LOT-Office, weil wir hier gleich die Cafés und die Einkaufsstraße haben, wo sich eigentlich die Masse des Lebens abspielt, was sich auch dann in der Besucherzahl des Offices widerspiegelt. Da muss man sich auch als Soldat zunächst einmal daran gewöhnen, dass es etwas anders ist. Es ist eine sehr, sehr interessante Aufgabe. Man bekommt noch viel mehr mit von Land und Leuten. Man hat hier auch die Möglichkeit, ein bisschen was über die Sprache, die Kultur, die Probleme der Leute zu erfahren. "

In Konjic ist es ruhig, erzählt Hauptmann Döhne, der bei seinem Spaziergang keine Waffe bei sich trägt, in den Dörfern ringsum denken die Menschen zum Winterbeginn hauptsächlich an die Holzvorräte zum Heizen. Viele vertrauen den deutschen Soldaten. Sie haben in der Vergangenheit schon vielen geholfen und sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit – in diesem Land, wo es immer noch viele Waffen gibt und vor allem Kriminelle.
Fühlt sich Hauptmann Döhne hier in Bosnien fremd?

"Nein. Also, ganz im Gegenteil. Das war hier eher sogar so, dass es tatsächlich viel europäischer ist, als ich es erwartet hätte. Wenn man sich hier teilweise umguckt, könnte man auch irgendwo vielleicht in Italien oder in der Türkei oder in ein anderes europäisches Land laufen und würde kaum einen Unterschied merken. "

Das Konzept der LOTs, der kleinen Teams, die mit den Menschen in Kontakt bleiben sollen, ist noch relativ neu, erklärt der Kommandant des deutschen EUFOR-Kontingents, Oberst Hans-Jürgen Folkerts:

"Sie zeigen Präsenz in der Fläche, bringen EUFOR ins Land hinein und sind die vorgeschobenen Augen und Ohren von EUFOR. In die Gaststätte, ins Kino gehen, vielleicht auch einmal in eine Moschee mitgehen, um zu horchen: Wie ist die Stimmung? – Das schreiben sie in Berichten auf. Das, was die LOT-Teams vor Ort wahrnehmen, ist letztendlich die Grundlage für die politische Bewertung der EU über das, was hier im Lande passiert. "

Die Soldaten verteilen Buntstifte an Kinder, die Größeren bekommen bunte Pop-Zeitschriften, die EUFOR betreibt sogar einen Radiosender, Radio MIR.

MIR das heißt Frieden, friedliches Zusammenleben der Völker in Bosnien, dafür macht die EUFOR Werbung.

Die militärische Kontrolle in Bosnien hat die Europäische Union schon von der NATO übernommen. Im kommenden Jahr soll die EU auch die gesamte politische Kontrolle übernehmen. Dann wird der Hohe Repräsentant der internationalen Gemeinschaft, der stärkste Mann im Land abgelöst. Bisher ist er einem seltsamen gemischten Gremium verantwortlich, in dem unter anderem auch die Vereinten Nationen, die OSZE und eben auch die EU etwas zu sagen haben, vor allem aber die starken Staaten der informellen Bosnien-Kontaktgruppe. Dazu gehört neben den USA und Russland unter anderem auch Deutschland. Der neue Hohe Repräsentant könnte ein Deutscher werden, der ehemalige Minister Christian Schwarz-Schilling. Er kümmert sich seit Jahren um Bosnien und hat dort einen hervorragenden Ruf. Auch der jetzige Hohe Repräsentant, der Brite Paddy Ashdown, spricht nur gut über seinen möglichen Nachfolger Schwarz-Schilling. Die Zeit sei jetzt reif für einen Wechsel, auch für einen neuen Mann, der mit weniger Vollmachten weniger hart durchgreifen kann, als er selbst das oft getan hat – Ashdown hat vor allem serbische Politiker entlassen, die sich seinen Reformvorstellungen in den Weg stellten. Ashdown sieht jetzt aber große politische Fortschritte in Bosnien, zehn Jahre nach Dayton.

Bosnien ist Absurdistan: Hier sind alle wichtigen Posten dreifach besetzt. Es gibt ein Präsidium, dem jeweils ein Kroate, ein Serbe und ein muslimischer Bosnier angehören. Die wechseln sich alle paar Monate ab, jeder darf so reihum einmal Präsident sein. Ähnlich geht das mit dem Amt des Regierungschefs, dem Parlamentspräsidenten usw. Im Ergebnis bedeutet das: Es sind tausende Posten zu besetzen und zu bezahlen und es bewegt sich wenig. Zumal Bosnien ja auch noch mehrere Regierungen hat. Das Land ist faktisch geteilt.

Innerhalb des Gesamtstaates Bosnien-Herzegowina mit seiner Regierung gibt es einerseits die muslimisch-kroatische Föderation, mit ihren verschiedenen Untereinheiten. Und dann gibt es noch die bosnische Serbenrepublik, die "Republika Srpska". Die ist offiziell kein Staat, sondern eine so genannte "Entität", ein philosophisch klingendes Wort, das verschleiern soll, dass diese Serbenrepublik natürlich doch funktioniert wie ein eigener Staat: mit eigener Polizei, eigener Armee, eigenen Steuern, eigener Regierung. Nur mühsam konnten im Fall der Armee und der Polizei Reformen durchgedrückt werden. Fast die Hälfte des bosnischen Territoriums bedeckt die Serbenrepublik, obwohl der serbische Bevölkerungsanteil viel geringer ist. Eine "Kriegstrophäe" der Serben sei diese Republik kritisieren viele, damit seien die Vertreibungen und ethnischen Säuberungen im nachhinein belohnt worden, die Serben haben sich dauerhaft ein eigenes Territorium erobert, auch das sei ein Ergebnis des Dayton-Friedensvertrages, kritisiert Suleyman Tihic, Chef der muslimisch geprägten Partei SDA und muslimisches Mitglied des bosnischen Präsidiums.

Der Gebetsruf des Muezzins hallt über das träge fließende grüne Wasser der Neretva. Der Fluss teilt die historische Altstadt von Mostar. Die im Krieg zerstörte alte Brücke ist inzwischen wieder aufgebaut. Touristen zahlen einen Euro, um einen der mutigen Brückenspringer zu fotografieren.

Ein friedliches Bild - aber dahinter gärt es. Muslime und Kroaten sind hier in Mostar im Krieg aufeinander geprallt, und bis heute werden hier die so genannten "nationalen Interessen" mit Zähnen und Klauen verteidigt. Der Bürgermeister der Stadt Mostar ist zurzeit ein Kroate – Ljubo Beslic könnte sich Mostar gut als Hauptstadt eines kroatischen Teilstaates in Bosnien vorstellen.

"Für die Kroaten in diesem Land ist immer noch nicht erkennbar, ob sie hier überleben werden. Es ist also sinnvoll, über eine eigene Entität oder einen Kanton nachzudenken, in dem wir die Mehrheit haben. Bisher stellen wir zum Beispiel nur fünf Minister in der Gesamtregierung und drei Minister in der Regierung der Republika Srpska. Die werden jedes Mal überstimmt und können die Interessen der Kroaten nicht verteidigen. Im Parlament und in den Gerichten ist die Situation ähnlich. Kein Kroate kann zufrieden sein, mit der Situation im Land. "

Noch immer geht es vielen Politikern um ihre nationalen Interessen, um den dauernden Wettstreit, wer wo die Mehrheit stellt. Da scheint es schwierig, über eine mögliche neue Verfassung zu reden, mit der man endlich einen gemeinsamen bosnisch-herzegowinischen Staat schaffen könnte, in dem irgendwann auch die Nationalität egal wäre. Schon die ersten Schritte in diese Richtung waren mühsam genug. Eine einheitliche Mehrwertsteuer soll demnächst eingeführt werden. Gegen harten Widerstand vor allem aus der Serbenrepublik wurde eine Reform der Armee durchgedrückt, Bosniens Soldaten sollen in Zukunft alle demselben einen Land dienen. Zuletzt gab es viel Aufregung um die Polizeireform. Wer die Polizei kontrolliert, der hat die Macht – auch die Macht, zum Beispiel Bestechungsgelder einzusammeln oder illegale Geschäfte in Ruhe abzuwickeln. Die Polizei ist außerdem ein Machtsymbol. Die Regierung der bosnischen Serbenrepublik, die noch immer von der Nationalpartei SDS gestellt wird, die einst vom als Kriegsverbrecher gesuchten Radovan Karadzic geführt wurde – diese Serben-Teilregierung stellte sich bis zuletzt quer in Bosnien. Sie wollte ihr wichtigstes Macht- und Einfluss-Instrument, die Polizei, nicht abgeben. Der Hohe Repräsentant, Paddy Ashdown übte Druck aus. Er hat viele SDS-Politiker entlassen. Auch die Europäische Union machte Druck: Entweder die Polizei-Reform kommt, oder es gibt keine Verhandlungen über ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU. Damit wäre Bosnien das Balkan-Schlusslicht auf dem Weg nach Europa. Erst kurz nach Ablauf der gestellten Frist setzten die moderaten Reformkräfte unter Präsident Dragan Cavic die Zustimmung des bosnisch-serbischen Parlamentes in Banja Luka durch.

Zunächst muss man die Grenzen in den Köpfen überwinden. Das ist die wichtigste Aufgabe zehn Jahre nach Dayton. Diese Ansicht hört man auch von den Intellektuellen in den Cafés. Ausgerechnet die Jungen reden jetzt viel zu viel über die Vergangenheit. Das müsse man ihnen abgewöhnen, meint zum Beispiel Miodrag Zivanovic, Philosophie-Professor an der Uni in Banja Luka:

"Unsere Grenzen, unsere Blockaden sind in unseren Köpfen. Das ist eine Folge unserer spezifischen Erfahrung. Nicht nur in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren, sondern auch früher hat die balkanische Mentalität im Inneren eine spezifische Beziehung über Tradition, über Geschichte usw. Unsere Leute denken immer über Geschichte wie über eine absolute Welt. Über die Zukunft unserer Leute denken sie nicht nach. "

Er sieht sich nicht als Serbe, wie er sagt, sondern als Mensch, Weltbürger und vor allem Europäer. Seine Studenten müssten das erst noch lernen, meint er.

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