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StartseiteCorsoAus grauer Städte Mauern23.04.2015

Die Neue Deutsche WelleAus grauer Städte Mauern

Kaum eine andere Musikrichtung hat Kritiker, Fans und Musiker so sehr gespalten wie die Neue Deutsche Welle, die Ende der 70er-Jahre über die BRD hereinbrach. Aufstrebende Musiker und Bands pfiffen auf die Major-Labels, die sich allerdings auch kaum interessiert zeigten - bis die Welle von selbst durchstartete. Eine neue CD-Reihe will nun die ganze Geschichte erzählen.

Von Veronika Bock

Der deutsche Sänger Stefan Remmler bei einem Auftritt. (dpa/Erwin Elsner)
"Da da da" - mit der NDW-Band Trio startete Stefan Remmler seine Karriere. (dpa/Erwin Elsner)
Weiterführende Information

Pop - Neue Deutsche Welle in ganz neu
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 22.08.2014)

Trio, Nena, Spliff. Frl. Menke, Hubert K., Joachim Witt. Abwärts, der Plan, Fehlfarben. Nichts und Rheingold und Extrabreit.

Man kennt sie noch heute, die Ohrwürmer aus den späten 70er und frühen 80er Jahren: Der Flieger, der goldene Reiter, die hohen Berge, 99 Luftballons und Da, Da, Da. Und genau das ist es, was uns gewöhnlich um die Ohren gehauen wird, wenn mal wieder die Neue Deutsche Welle ausgegraben wird. Als Fetenhits und Starcollection. Hitgiganten und Karaoke Party.

Aber auch das ist die NDW, neue Klänge, die nicht die Hitparaden stürmten, die sich bis heute nicht eingängig ins Ohr schmusen, sondern laut und rau, schräg und krawallig daherkommen.

"Die Leute kamen rein und haben gesagt: Du, wir haben gerade 'ne Platte gepresst, fünf Stück, kannst du davon eine mal spielen?"

Burghard Rausch, er hat die Kompilation für das Label Bear Family Records zusammengestellt. Damals war er beim Rias in Berlin.

"Haben wir gemacht, na logisch haben wir das gemacht, weil wir wollten die Leute ja auch unterstützen, weil es gehörte irgendwie dazu, es ist was Neues."

Was Neues, so fing es an, Ende der 1970er Jahre, als von Welle noch keine Rede war. Nur von Stillstand und gähnender Langeweile. Die deutschen Bands hatten bis dahin fast ausschließlich englische und US-amerikanische Musik kopiert. Die einzigen deutschsprachigen Stars hießen Lindenberg, Maffay und Müller-Westernhagen, gingen auf Dröhnlandtour, trällerten "Und es war Sommer" oder gaben sich als "Pfefferminz Prinz" die Ehre.

"Es gab halt viele neue Bands, die sich abkoppeln wollten von dem anglo-amerikanischen Markt und fingen dann an, deutsche Texte zu singen, die Industrie hat das natürlich völlig abgelehnt, und aus dieser Not heraus haben viele Bands damals in Deutschland kleine Labels gegründet."

ZickZack, Risiko, Non Fun records, Tapete, Rondo, Wunschklang. Alle unter der Überschrift: Das kannst du auch. Ohne großes Geld, und dank billiger Synthesizer auch ohne teures Equipment, jeder kann alles, und jeder macht auch alles.

1980 stürmt die Gruppe Ideal die Albumcharts, jetzt wird die Musikindustrie wach, hellwach und hungrig und gierig.

"Die Musikindustrie hat erkannt, dass Geld zu verdienen war. Die sind dann natürlich alle eingefallen. Damals hieß es in West Berlin, jeder der 'ne Gitarre oder ein Instrument in den Händen halten kann, wurde unter Vertrag genommen von der Industrie."

Und wie es abgeht: immer voran, im Sauseschritt, mit dem Taxi nach Paris, heut Nacht und das natürlich extrabreit. Laut schrill und irre fetzig, jubelt die Bravo.

"Es war ein Overkill. Weil, es wurde alles auf den Markt gebracht von den großen Plattenfirmen, und jeder sagte nee. Man kann es einfach nicht mehr hören. 84, 85 war plötzlich die ganze Sache erledigt."

Auch für Burghard Rausch. Bis heute. Bis ihn ärgerte, dass sich kaum noch einer erinnert an die Fülle, die enorme Bandbreite, die die Neue Deutsche Welle hatte. Und deshalb kommt seine Kompilation auch weder alphabethisch noch chronologisch, sondern kreuz und quer daher.

"Also die Leute, die Nina Hagen hören wollen, müssen auch den 1. Futurologischen Congress hören, der vorher oder nachher ist. Also dass man sich sozusagen auf Sachen einlässt, die man nicht kennt."

Und so gehört ist die NDW auch 30 Jahre nach ihrem Ableben wieder ganz frisch und neu.

 

Aus grauer Städte Mauern - Die Neue Deutsche Welle (NDW) 1977-85 - Teil 1
2-CD Digipak (6-seitig) mit 152-seitigem Booklet, 50 Einzeltitel. Gesamtspieldauer ca. 176 Minuten.
Erster von insgesamt vier Teilen zur Geschichte der NDW. Der erste umfassende Überblick über die Neue Deutsche Welle – Stil- und Label-übergreifend – von 1977 bis 1985.
24,95 Euro; Label: Bear Family Records

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