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StartseiteDie neue PlatteDie Lust am Unvorhersehbaren07.04.2013

Die Lust am Unvorhersehbaren

Klaviermusik von Cage, Scarlatti und Feldman

Auf ihrer CD "Changes" verbindet die Pianistin Pi-hsien Chen neun ausgewählte Sonaten von Domenico Scarlatti mit John Cages vierteiliger Komposition "Music of Changes". Chen interpretiert Cage mit derselben Mischung aus Spannung, Flexibilität und Klarheit, wie sie Scarlattis Sonaten spielt.

Am Mirkofon: Barbara Eckle

Der US-amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage (picture alliance / dpa /Photoreporters)
Der US-amerikanische Komponist und Schriftsteller John Cage (picture alliance / dpa /Photoreporters)

Klavierwerke von Komponisten der sogenannten New York School stehen im Mittelpunkt der heutigen Sendung, in der ich Ihnen zwei im Ansatz sehr unterschiedliche neue Platten vorstellen möchte. Auf der Hand liegt sie nicht, die Verbindung zwischen John Cage, der Mitte des 20. Jahrhunderts den Zufall in die Komposition einführte und Domenico Scarlatti, dem italienischen Komponisten auf der Schwelle zwischen Barock und Klassik. Dass aber vordergründig logisches Programmieren nicht unbedingt zum intensivsten Erleben und Erfassen von Musik führen muss, beweist die CD "Changes" der Pianistin Pi-hsien Chen, die hier neun ausgewählte Sonaten Scarlattis um Cages vierteilige Komposition "Music of Changes" anordnet.

"Komponist: Domenico Scarlatti
Titel: Sonata K 24
Interpret: Pi-hsien Chen
Album: Changes
Lable: HAT HUT Records Ltd., LC 6048, Barcode: 7 52156 01882 7
Track: 5"

Die Experimentierlust des italienischen Altersgenossen von Bach und Händel äußert sich in seinen insgesamt 550 für das Cembalo komponierten Sonaten in vielfältiger Weise: Extrem divers im Charakter, sprengen sie den gewohnten virtuosen Rahmen und weisen zudem jegliche kompositorischen Regelbrüche auf, die zum Teil weit in die Musikgeschichte vorgreifen. Scarlattis sichere Stellung als Klavierlehrer und Hofkapellmeister am portugiesischen und später am spanischen Königshof mag ihm zu einem gewissen Grad die Freiheit erlaubt haben, seinen kompositorischen Einfallsreichtum so uneingeschränkt auszuleben, vermutet man.
Wenn zwischen Cage und Scarlatti auch 200 Jahre liegen, so lässt diese ungewöhnliche Konstellation doch erkennen, dass sich Eigenschaften des einen durchaus auch im anderen spiegeln. So findet sich – abstrakt betrachtet - das Spiel mit dem Unerwarteten, Ungeplanten bei Scarlatti genauso wie bei Cage wieder. Pi-hisen Chens objektive, von historischen Assoziationsfaktoren vollkommen befreite Interpretationsweise ermöglicht ein abstraktes Hören dieser Werke und bringt auf diese Weise eine unvermutete Essenz ans Licht. Den Notentext Cages interpretiert Chen mit derselben Mischung aus Spannung, Flexibilität und Klarheit, wie sie Scarlattis Sonaten mit ihren unerwarteten Wendungen, unkonventionellen Verzierungen und durch die Oktaven rauschenden Arpeggien und Skalen spielt. Die Lust am Unvorhersehbaren wird hier mit erfrischender Direktheit erlebbar.

"Komponist: John Cage
Titel: Music of Changes II
Interpret: Pi-hsien Chen
Album: Changes
Lable: HAT HUT Records Ltd., LC 6048, Barcode: 7 52156 01882 7
Track: 6"

John Cages Hauptanliegen bestand darin, musikalische Syntax und Rhetorik nicht nur aufzubrechen, sondern gänzlich zu entfernen. Er wollte quasi Musik ohne Form schaffen, um die Klänge ihrer Funktion im musikalischen Gefüge zu entledigen, die ihnen Geschichte und Gewohnheit unwiderrufbar zugewiesen hatte. Das ultimative Mittel zur Umsetzung dieser Ziele entdeckte er im alt-chinesische Orakelbuch "I-Ching", dem "Buch des Wandels", das er 1951 in "Music of Changes" erstmals kompositorisch einsetzte und das sein gesamtes weiteres Schaffen bestimmen sollte. Allein das Bestimmen der musikalischen Parameter mittels Zufallsoperationen ermöglichte ihm das vollkommen formfreie "nicht-intentionale musikalische Ereignis", das er sich wünschte.
Bei Scarlatti wiederum ist es gerade die Form, die ihm als Spielwiese für seine kompositorischen Bocksprünge dient. Seine Sonaten weisen sogar ein ausgeprägtes Formbewusstsein auf. Sie werden auch als Vorreiter der Sonatenform angesehen, die sich wenig später in Wien zum klassischen Standard weiterentwickeln sollte.

"Komponist: Domenico Scarlatti
Titel: Sonata K 235
Interpret: Pi-hsien Chen
Album: Changes
Lable: HAT HUT Records Ltd., LC 6048, Barcode: 7 52156 01882 7
Track: 7"

Trotz - oder gerade wegen des eklatanten Kontrasts inspiriert die Werkkombination dieser Platte zum Entdecken von Verwandtschaften zwischen der Musik der beiden Komponisten, sei es auch mehr in der kompositorischen Haltung und Herangehensweise als im musikalischen Material an sich. Christopher Fox öffnet in seinem Booklet-Text die Tür zu unterschiedlichen, zum Teil interessant reflektierten Verbindungsansätzen. Gerade aber im intuitiven Hören der Gegenüber- und Nebeneinanderstellung dieser Musiken offenbart diese Einspielung von Pi-hsien Chen ihre stärkste und erhellendste Wirkung: das Erlebnis einer zeitlosen Unmittelbarkeit.

"Komponist: John Cage
Titel: Music of Changes IV
Interpret: Pi-hsien Chen
Album: Changes
Lable: HAT HUT Records Ltd., LC 6048, Barcode: 7 52156 01882 7
Track: 11"

Die CD "Changes" der Pianistin Pi-hsien Chen ist in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk entstanden und 2012 beim Label Hat Hut Records erschienen.

Um musikalische Unmittelbarkeit bemühte sich neben John Cage auch dessen um 14 Jahre jüngerer Kollege und Freund Morton Feldman. Dieser strebte vor allem nach einem "völlig abstrakten Klangabenteuer", wie er es bezeichnete. Das berühmte erste Zusammentreffen der Komponisten 1950 in einer Konzertpause an der New Yorker Carnegie Hall gilt als eine der folgenreichsten Begegnungen der neueren Musikgeschichte. Cage führte Feldman sogleich in seinen illustren New Yorker Künstler- und Freundeskreis ein, wo bald ein reger Austausch mit Malern wie Philip Guston, Jackson Pollock und Mark Rothko seinen Anfang nahm. Die vollkommene Autonomie, die die Maler des Abstrakten Expressionismus der Farbe zu verleihen suchten, wünschte sich Morton Feldman auch für den Klang.
Mit "Projection 1" schuf Feldman 1950 erstmals ein grafisch notiertes Stück, das in den Tonhöhen mit einem Faktor der Unbestimmtheit arbeitete – ein Vorstoß, der auch auf John Cage großen Eindruck machte. Während Cage den Weg der Unbestimmtheit weiterentwickelte und durch das Einbringen von Zufallsoperationen bald radikalisierte, beschränkte sich Feldman weiterhin auf das Integrieren von unbestimmten Elementen in der Notation, wenn er auch schon bald wieder von der grafischen zu einer konventionellen Notation zurückkehrte. Eine breite Auswahl von Feldmans frühen Klavierwerken hat die Pianistin Sabine Liebner auf einer Doppel-CD mit dem Titel "Morton Feldman – Early Piano Pieces" eingespielt. Die streng chronologische Reihenfolge der zwischen 1950 und 1977 entstandenen Kompositionen lassen die Denk- und Entwicklungsschritte des Komponisten sukzessive und schleichend mitverfolgen. Das Werkpaar "Two Intermissions" aus dem Jahr 1950 gehört zu Feldmans frühsten Klavierwerken auf Liebners Platte:

"Komponist: Morton Feldman
Titel: Two Intermissions I
Interpret: Sabine Liebner
Album: Early Piano Pieces
Lable: WERGO (WER 6747 2), LC 00846, Barcode: 4 010228 674729
Track: 1 (CD 1)"

Im Laufe der fast 30-jährigen Entwicklung, die Sabine Liebners Einspielung umspannt, lässt sich genau nachvollziehen, wie Feldman den Unbestimmtheitsfaktor unter den verschiedenen musikalischen Parametern verschiebt. Während er in einer früheren Phase die Tonhöhen undefiniert lässt und somit wohl den effektivsten Bruch mit einer traditionellen melodie- und harmoniebezogenen Musikwahrnehmung vornimmt, verlagert er den Unbestimmtheitsfaktor nach 1957 auf die Tondauern. Und obschon Feldman seine kompositorischen Methoden immer wieder modifiziert, hält er deutlich hörbar an ein und derselben Klangvorstellung fest. Auch das dynamische Nivellieren im vorwiegend leisen Bereich ist seiner Intention geschuldet, jedes Organisations- und Strukturierungsprinzip auszuschalten, das vom Klang als Abstraktum ablenken könnte. Neben dieser vollkommenen Hingabe an den reinen, funktionslosen Klang unterwirft sich Feldman in seinen Kompositionen keinem Regelwerk, weder einem dodekaphonischen noch einem frei atonalen. Daran erinnert immer wieder der von Feldman geliebte Einsatz von Oktaven und Tonrepetitionen, wie sie etwa in der frühen Werkgruppe "Nature Pieces" häufig auftreten:

"Komponist: Morton Feldman
Titel: Nature Piece 3
Interpret: Sabine Liebner
Album: Early Piano Pieces
Lable: WERGO (WER 6747 2), LC 00846, Barcode: 4 010228 674729
Track: 10 (CD 1)"

Im Kontrast zu Chens CD "Changes" ist Liebners Doppel-CD in ihrem Konzept ganz konkret auf Vertiefung angelegt. Sie erlaubt und verlangt sogar das vollständige und ausschließliche Eintauchen in Feldmans Welt des autonomen Klangs. Liebners konzentriertes, präzises und doch ruhig fließendes Spiel bietet alle Voraussetzungen, die Entwicklung des Komponisten umfassend nachzuvollziehen, zwischen subtilen Nuancen zu differenzieren und die Funktion von Feldmans Denksystem zu begreifen. Eine eindrückliche Leistung und seltene Chance. "Morton Feldman – Early Piano Pieces" ist in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk entstanden und 2012 beim Label WERGO erschienen. Hören Sie nun zum Abschluss der Sendung einen Ausschnitt aus Feldmans "Piano Piece" aus dem Jahr 1963, das seinem guten Freund, dem Maler Philip Guston gewidmet ist. Am Mikrofon verabschiedet sich Barbara Eckle. (57'')

"Komponist: Morton Feldman
Titel: Piano Piece (to Philip Guston)
Interpret: Sabine Liebner
Album: Early Piano Pieces
Lable: WERGO (WER 6747 2), LC 00846, Barcode: 4 010228 674729
Track: 6 (CD 2)"

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