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StartseiteHintergrundDie langen Schatten von Tschetschenien02.09.2004

Die langen Schatten von Tschetschenien

Russland im Visier des internationalen Terrorismus

<strong>Es wird Nacht in Beslan - und noch immer befinden sich mehrere hundert Schüler und Erwachsene in der Hand der Geiselnehmer. Heute nachmittag wurden einige Frauen und Kinder freigelassen. </strong>

Henning von Löwis im Gespräch mit Karla Engelhard und Gasán Gusejnov - Eine Chronologie von Gesine Dornblüth

Bewohner von Beslan heben Gräber für die Opfer des Attentats aus, 5.9.2004 (AP)
Bewohner von Beslan heben Gräber für die Opfer des Attentats aus, 5.9.2004 (AP)
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Karla Engelhard in Moskau, gibt es Signale der Hoffnung aus Beslan?

Wenn man die Freilassung der 26 Geiseln nimmt, darunter Frauen und sehr kleine Kinder, so ist es ein Schimmer der Hoffnung, aber lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn noch immer sind mehr als 300 Kinder, Frauen und Männer in der Gewalt der Geiselnehmer. Und ein weiterer Punkt der Hoffnung wäre auch, dass die Verhandlungen weitergehen, dass sie nicht abgebrochen sind, und dass mittlerweile auch die Geiselnehmer den Kontakt wieder und wieder mit der anderen Seite suchen und nutzen.

Eine gewaltsame Befreiung der Geiseln ist nicht zu erwarten nach dem, was Putin gesagt hat? Kann man das ausschließen?

Das scheint so zu sein. Nach dem ersten Statement von Putin nach doch langer Zeit zu dem Geiseldrama in Südrussland sagte er ja, er werde alles Menschenmögliche tun, um das Leben der Geiseln zu retten. Irgendwie scheint dann recht schnell dieses Kommando vor Ort umgesetzt worden zu sein, denn die Militärs zogen sich etwas zurück, die Verhandlungen wurden intensiviert, und man setzt auch jetzt - scheinbar - auf friedliche Lösung.

Weiß man inzwischen mehr über die Terroristen? Es sollen ja bis zu 40 sein?

Die Zahlen schwanken nach wie vor, aber der russische Geheimdienst hat heute verkündet, dass sie mittlerweile einige Personen identifiziert haben unter den Geiselnehmern, darunter auch Frauen. Nun versuchen sie die Verwandten und Bekannten dieser Geiselnehmer ausfindig zu machen, um sie dafür zu gewinnen, doch einen positiven Einfluss auf die Lage zu nehmen.

Präsident Putin hat den Krieg in Tschetschenien ja schon vor Jahren für beendet erklärt. Nehmen die Menschen in Russland Putin das noch ab, was er in punkto Tschetschenien heute sagt und tut?

Im Zusammenhang mit der Präsidentschaftswahl vom letzten Wochenende, wo ein Moskau-genehmer Präsident gewählt wurde, war vor allem in Russland zu hören, Putin hat es im Griff, bei den einfachen Russen. Und es könnte sein, dass nun ein Friedensprozess beginnt. Aber doch werden wieder und wieder Bedenken laut, denn die Terrorakte hängen doch immer wieder mit Tschetschenien zusammen, glaubt man dem russischen Geheimdienst. Und das macht natürlich den Leuten Angst, dass es doch nicht so weit her sein kann mit dem Frieden in Tschetschenien.

Karla Engelhard, warum geht eigentlich in Russland niemand auf die Straße, warum protestiert niemand gegen den Krieg? Das fällt ja auf.

Wenn man heute den Tag sieht, so ist es heute zum ersten Mal gewesen, dass im Nordkaukasus spontan auf die Straße gegangen wurde, in Grosny, in Tschetschenien selbst und in der Nachbarrepublik Inguschetien. Die Demonstranten haben die Geiselnehmer aufgefordert, nichts gegen die Kinder zu tun, sie freizulassen. Aber zugleich haben sie auch gefordert, dass die Machtorgane, also Militär und Polizei, keine Gewalt anwenden. Das ist eigentlich einzigartig in der Geschichte des Nordkaukasus, dass so schnell und massiv gehandelt wird. Ansonsten ist eigentlich das Demonstrieren in Russland nicht so die demokratische Tradition. Hier wirkt wahrscheinlich die Sowjetzeit noch nach, dass wenn demonstriert wurde, dann meist angeordnet von oben. Es hat sich noch nicht so etwas wie Demonstrationskultur entwickelt.

Danke schön, Karla Engelhard in Moskau!

Schon immer haben sich die Tschetschenen aufgelehnt gegen fremde Herren. Die Tschetschenen kämpften gegen die Armeen des Zaren, gegen die Weißen Armeen und gegen die Rote Armee. Sie widersetzten sich der Zwangskollektivierung unter Stalin. Und heute versuchen sie gewaltsam, aus der Russischen Föderation auszuscheren, ein unabhängiges Tschetschenien zu erkämpfen. Die Geschichte der Tschetschenen ist eine lange Leidensgeschichte - aber auch eine Geschichte geprägt von Gewalt und Terrorismus. Konfliktherd Tschetschenien - eine Chronologie von Gesine Dornblüth.

Der aktuelle Konflikt um Tschetschenien begann Anfang der 90er Jahre unter dem ehemaligen sowjetischen General Dschochar Dudajev. Der Tschetschene Dudajev hatte zuletzt in Estland gedient und dort die Unabhängigkeitsbewegung der Balten miterlebt. 1991 setzte er sich an die Spitze radikaler Nationalisten in Tschetschenien. Er zwang die kommunistische Regierung zum Rücktritt, löste dann das tschetschenische Parlament auf, ließ sich selbst zum Präsidenten wählen und umgab sich mit einer bewaffneten Nationalgarde. Am 1. November 1991 verkündete er dann die staatliche Unabhängigkeit der Tschetschenischen Republik. Die russische Führung in Moskau erklärte beides, die Präsidentenwahlen und die Unabhängigkeitserklärung, für ungültig.

Die Tschetschenen hatten über Jahrhunderte immer wieder gegen die russische Vorherrschaft gekämpft. Zuletzt wurden sie dafür während des Zweiten Weltkrieges bestraft, als nahezu alle Tschetschenen in einer Nacht- und Nebelaktion nach Kasachstan deportiert wurden. Anders als die Wolgadeutschen, mit denen sie dieses Schicksal teilten, durften die Tschetschenen jedoch nach Kriegsende in ihre Heimat zurückkehren.

Tschetschenien lebte von der Ölförderung und der Ölverarbeitung. Ex-General Dschochar Dudajev träumte von einem "zweiten Kuwait" in seiner Heimat - was nach Einschätzung von Experten aber reichlich realitätsfern war, denn die Ölvorräte Tschetscheniens waren schon Anfang der 90er Jahre gering.

Die russische Führung in Moskau versuchte, Dudajev mit Hilfe der tschetschenischen Opposition zu stürzen. Als das scheiterte, entschied sich der Sicherheitsrat in Moskau für eine Militärintervention. Das war im Dezember 1994. Und das war der Beginn des ersten Tschetschenienkrieges.

Die Moskauer Führung hatte sich den Militäreinsatz in Tschetschenien kurz und siegreich vorgestellt. Doch schon beim Sturm auf die tschetschenische Hauptstadt Grosny stießen die Russen auf heftige Gegenwehr. Und das, obwohl den etwa hunderttausend russischen Soldaten lediglich ein paar tausend tschetschenische Kämpfer gegenüberstanden. Hunderttausende Menschen flohen in die Nachbarrepubliken, starben während des Krieges. Nach anderthalb Jahren erbitterter Kämpfe konnten die Tschetschenen Grosny zurückerobern. Daraufhin kam es zu Verhandlungen zwischen Russen und Tschetschenen, namentlich zwischen dem russischen General Alexander Lebed, der später bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kam, und dem tschetschenischen Oberkommandeur Aslan Maschadov. Im Ergebnis zog die russische Armee im August 1996 aus Tschetschenien ab. Der Grundkonflikt blieb jedoch bestehen: Die Tschetschenen betrachteten sich weiterhin als unabhängig, die Führung in Moskau hingegen sah Tschetschenien nach wie vor als Teil der Russischen Föderation an.

General Aslan Maschadov, der die tschetschenischen Truppen zum Sieg geführt hatte, wurde bald nach Kriegsende in freien Wahlen zum Präsidenten Tschetscheniens gewählt. Doch Maschadov konnte keine Ordnung in der vollkommen zerstörten Republik herstellen. Ehemalige Kriegskommandanten, wie zum Beispiel der militante Schamil Bassajev, widersetzten sich einer Entwaffnung und sicherten sich den Zugang zu Ölquellen. Kriminelle Banden beherrschten ganze Gebiete. Gleichzeitig gewannen radikale antirussische und islamistische Kräfte an Macht. Erste islamistische Kämpfer aus dem arabischen Ausland tauchten auf. Islamisten versuchten außerdem, den Konflikt in die Nachbarrepubliken zu tragen - wie zum Beispiel im August 1999, als der radikale Islamist Schamil Bassajev Dagestan überfiel.

Zu diesem Zeitpunkt bereitete sich Russland bereits auf die bevorstehenden Präsidentenwahlen vor. Der altersschwache Boris Jelzin sollte von dem jungen Geheimdienstler Vladimir Putin abgelöst werden. Im September 1999 kam es zu einer Serie von Bombenanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und anderen russischen Großstädten. Dabei starben fast 300 Menschen. Die russische Führung machte, trotz fehlender Beweise, Tschetschenen für die Anschläge verantwortlich. Das sorgte für eine Verschärfung der antitschetschenischen Stimmung in der russischen Bevölkerung und für eine breite Zustimmung zu einem erneuten Eingreifen der russischen Armee in Tschetschenien.

Und so begann im Herbst 1999 der zweite Tschetschenienkrieg. Die russische Armee ging diesmal dazu über, tschetschenische Dörfer solange aus der Ferne zu beschießen und zu bombardieren, bis alle vermeintlichen Rebellen geflohen waren. Damit machten sie ganze Landstriche dem Erdboden gleich. Als Zivilisten zu Beginn der russischen Offensive in die Nachbarrepublik Inguschetien fliehen wollten, blockierten Behörden die Grenze. Russische Flugzeuge bombardierten die Flüchtlinge. Offiziell wollen die Russen Recht und Ordnung in der abtrünnigen Republik wieder herstellen. Immer wieder betont Präsident Putin, es handele sich um einen Kampf gegen Terroristen; und verbittet sich jegliche Kritik an dem brutalen Vorgehen russischer Truppen. Man wolle die lokale Bevölkerung schützen. In Wirklichkeit geschieht das Gegenteil.

Anfang des Jahres 2000 konnten die Russen Grosny einnehmen. Seitdem führen die Tschetschenen ihren Kampf vor allem aus den Bergen heraus. Doch auch in der Hauptstadt werden noch Rebellen vermutet. Hausdurchsuchungen sind deshalb an der Tagesordnung. Regelmäßig berichtet die tschetschenische Seite von Gewaltexzessen gegenüber der Zivilbevölkerung. Junge Männer werden verschleppt und verschwinden spurlos. Manchmal werden die geschändeten Leichen gefunden. Russische Medien berichten ihrerseits von Greueltaten der tschetschenischen Rebellen an den russischen Soldaten. Und immer wieder kommt es zu Gefechten. Angeblich starben seit Beginn des ersten Krieges mehr als hunderttausend Menschen.

Je länger der Krieg dauert, desto größer wird die Gefahr, dass er auf die Nachbarrepubliken übergreift. Der Kaukasus ist ein Flickenteppich. Verschiedenste Völker leben hier auf engem Raum zusammen. Allein im Nordkaukasus, auf russischem Gebiet, sind das die Republiken Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien, Nordossetien, Kabardino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien. In allen gibt es mehr oder weniger starke Unabhängigkeitsbewegungen. In Inguschetien kommt es immer wieder zu bewaffneten Überfällen. Die Opposition fordert den Rücktritt des Präsidenten. In Kabardino-Balkarien beschossen Unbekannte kürzlich einen Lastwagen des Innenministeriums. In Dagestan starben am 9. Mai 2002 während der Feiern zum "Tag des Sieges" 45 Menschen bei einem Anschlag, darunter mindestens 17 Kinder. Oppositionelle wollen dort am 10. September eine "republikweite Protest-Kundgebung" durchführen.

Dazu kommen noch die Konfliktgebiete im Südkaukasus, vor allem im angrenzenden Georgien. Dort streben die Teilgebiete Südossetien und Abchasien nach Unabhängigkeit. Tschetschenische Rebellen waren zumindest an dem blutigen Abchasienkonflikt Anfang der 90er Jahre beteiligt. Sie kämpften auf abchasischer Seite gegen die Georgier. Zehn Jahre später nutzten sie das an Tschetschenien grenzende Pankisi-Tal als Rückzugsgebiet.

Zwar demonstrieren die Separatisten in Südossetien und in Abchasien Einigkeit mit Moskau, doch das geschieht weniger aus Loyalität mit Russland, als vielmehr aus Abneigung gegenüber den Georgiern. Erst vor wenigen Wochen hat sich die Situation in Südossetien zugespitzt, nach zwölf Jahren Waffenruhe gab es dort die ersten Toten. Nun liefern sich Politiker in Georgien und in Russland heftige Wortgefechte, in Georgien spricht man bereits von einem drohenden Krieg. Das ganze ist keine 100 Kilometer von Grosny entfernt.

Angesichts dieser vielen Konfliktherde appellieren Menschenrechtler und Konfliktforscher im Kaukasus immer wieder für eine gesamtkaukasische Lösung. Die Konfliktparteien aller Regionen müssten sich an einen Tisch setzen. Doch dazu fehlt die Bereitschaft. Zu viele profitieren von den Konflikten, durch Waffenhandel, durch Schmuggel, oder weil sie im Ausnahmezustand keine demokratischen Wahlen zulassen müssen.

Seit einigen Jahren kommt im Tschetschenienkonflikt eine weitere Komponente hinzu: Der Terror. Selbstmordattentäter rücken ins Blickfeld. Darunter sogenannte "schwarze Witwen": Frauen, deren Männer, Brüder oder Väter getötet wurden oder verschwanden.

Im Oktober 2002 besetzen sie das Moskauer Musical-Theater "Nordost" und bringen etwa 800 Menschen in ihre Gewalt. Sie fordern den sofortigen Abzug der russischen Truppen aus Tschetschenien. Die russische Führung will sich keine Blöße geben und setzt auf eine Gewaltlösung. Nach Tagen der Unsicherheit stürmen russische Einheiten das Gebäude. Sie verwenden Betäubungsgas. Mit den Attentätern sterben 129 unschuldige Theaterbesucher. Eine parlamentarische Untersuchung der Vorfälle wird unterbunden.

Weitere Selbstmordattentate folgen. Das traurige Ergebnis: Mindestens 83 Tote in Grosny im Dezember 2002, 60 Tote in der Nähe von Grosny im Mai 2003, zwei Monate später 15 Tote bei einem Rockkonzert in Moskau, wieder einen Monat später mindestens 50 Tote bei der Sprengung eines Militärhospitals in Nordossetien, im Dezember 2003 44 Tote bei der Explosion in einem Zug in Südrussland, im Februar dieses Jahres 40 Tote in der Moskauer Metro, und schließlich im Mai, wieder am "Tag des Sieges", ein Attentat auf den prorussischen Präsidenten Achmad Kadyrov in Grosny. Mit ihm sterben fünf Menschen.

Achmad Kadyrov war im Oktober 2003 mit 80 Prozent der Stimmen zum Präsidenten Tschetscheniens gewählt worden. Die Wahl war von Moskau inszeniert worden und eine Farce. Präsident Putin versucht, den Anschein zu erwecken, der Tschetschenienkrieg sei beendet, es herrsche Normalität. Das Attentat auf Kadyrov bewies das Gegenteil.

Anstatt sich um eine politische Lösung zu bemühen, setzt die Führung in Moskau den Druck auf die Tschetschenen fort. Als Nachfolger des ermordeten Präsidenten Achmad Kadyrovs installierte sie am vergangenen Sonntag mit Alu Alchanov erneut eine Marionette. Für niemanden wirklich unerwartet kam deshalb eine erneute Anschlagserie. Ein Ende der Gewaltspirale ist nicht abzusehen.

Russlands längster Krieg - der Krieg in Tschetschenien. Und ein Frieden scheint in immer weitere Ferne zu rücken.

Gasán Gusejnov, Sie sind Journalist und Historiker. Warum sind die Tschetschenen eigentlich so rebellisch. Werden sie mehr unterdrückt als andere Völker in Russland?

Vielleicht nicht wesentlich mehr. Aber doch, vielleicht auch mehr. Das ganze Volk wurde deportiert, und danach in den 90er Jahren sehen wir nun zehn Jahre ununterbrochen Krieg, und ich würde fast sagen, Vernichtungskrieg in den letzten vier Jahren.

Was kann Putin tun, was muss Putin tun, um dem Terrorismus in Russland Einhalt zu gebieten?

Putin muss nach fünf Jahren, nach diesem Fiasko in seiner Politik oder Politiklosigkeit, muss einfach seine Lernfähigkeit zeigen, und das wäre seine Stärke und eine Übergangsperiode starten zur politischen Lösung dieses Konflikts.

Übergang wohin?

Das kann man noch nicht sagen. Vielleicht wird es Übergang zu einer Konföderation mit Russland, vielleicht wird es Übergang zu einer Unabhängigkeit. Auf jeden Fall ist es eine Periode, in der Putin auf ausländische Hilfe angewiesen ist. Auf jeden Fall kann er selber seine eigenen Kräfte nicht unter Kontrolle haben und die scheußlichen, schrecklichen Ereignisse der letzten Zeit zeigen, dass er genauso in der gleichen Position ist wie Maschadov, der seine Banditen auch nicht kontrollieren kann.

Was wäre, wenn Putin die Truppen aus Tschetschenien einfach abzieht morgen?

Das ist für mich ein bisschen zu scharf gesagt. Entweder oder. Entweder stehen sie dort oder gehen sie. Ich glaube, er muss einfach einen politischen Prozess starten und zwar ehrlich. Nicht so mit Lügen, wie in der letzten Zeit in diesen fünf Jahren. Und ein politischer gewaltfreier Prozess ist für Russland heute kaum möglich, deswegen muss er dulden, dass der Westen, die Internationale Gemeinschaft, UNO, Sicherheitsrat, dass die dabei Russland helfen.

Ist eine vollständig unabhängige Republik Tschetschenien - als Enklave in Russland denkbar? Oder ist das eine Utopie?

Ich glaube nicht, dass es eine Utopie ist. Vor 15 Jahren hätte jeder vernünftige Mensch wahrscheinlich gesagt, es ist absolut unmöglich, dass die Sowjetunion, dieses riesige Reich auseinanderfällt. Und trotzdem: was sehen wir heute? Es gibt eine unabhängige Ukraine, es gibt Zentralasien undsoweiter. Es ist überhaupt kein Problem. Es gibt Republiken im Kaukasus, die wesentlich näher zu Russland stehen als Tschetschenien. Zum Beispiel Ossetien, Nordossetien. Es gibt auch Dagestan. In Dagestan steht oder stand die Mehrheit der Bevölkerung sehr freundlich dem russischen Reich gegenüber. Das heißt, es gibt verschiedene Modelle, denkbar und möglich. Das einzige, was gar nicht geht, ist diese Gewaltbereitschaft und auch unser Denken: die Tschetschenen: entweder sind sie Opfer oder gnadenlose Verbrecher. Russische Soldaten: entweder sind sie Verbrecher oder sie sind wiederum Opfer.

Frage an den Politikwissenschaftler, an den Historiker Gusejnov: Was bedeutet die Eskalation des Terrorismus für das politische System - für den Putinismus? Noch mehr staatliche Kontrolle über die Medien, noch mehr Gängelung der Medien?

Er hat jetzt zwei Wege. Entweder demokratisiert er den Prozess oder er verliert und geht sozusagen die Wege von Stalin, und sagen wir, Dserschinskij...

Kann die Opposition Kapital schlagen aus den Entwicklungen jetzt?

Die Opposition kann Kapital schlagen, ja. Aber wie gesagt, das wichtigste hier wäre die Position des Westens, die Position der demokratischen Länder Europas.

Vielen Dank, Gasán Gusejnov!

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