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Die Mobilität der Allesfresser

Vor mehr als drei Millionen Jahren lebten nicht nur im Gebiet des ostafrikanischen Grabenbruchs menschliche Vorfahren, sondern auch 2500 Kilometer weiter westlich. Nun berichtet ein internationales Forscherteam, dass diese frühe Mobilität möglicherweise ein Resultat flexibler Ernährung war.

Von Michael Stang | 13.11.2012

    Einer der Gründe, warum sich Menschen auch schon in ihrer Frühzeit neue Lebensräume erschließen konnten und viele klimatisch verschiedene Gebiete besiedelten, war ihre Ernährungsweise. Menschen haben als Allesfresser ein breites Nahrungsspektrum und sind nicht nur auf bestimmte Pflanzen oder Tiere angewiesen. Ob auch schon Australopithecus bahrelghazali, eine permanent aufrecht gehende Menschenart, die vor rund drei Millionen Jahren im Gebiet des heutigen Tschad gelebt hat, sich von verschiedenen Pflanzen ernährte, wollte Julia Lee-Thorp von der Oxford University herausfinden.

    "Wir haben Kohlenstoff-Isotopen-Untersuchungen am Zahnschmelz gemacht. Kohlenstoff wird mit der Nahrung aufgenommen und man findet ihn in allen Körperteilen. In vielen Regionen Afrikas wachsen bestimmte Gräser, die einen hohen Anteil an den Kohlenstoff-Isotopen C13 haben, im Gegensatz zu allen anderen Pflanzen, wie etwa Bäume oder dergleichen, also Pflanzen, die auch in kühleren Gebieten wachsen."

    Die Idee war einfach: Ließe sich nachweisen, dass die Frühmenschen auch schon Gräser und Riedgräser gegessen haben, waren sie nicht mehr nur auf Nahrung aus dem Wald angewiesen wie ihre Vorfahren, die mit ihren wuchtigen Mahlzähnen hauptsächlich Nüsse, Wurzeln und Samen zerkauten. Um das zu überprüfen, untersuchte die britische Archäologin verschiedene Zahnschmelzproben. Einige stammten von Tieren, die in der gleichen Fundschicht wie die Zähne der Frühmenschen entdeckt wurden und deren Ernährung bekannt ist, etwa von Schweinen, Pferden und Antilopen. Zudem analysierte Julia Lee-Thorp drei Zahnschmelzproben von Australopithecus bahrelghazali.
    "Bei diesen drei Frühmenschen haben wir einen hohen Anteil an C13-Isotopen im Zahnschmelz gefunden. Das ist der Beweis, dass sie viele Pflanzen gegessen haben, also in erster Linie Riedgräser oder Gräser, viel mehr bleibt da nicht. Davon haben sie sich also überwiegend ernährt."

    Damit ist klar, dass Vertreter von Australopithecus bahrelghazali schon vor mehr als drei Millionen Jahren auch Savannenpflanzen gegessen haben. Julia Lee-Thorp gelang damit der Beweis, dass unsere Vorfahren schon mehr als 500.000 Jahre früher als bislang bekannt ihre Ernährung umgestellt und nicht mehr nur Nüsse und Wurzeln gegessen haben, die es meist nur im Wald zu finden gibt, sondern auch zahlreiche Gräser. Da die Zähne in tonhaltigen Sandsteinschichten entdeckt wurden,
    sei dies ein weiterer Hinweis, so die britische Forscherin, dass diese Frühmenschen an bewaldeten Weideflächen und kleinen Flüssen gelebt haben. Diese Umstellung begann also schon kurze Zeit nachdem die frühen Menschen für immer die Bäume verlassen hatten und nur noch aufrecht auf zwei Beinen liefen.

    "Wir gehen davon aus, dass diese Frühmenschen sich neue Gebiete erschließen konnten und zwar durch diese Umstellung der Ernährung. Weil sie eben nicht mehr nur auf Nahrungsmittel angewiesen waren, die ausschließlich im Wald wachsen, konnten sie auch in offenere Gebiete vordringen."

    Und die Eroberung der Savanne war einer der entscheidenden Schritte in der Menschwerdung. Denn nicht nur der permanent aufrechte Gang war in diesen Regionen von Vorteil, sondern ebenso die Fähigkeit, sich dort ernähren zu können.