Dienstag, 28. Juni 2022

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Die letzten Britpop-Künstler der Arbeiterklasse

Der britische Journalist Owen Hatherley beschreibt in seinem Buch "These Glory Days" den Aufstieg der Band Pulp. Er erklärt, wie wichtig die Formation aus der Arbeiterklasse war, die anders als die Kollegen von Oasis den Anbiederungsversuchen der politischen Elite widerstand.

Von Klaus Walter | 05.01.2013

"Pulp war die letzte große Band, deren Mitglieder sich ihrer Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse bewusst waren und sich gleichzeitig als Künstler verstanden."

Mit dieser wuchtigen wie windigen These kommt "These Glory Days" daher, ein Essay über Pulp und Jarvis Cocker von dem Londoner Autor Owen Hatherley. Arbeiterklasse – das klingt nach Brüdern und Sonne und Freiheit. Aber nein, für Hatherley erzählen Pulp-Songs von einer untergegangenen Epoche, als man eine Sozialwohnung kriegen konnte, obwohl man noch Arme und Beine hatte und auch keine Großfamilie war.

In "Common People" erzählt Jarvis Cocker von einer Studentin aus besseren Kreisen. Die will ihr Leben mit "gewöhnlichen Menschen" verbringen, mit "Common People". Und sie will Sex haben mit "Common People". Versucht man diese "gewöhnlichen Menschen" zu definieren, stößt man schnell an den Rand der britischen Klassengesellschaft.
"Normalerweise ist das Wort gewöhnlich Synonym für kleinbürgerlich und wird von dem Teil des Kleinbürgertums verwendet, der Angst davor hat, als proletarisch abgetan zu werden."

Erklärt Owen Hatherley in seinem Essay über Pulp. Und die Kehrseite der Medaille: Wenn Leute aus dem Bürgertum von "common people" reden, dann bedeutet es "proletarisch", oder einfach "proll". Eine Unterabteilung des Proll in England ist der Lad, also der prollige Rocker, der sich vor allem für Fußball, Bier und Weiber interessiert. Und für Kokain.

Die Gebrüder Gallagher von Oasis lassen gerne mal den Lad raushängen. 1997, auf dem Höhepunkt des Erfolges von Oasis, wird Noel Gallagher wie einige andere Popstars in die Downing Street No.10 eingeladen, zur feierlichen Amtseinführung des neu gewählten Premierministers Tony Blair. Blair lässt sich gerne mit Popstars fotografieren und greift schon mal selbst zur Gitarre. Gallagher, das Arbeiterkind, trinkt Champagner mit dem Labour-Premier und genehmigt sich eine Nase Koks, ausgerechnet auf dem königlichen Klo. Und natürlich lässt er die Welt teilhaben an seinem Genuss.

"Die Queen hatte ihre eigene Toilette, die sonst niemand benutzen durfte. Wenn ich mich recht erinnere, war es ganz nett. Es hatte einen Samtsitz und alles.”"

Auf dieser Toilette also will Noel Gallagher gekokst haben. Das weiße Pulver, der Treibstoff des Kokain-Sozialismus, so erzählen Pulp die Geschichte.

"Cocaine Socialism"- Kokain-Sozialismus - Pulps Abrechnung mit dem Cool Britannia des Tony Blair. Der Song beschreibt die Vereinnahmung von Britpop-Bands wie Blur und Oasis durch New Labour, die einstigen Vertreter der Arbeiterklasse, vereint in Downing Street No.10, bei Koks und Champagner. Ein Klassenkampf von oben, meint der Autor Owen Hatherley:

""Die Boshaftigkeit von "Cocaine Socialism" wurde angetriggert von den ersten Amtshandlungen der neuen Regierung: Der unverzügliche Angriff auf die Schwachen. Die allgemeine, kostenlose höhere Bildung wurde abgeschafft, Bezüge Alleinerziehender und das Invaliditätsgeld wurden gekürzt."

Auch Jarvis Cocker lebte in den Achtzigern hauptsächlich von staatlichen Hilfen, berichtet Owen Hatherley. Seine Band hat davon profitiert.

" ... weil die nach heutigen Standards großzügigen Zuwendungen des Staates Bands den Freiraum verschafften, nicht nur zu experimentieren, sondern sogar scheiße sein zu können, Jugendsünden zu begehen, Fehler machen zu können und aus ihnen zu lernen, sind Pulp so großartig geworden."

Das Großartige an Pulp ist ihre Gegenwartshaltigkeit, ihre Popsongs erzählen Sozialgeschichte, am überzeugendsten wenn sie Klassenfragen mit Sexfragen verknüpfen, gerne auch mit Architektur, etwa, wenn sie über kollektive Orgasmen in den Hochhäusern ihrer Heimatstadt Sheffield singen. Mit solchen Songs landen Pulp in den 90ern an der Spitze der Charts. Arbeiterklasse und Kunst – bei Pulp geht es also doch zusammen, das illustriert Owen Hatherleys Buch mit viel Liebe zum Detail und öffnet dem Leser die Ohren für ein Neu-Hören dieser ziemlich einzigartigen Band.