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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Nacht der Physiker16.12.2012

Die Nacht der Physiker

Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe

Richard von Schirach hat ein Schicksal, an dem man scheitern kann, denn er ist Sohn des Reichsjugendführers Baldur von Schirach. Deshalb setzt sich der Autor immer wieder mit dem Thema Verantwortung auseinander, Diesmal widmet er sich in seinem Buch "Die Nacht der Physiker" den Karrieren von Werner Heisenberg, Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker und der Atombombenforschung in Hitler-Deutschland.

Rezension: Dagmar Röhrlich

Richard von Schirach. Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe (Berenberg Verlag)
Richard von Schirach. Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe (Berenberg Verlag)

Es beginnt im April 1945. Während in Berlin noch gekämpft wird, suchen die Amerikaner in Bayern einen Atomphysiker: Werner Heisenberg. Am 4. Mai 1945 finden sie "Number One" in seinem Haus am Walchensee, entführen ihn. Ebenso die anderen an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler: Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker, Erich Bagge, Kurt Diebner, Walther Gerlach, Paul Harteck, Horst Korsching, Max von Laue und Karl Wirtz. Sie bringen die Physiker auf einen englischen Landsitz bei Cambridge, wo sie zwischen dem 3. Juli 1945 und dem 3. Januar 1946 vom Geheimdienst abgehört werden.

Die Frage ist, was der Geheimdienst wohl von diesen Wissenschaftlern gehalten haben mag. Die Physikerelite war zerstritten. Und sie hielten sich für die Weltelite. Sie glaubten, dass nur sie fähig seien, die Bombe zu bauen. Erst in der Nacht, als sie von der Bombe auf Hiroshima erfuhren, begriffen sie, dass das ein Irrtum war: Die Amerikaner hatten aus Angst vor ihnen ihr Atomprojekt vorangetrieben. Und angesichts der Toten in Japan wurde den Wissenschaftlern ihre eigene fatale Rolle bewusst: Sie begannen, nach Ausreden zu suchen, dass sie die Bombe niemals hätten bauen, nur die friedliche Nutzung der Kernenergie erforschen wollten.

Richard von Schirach spürt dem anhand der 1992 freigegebenen Geheimdienst-Protokolle nach. Eingestreut sind Zeitsprünge: zu Fritz Haber, der im Ersten Weltkrieg des Einsatz von tödlichem Chlorgas gegen die Feinde empfahl oder zum Manhattan-Projekt im Jahr 1942. "Die Nacht der Physiker" ist ein verstörendes Buch, das die Hybris der führenden Forscher Hitler-Deutschlands entlarvt. Richard von Schirach ist eine genaue Analyse des Geschehens gelungen, die den Leser nicht los lässt - und in deren Verlauf er sich die Frage stellt, ob die Wissenschaftler von heute ihre Lektion gelernt haben…

Richard von Schirach. Die Nacht der Physiker. Heisenberg, Hahn, Weizsäcker und die deutsche Bombe
ISBN: 978-3-937-83454-2
Berenberg Verlag, 272 Seiten, 25 Euro

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