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StartseiteForschung aktuell"Die nächsten 24 Stunden werden entscheiden"17.03.2011

"Die nächsten 24 Stunden werden entscheiden"

Reaktorkatastrophe in Fukushima spitzt sich zu

Kernkraft. - Im Atomkraftwerk Fukushima wird ein Austritt großer Mengen radioaktiven Materials nach Einschätzung von Experten immer wahrscheinlicher. Die Versuche, die Reaktoren mit Wasser zu kühlen, werden immer verzweifelter. Der Wissenschaftsjournalist Ralf Krauter berichtet im Gespräch mit Uli Blumenthal über die jüngsten Entwicklungen.

Hubschraubereinsatz über dem AKW Fukushima 1 (AP)
Hubschraubereinsatz über dem AKW Fukushima 1 (AP)

Blumenthal: Herr Krauter, Sie beobachten die Entwicklung für uns im japanischen Atomkraftwerk. Wie ist die aktuelle Lage?

Krauter: Mein Gefühl ist, man steht mit dem Rücken zur Wand, Herr Blumenthal. Die Lage hat sich heute im Verlauf des Tages weiter zugespitzt, war ja auch in den Nachrichten. Die beiden größten Sorgenkinder der Verantwortlichen waren und sind nach wie vor die beiden Reaktorblöcke 3 und 4 derzeit. Beide haben Abklingbecken, Swimmingpools, in denen heiße Brennelemente stehen. Normalerweise hat das Wasser in diesen Pools um die 25 Grad, das ist eine Art Kältebad für diese heißen Brennstäbe. Aber weil die Kühlkreisläufe ausgefallen sind, hat sich das Wasser immer weiter erhitzt, irgendwann mal begann es zu kochen und ist verdampft. In Block 4, wo besonders frische und deshalb heiße Brennelemente gelagert sind in diesem Abklingbecken - die wurden im Dezember 2010 aus diesem Reaktor geholt und sind deswegen noch sehr heiß - ist der Wasserstand wohl fast bei Null, die Meldungen waren ein bisschen widersprüchlich. Und deshalb hat man, wie Sie schon sagten, den ganzen Tag verzweifelt versucht, da irgendwie Wasser reinzubringen. Genau wie in Block 3, wo es ähnliche Probleme gibt. Wie ist man vorgegangen? Zuerst mit Hubschraubern, man hat versucht, tonnenweise Wasser von oben abzuwerfen. Insgesamt vier Flüge gab es von japanischen Militärhelikoptern. Aber die Fernsehbilder waren sehr ernüchternd. Man sieht da, dass das meiste Wasser doch vom Wind verweht wurde, dass die Piloten wegen der Strahlenbelastung oft gar nicht dicht genug an die AKWs heran fliegen konnten, um dann wirklich einen Treffer zu erzielen. Heute Nachmittag dann hat man es mit Hochdruckpumpen vom Boden aus versucht, Wasserkanonen, montiert auf fünf Spezialfahrzeugen, die Meerwasser auf diese extrem überhitzten Bereiche sprühen sollten. Der Betreiber Tepco meldete dann vor knapp zwei Stunden, diese Aktion hätte zumindest bei Reaktorblock 3 Erfolg gehabt. Man sagte, man hätte 30 Tonnen Wasser auf die kritische Zone gespritzt, und dass man den Reaktor und das Abklingbecken mit diesem plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen tatsächlich getroffen hat. Das konnte man allerdings nur aus dem Aufsteigen von Dampf schließen. Da wurde also vermutlich tatsächlich etwas gekühlt. Aber wie effizient das ganze war, das kann man bis auf weiteres noch gar nicht sagen.

Blumenthal: Sie haben von 30 Tonnen Wasser gesprochen. So ein Abklingbecken, da sind 2000 Tonnen Wasser eigentlich drin. Was weiß man denn eigentlich, was die Kühlaktion denn gebracht hat?

Krauter: Ja, das ist bisher noch ein bisschen im dunkeln. In Japan ist es auch schon wieder Nacht, man musste abbrechen, genaue Messwerte gibt es nicht. Ob das ganze nachhaltig und wirklich hilfreich war, weiß man nicht. Gut möglich, dass wir erst morgen genauer sagen können, ob die Maßnahme Erfolg gebracht hat. Es wirkt eben schon fast ein bisschen wie verzweifelt und Aktionismus, was man da heute gesehen hat. Das kann man, glaube ich, jetzt schon sagen: Man versucht alles, um das Desaster abzuwenden. Die Katastrophe, das wäre das Tschernobyl-Szenario, bei der große Mengen radioaktiver Partikel in die Umwelt gepustet werden und die Umgebung dann weiträumig verstrahlen. Dann wäre man ja auch in Tokio nicht mehr sicher. Und noch ist nicht klar, ob es zu so einem GAU noch kommen könnte, oder nicht. Mit viel Glück lässt er sich vielleicht noch verhindern, aber Experten schätzen eben, na ja, vermutlich in den nächsten 24 Stunden, 36 Stunden, wird sich entscheiden, ob man Erfolg hat oder nicht.

Blumenthal: Eine ganz andere Frage: Was wäre, wenn man die Blöcke im Atomkraftwerk sich selbst überlassen würde? Also die Kernschmelze einfach Kernschmelze sein lassen würde? Ist das nicht das kleinere Übel, als jetzt überall Wasser drauf zu sprühen, dadurch sozusagen Wasserdampf zu produzieren, der Radioaktivität verteilt?

Krauter: Also, die Reaktorkerne selbst, wo ja auch Kernschmelzen selbst teilweise schon stattgefunden haben…, wäre das vielleicht sogar eine Option. Da gibt es ja noch weit gehend intakte Stahlcontainer, die haben zwar kleine Defekte, aber Druckmessungen verraten, im Prinzip sind diese noch existent und sie halten auch radioaktive Partikel zurück. Da wäre das vielleicht eine Option weil man eben nicht genau weiß, was mit dieser Kernschmelze passiert, ob die sich nicht irgendwann durch so ein Reaktorgefäß auch durchfressen kann. Diese abwartende Option wäre sicher eine ganz schlechte Idee für die Abklingbecken auf den Dächern der Reaktoren, denn die liegen ja praktisch im Freien. Bei Reaktorblock 4 gibt es ja massive Schäden, da ist der Swimmingpool auf dem Dach, da stehen diese toxischen, radioaktiven Elemente drin. Und wenn da jetzt kein Wasser mehr drauf ist, würde das Worst-Case-Szenario eintreten. Die Brennstäbe würden in Brand geraten, irgendwann, entweder ein Zirkon-Brand, weil die Metallhüllen Feuer fangen, oder wenn noch ein bisschen Wasser in der Nähe ist, könnte sogar die atomare, nukleare Kettenreaktion wieder in Gang kommen, und das ganze weiter erhitzen, weil das Wasser die Neutronen bremst. Also beide Szenarien extrem unangenehm. Ein Brand würde massenhaft Partikel in die Atmosphäre schleudern, genau das, was man vermeiden will, wie so ein Silvestervulkan, oder eine Explosion. Das wäre natürlich auch nicht besser, hätte einen ähnlichen Effekt. Also, es bleibt weiter unklar. Die nächsten 24 Stunden werden entscheiden, ob Japan der Gau blüht oder nicht.

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