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Die Liebe zu den Wolken

Bei knapp 80.000 Neuerscheinungen pro Jahr kann es schwierig sein, ein Debüt zu retten, bevor schon die nächste Bücherwelle anrollt. Im vorliegenden Fall aber scheint eine Atempause angebracht: Es geht um die junge australische Autorin Delia Falconer und ihren ersten Roman, "Die Liebe zu den Wolken". Die Übersetzung des englischen Titels, "The Service of Clouds", scheint nicht ganz geglückt, Falconer meinte eben nicht die Liebe zu den Wolken, sondern den Dienst an den Wolken, hier schwingen religiöser Eifer und künstlerischer Wahn mit. Der Roman handelt von extremen Bewußtseinszuständen, von Liebe, Täuschung und einem exzentrischen Künstlerleben. Schauplatz ist das Städtchen Katoomba in den Blue Mountains, jener Bergkette im australischen Bundesstaat New South Wales, die dem Betrachter aus der Ferne in betörendem Blau erscheint.

Tanya Lieske |
    Zum Auftakt ihres Romans zitiert Delia Falconer einen naturwissenschaftlichen Aufsatz, in dem die Eukalyptusbäume für dieses Blau verantwortlich gemacht werden: In den winzigen, diffundierenden Öltopfen der Eukalyptusblätter breche sich das Licht. Mit dieser Bemerkung gibt Delia Falconer gleichsam den Modus ihres Romans vor, in dem romantische Verstrickungen immer wieder durch empirische Bebachtungen relativiert werden. Ihre Protagonisten, der Fotograf Harry Kitchings und die junge Apothekengehilfin Eureka Jones, besetzen diese beiden Pole, den des Künstlers und den der Wissenschaftlerin. Harry Kitchings ist von den Wolken inspiriert, auf der Suche nach Kumuls, Zirrus und Stratus - so sind auch die drei Teile des Romans überschrieben - unternimmt er halsbrecherische Exkursionen durch die Blue Mountains. Für die Figur des Harry Kitchings gab es ein lebendes Vorbild, den Fotografen Harry Phillips. Er war einer von jenen Künstlern, die es zu Anfang des Jahrhunderts in das pittoreske Katoomba zog. Angeregt von der französischen Schule der Freilichtmalerei versuchten sie das Licht der Blue Mountains einzufangen:

    "In dem Jahr, in dem das Hydro Majestic Hotel als hydropathische Einrichtung scheiterte, verliebte sich Harry Kitchings in die Luft und blieb. (...). Es war ein romantisches Jahr. Die Männer trugen Thermometer mit sich herum und träumten von Frauen, die der Blitz getroffen hatte. Postboten beförderten Pakete, die mit Liebe und menschlichem Haar gefüllt waren. Frauen hatten Notizbücher bei sich und preßten Stürme darin wie Blumen. Man konnte unsere Liebe wie Dampf von den Berggipfeln aufsteigen spüren; so jedenfalls mochte Harry Kitchings es beschreiben."

    Mit Katoomba hat Delia Falconer einen Schauplatz gefunden, der jene Grenze zwischen Realität und Phantasma markiert, auf der ihre sonderbare Geschichte gedeihen kann. Aus der Entfernung eines Jahrhunderts lassen sich die damals alltäglichen Ereignisse von Katoomba in Allegorien überführen, die Séancen und Wohltätigkeitsbasare des späten Viktorianismus, die Einführung des Kinematographen und die Elektrifizierung der Stadt, der Erste Weltkrieg und schließlich eine epidemische Schwindsucht, die die Ich-Erzählerin in ein zauberbergähnliches Sanatorium führt. Es scheint, als lebten die Bewohner von Katoomba in einer Art kollektivem Ausnahmezustand, der der Höhenlage des Ortes geschuldet ist, und der das Scheitern der Liebe zwischen Eureka Jones und Harry Kitchings geradezu herausfordert. Als Apothekengehilfin weiß Eureka Jones um die geheimen und die öffentlichen Leiden Katoombas, im Sommer kuriert sie Bienenstiche und Apoplexie, im Herbst die Verstauchungen des Jahrmarkttreibens, im Frühjahr bedient sie Verliebte mit Schlafmitteln und Parfümzerstäubern. Als ihre private Liebesgeschichte öffentliches Eigentum wird, versucht sie sich, im Blick der Anderen zu Gewißheit zu verschaffen:

    "Wenn ich heute an diese Jahre zurückdenke, fällt es mir schwer, daran zu glauben, daß Harry Kitchings meine Gefühle jemals erwidert hat; daß es keine Erfindung ist, die ich niederschreibe. Und doch darf ich vielleicht behaupten, daß er mich nach seiner eigenen Logik geliebt hat. Denn wenn ich mich getäuscht habe, dann stand ich damit nicht allein: Unsere Verbindung spiegelte sich in den Augen vieler anderer als eine Tatsache wieder."

    Eureka Jones zweifelt daran, ob ihre Liebe jemals existiert hat, ihre Erfahrung ist sozusagen in der Möglichkeitsform festgehalten und von einer ähnlich dünnen Stofflichkeit wie alle anderen Ereignisse des Romans. Dies ist ein handlungsarmer Roman, Falconer interessiert sich mehr für Atmosphäre und Bewußtseinszustände als für konkrete Handlungsabläufe. Ein solches Unterfangen glückt in der Regel nur dann, wenn ein ausreichendes Sprachvolumen zur Verfügung steht. Auch hier scheut Falconer die Höhenluft nicht, sie schreibt in einem elegischen, fast altmodisch anmutenden Sprachton. Ihre Bilder sind verknappend und lyrisch, wollen eher darstellen als deuten. Man nehme eine Äußerung der Mutter von Eureka Jones: Auch sie hatte zur Jahrhundertwende ihre Gründe, nach Katoomba zu kommen, auch sie war der dünnen Bergluft auf der Spur:

    "Sie hatte von diesem Ort gelesen, wo Küchen in so schwindelnden Höhen gebaut wurden, daß die Wolken durch das offene Fenster ins Brot hineinzogen und es ohne Hefe aufgehen ließen; wo die Wolken immer weiß und die Berge so blau waren, daß Laubenvögel, vor Lüsternheit wie betäubt, sich die Köpfe an den Saphirklippen einschlugen."

    Anhand von Delia Falconers Roman kann man einen Standortwechsel der jungen australischen Literatur beschreiben. Australien, hier verkörpert in dem Naturwunder der Blue Mountains, ist der selbstverständliche Ort. Aus eigener Kraft heraus ist er magisch, er muß nicht mehr durch die Brille des Einwanderers, des Schiffbrüchigen entdeckt werden, wie dies noch in den Romanen eines David Malouf geschieht, der zur Generation von Falconers Eltern gehört. In Falconers Roman ist Europa an den Horizont gedrängt, es ist der entfernte Kontinent des Ersten Weltkriegs. Man kommt nicht mehr von Europa, man geht nach Europa. Allmählich leeren sich die Straßen von Katoomba, immer mehr junge Männer verlassen die Stadt. Der Tod ganzer australischer Bataillone auf den europäischen Kriegsschauplätzen ist ein neuralgischer Punkt des australischen Geschichtsbewußtseins. Falconer streift ihn mit der Gelassenheit der Nachgeborenen und ohne ihr eigentliches Ziel aus dem Auge zu verlieren: Im Kern ist "Die Liebe zu den Wolken" ein Künstlerroman, und er erfüllt alle Verpflichtungen, die damit einhergehen. Mit Harry Kitchings hat Falconer einen Künstler geschaffen, der seinen romantischen Idealen so sehr verschrieben ist, daß er als Mensch aufs hehrste scheitert. Das ist nicht viel, aber viel mehr braucht es eben nicht für einen guten Roman. Delia Falconer beeindruckt durch ihre Entschlossenheit im Thema, in der Form und der Sprache: Hier ist eine disziplinierte und talentierte Autorin am Werk, von der man sicher noch hören wird.