Freitag, 02. Dezember 2022


Die »lyrix«-Gewinner im September 2015

Im September fragten wir nach eurer Vorstellung von Heimat. Als Inspiration für die Vervollständigung des Satzes „Vielleicht ist Heimat …“ stellten wir Goethes Erstdruck des "West-östlichen Divans" aus der Bibliothek des Freien Deutschen Hochstifts/Frankfurter Goethe-Museums und das Gedicht "Möglicherweise ganz und gar" von Safiye Can vor.

29.10.2015

    Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern.
    Die Landschaft der Insel Hiddensee in Mecklenburg-Vorpommern. (imago / Westend61)
    Was ist für euch Heimat? Wie definiert man Heimat? Wie viele Heimaten kann ein Mensch haben? Was machen sie aus? Was passiert, wenn fremde und eigene Vorstellungen von Heimat aufeinanderprallen?
    Ihr habt euch intensive Gedanken um das Thema Heimat gemacht und uns sehr viele Gedichte eingesendet. Es ist spannend, welch unterschiedliche Texte entstanden sind, wie vielfältig sie den Begriff Heimat aufschlüsseln.
    Die Frage nach einer eindeutigen Definition von Heimat ist nicht einfach zu beantworten. In einem Punkt wart ihr euch aber einig: Heimat ist nicht allein an einen Ort gebunden. Vielmehr ist es ein Gefühl, dass wachgerufen wird durch Erinnerungen, Geräusche, Gerüche und besonders wenn "der Mensch Bruder des Menschen ist". Vielleicht ist Heimat die "Sehnsucht der Seele" nach dem "Gefühl / von Ruhe und Hoffnung in all dem Gewühl" und das "versteckte[...] Streben / nach Verwurzelung in der Welt".
    Zwar kann man seine Heimat auch ändern und auswählen, es geschieht jedoch selten aus freien Stücken, dass man "aus dem nirgendwo / ein irgendwo [machen kann], wo [man] sein möchte". Leider wechseln die meisten Menschen ihre Heimat aus einem Zwang heraus, der mit Flucht, Heimat- und Orientierungslosigkeit einhergeht und der den Menschen "heimatkrank nach einem heim das niemand kennt" werden lässt.
    Sehr viele von euch bauen auf diese Heimatflucht auf – das brisante und hochaktuelle Thema der Flüchtlingsströme, die nach Europa kommen, ihre geliebte Heimat verlassen mussten, um hier mit Hoffnung auf ein besseres Leben neu anzufangen. Ihr positioniert euch kritisch unserer Gesellschaft gegenüber, in der die "vor siebzig Jahren sogenannte[n] Heimatvertriebene[n] / [...] als erste und am schlimmsten / gegen jene tausend Heimatlose schimpfen, / die hier eine neue Heimat suchen" und ihr fragt euch, ob eine Heimat nur mit Harmonie, Schönheit und Frieden als solche empfunden werden kann.
    Was ist nun Heimat? Vielleicht ist Heimat, wenn du den "Glaube[n] an ein Zuhause wieder[finden]" konntest.
    Herzlichen Glückwunsch den Gewinnern im September und danke an alle für eure Einsendungen!
    Die Monatsgewinner im September 2015:
    Vielleicht ist Heimat nur ein Wort
    Heimat ist ein Wort, für das
    es in den meisten Sprachen keine
    Übersetzung gibt. Ist Heimat also
    typisch deutsch? Mitnichten.
    Und doch lässt sich auch auf Deutsch
    vortrefflich über Heimat dichten...
    "Denn es geschieht, dass man von diesem leisen
    und zarten Windhauch fort sich ziehen lässt.
    So geht der Geist im Leben oft auf Reisen,
    doch etwas in der Seele hält uns fest."
    Heimat ist es, wenn der Deutsche
    am Sonntagnachmittag spazieren geht
    und beglückt vom bunten Glanze
    an der Blumenwiese steht.
    Ist es noch Heimat, wenn am nächsten Sonntag
    von dieser Blütenpracht nichts mehr zu sehen,
    weil auf der Wiese große Zelte
    als Heimat nun für tausend Heimatlose stehen?
    Und ist es eigentlich noch Heimat, wenn
    vor siebzig Jahren sogenannte Heimatvertriebene,
    die hier eine neue Heimat fanden, wenn
    diese nun als erste und am schlimmsten
    gegen jene tausend Heimatlosen schimpfen,
    die hier eine neue Heimat suchen?
    "Heimat ist verstecktes Streben
    nach Verwurzelung der Welt.
    Heimat finden, Heimat leben,
    die Heimat ist es, die uns hält."
    Vielleicht ist Heimat gar kein Ort.
    Vielleicht ist Heimat nur ein Wort.
    Christian Bernert, Jahrgang 1997
    Vielleicht ist Heimat...
    Das Haus, in dem du lebst.
    Die Geräusche.
    Das Tapsen kleiner Füße auf Steinboden
    Das Sprudeln im Wasserglas
    Das Entfalten eines zerknüllten Papiers
    Als würden die weggeworfenen Ideen
    leise meckern.
    Die Gerüche.
    Das Fach mit den Gewürzen darin
    Die Lösung für zu wenig Zeit
    Die lachenden Lillien
    Die jeder fürchterlich findet
    und doch niemand wegschmeißt.
    Die Augenblicke.
    Der Staub, der im goldenen Lichtstrahl schwebt Der einsame Küchentisch Der Mond, der nachts über dich wacht, Und der Schokoladenkuchen, der Opfer eines brutalen Anschlags geworden ist.
    Die Erinnerungen.
    "Mach die Musik leiser!"
    "Gute Nacht, Schatz."
    "Wir haben uns auseinander gelebt."
    "Wie war dein Tag?"
    "Ich hasse dich."
    "Ich hab dich lieb."
    "Ich mache mir Sorgen."
    "Lass uns eine Höhle bauen!"
    "Wir sind spät dran!"
    "Wann kommst du nach Hause?"
    "Mach's gut!"
    "Es tut mir leid."
    Vielleicht aber auch nicht.
    Vielleicht bemerkst du irgendwann,
    Während du wartend am Fenster sitzt,
    versuchst den Blumen zuzuhören,
    an deinem Wasserglas riechst
    und nicht mehr weißt,
    wie Mondschein schmeckt
    ( - süß und traurig zugleich),
    dass Heimat kein Ort ist,
    Sondern ein Gefühl.
    Vivian Knopf, Jahrgang 1999

    o. T.
    ich ging von dort nach hier
    und machte aus dem nirgendwo
    ein irgendwo, wo ich sein möchte
    an meine H e i m a t bindet mich nicht mehr
    als eine Geburtsurkunde
    ich habe den Glauben an ein Zuhause wiedergefunden
    hier oben, zwischen Wald, Wodka und
    der finnischen Einfachheit des Lebens
    die alte Welt existiert nur in der Vergangenheit
    und auf gepunkteten Linien
    ich konstruiere mir die neue
    aus den besseren Molekülen
    Patricia Machmutoff, Jahrgang 1996
    Heimat
    Vielleicht ist Heimat - "Was heißt vielleicht?",
    Hört man den dreisten Dresdner sagen,
    "Heimat sind - das ist doch ganz leicht -
    Die abendländischen Werte."
    Auch der Asylkritiker aus Heidenau meldet sich zu Worte:
    "Heimat ist Nation und Volk für immerdar,
    Und was nicht, obwohl im Land, wird bejubelt zum brennenden Orte,
    Dass niemals der Mensch vergesse, was Großdeutsche Größe war!"
    "Mia san mia!", hört man sie in Bayern feiern,
    "Heimat ist Weißwurst, Bier und Kraut
    Sowie Betreuungsgeld und Maut,
    Denn Deutschland wär' nichts ohne Bayern!"
    So leb' ich dahin, ganz ohne Nation und Stolz,
    Ohne Region im Gefühl, ohne Religion im Herz.
    Weder zugewandt bin ich heimischem Holz
    Noch fühle ich, wenn die eigne Mannschaft verliert, den Schmerz.
    Denn Heimat ist nicht an den Ort gebunden:
    Wo das Haus sich aus dem Wald erhebt,
    Der Mensch die nächtlichen Straßen belebt,
    Der Wanderer den Sand in der Wüste verweht
    Und der Menschheit Werk den Gedanken säht,
    Dass der Nationen Grenzen seien verschwunden,
    Hält Elysiums Tochter die Flügel geweitet
    Und hat die frohe Kunde verbreitet,
    Dass Heimat genau dort zu finden ist,
    Wo der Mensch Bruder des Menschen ist.
    Jonathan Pernaß, Jahrgang 1998
    [auf dem bahndamm]
    auf dem bahndamm hinterm haus ziehen züge überland
    bringen ratternd diesen ort ins wanken lassen einen leichten wind
    zurück der die scheiben klirren lässt. bist du noch da? fragt mutter
    und tastet nach dir. und hier sind die gepackten koffer
    und die fremde hinterm hauptbahnhof. wenn ich bleibe
    kommst du dann zurück? aber du bist längst ein rattern
    hinterm haus als mutter ihre koffer packt und in die andre richtung fährt.
    draußen ziehen die septembervögel knapp der hitze hinterher
    heimwehkrank nach einem heim das niemand kennt.
    Ansgar Riedißer, Jahrgang 1998
    Und hier zwei Beiträge "außer Konkurrenz":
    (Jeder Teilnehmer kann maximal zweimal Leitmotivrundengewinner werden. Weitere eingesandte Gedichte werden trotzdem von der Jury bewertet. Sollte ein Gedicht nach Punkten unter den besten sein, wird es "außer Konkurrenz" veröffentlicht.)

    heimatsterne
    orte
    klänge
    gerüche
    gefühle
    sand rinnt warm durch meine hand
    schäumend brechen Wellen sich am strand
    ich rieche das salz des meeres
    landkartengleich bildet es zarte weiße ränder
    auf meiner braunen haut
    möwen unterhalten sich kreischend im wind
    der zärtlich mein haar zerzaust
    muscheln schillern sammlerhänden entgegen
    ein tiefes gefühl von heimat umspült mich
    wie wellen den strand
    eine ahnung zimt
    und
    ich fühle weihnachten mitten im sommer
    ein hauch von veilchen
    und
    ich spüre die warmen weichen arme meiner mutter
    schutz – geborgenheit
    dieses "alles wird wieder gut gefühl"
    erinnerungen
    sind kleine heimatsterne
    sie leuchten in mir
    ich kann sie
    atmen
    hören
    sehen
    fühlen
    gestern
    heute
    morgen
    immer
    heimatsterne leuchten
    an jedem ort der welt
    Lara-Sophie Cronhardt-Lück-Giessen, Jahrgang 2000
    Vielleicht ist Heimat...
    Vielleicht ist Heimat ein bestimmter Ort,
    vielleicht auch nur ein schönes Wort,
    vielleicht, na ja, wer weiß das schon?
    Vielleicht ist Heimat nur ein gutes Gefühl,
    ein ruhiger Pol im Weltengewühl,
    ein sehnsuchtsvoller Himmelston.
    Vielleicht ist Heimat ein bestimmtes Haus
    du schautest als Kind aus dem Fenster raus,
    und der Baum vor der Tür war dein Freund.
    Vielleicht ist Heimat auch unter den Linden,
    unter denen sich abends die Freunde finden,
    wenn die Sonne schon nicht mehr scheint.
    Vielleicht ist Heimat ein nettes Gesicht
    das lächelnd dich grüßt, deine Sprache spricht,
    die sonst nicht jeder kennt.
    Vielleicht ist Heimat eine helfende Hand,
    eine warme Umarmung, ein sicherer Stand,
    jemand, der dich beim Namen nennt.
    Vielleicht ist Heimat auch Sicherheit,
    ein Ort ohne bittere Einsamkeit,
    mit vertrauten Menschen um dich.
    Vielleicht ist Heimat wo man zu dir hält,
    ein kleiner Platz unterm Sternenzelt.
    Aber ich weiß es nicht.
    Denn vielleicht ist Heimat, wovon man dich vertreibt,
    vielleicht ist Heimat, dort wo man nicht gerne bleibt,
    oder einfach nicht bleiben kann.
    Denn vielleicht ist Heimat ein Ort voller Grauen,
    wo man nicht weiß, wem kann man noch trauen,
    von wo man dich verbann.
    Denn vielleicht ist Heimat ein Ort, den man liebt,
    aber wo es für dich keine Hoffnung mehr gibt,
    nur noch tägliche Gefahr.
    Denn vielleicht ist Heimat dein Traum in der Nacht,
    schweißgebadet bist du daraus aufgewacht,
    weil es früher mal Heimat war.
    Heimat, die nun keine Heimat mehr ist,
    die du, so sehr du auch willst, niemals mehr vergisst,
    weil sie dir ein zuhause war.
    Heimat, an der dein Herz trotz allem noch hängt,
    an die man sofort nach dem Aufwachen denkt,
    an jedem Tag im Jahr.
    Was ist Heimat? Die Sehnsucht der Seele vielleicht,
    was du nicht mehr oder noch nicht hast erreicht,
    ein Ort, an dem es Frieden gibt.
    Vielleicht ist Heimat ein Platz oder nur ein Gefühl
    von Ruhe und Hoffnung in all dem Gewühl,
    vielleicht ist Heimat, wo dich jemand liebt.
    Magdalena Wejwer, Jahrgang 1997