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Die neuen Wüsten Europas

Klimaforschung. - In Amsterdam wird in dieser Woche auf der Europäischen Konferenz über Angewandte Klimatologie der neue EU-Klimareport vorgestellt. Eine seiner Kernaussagen: Europa hat sich seit Industrialisierung noch stärker erwärmt als Welt im Mittel - und dieser Trend soll Bestand haben.

Von Volker Mrasek | 29.09.2008
    Vor vier Jahren legte die Europäische Umweltagentur zuletzt einen Klimareport vor. Aus der Sicht von André Jol bringt die aktuelle Neuauflage diverse Fortschritte. Der Niederländer zählt zu den Hauptautoren der Studie. Jol leitet die Fachgruppe "Klimawandel und Energie" in der Kopenhagener Umweltagentur:

    "Wir haben uns die Folgen des Klimawandels für Artenvielfalt und Ökosysteme genauer angeschaut. Auch auf Europas Binnengewässer wird erstmals näher eingegangen. Auf diesen Feldern kommt die Forschung erst jetzt stärker in Gang. Das ist das Neue am Report."

    Von steigenden Lufttemperaturen ist ständig die Rede. Aber auch Flüsse und Seen erwärmen sich kontinuierlich, zum Teil sogar viel stärker. Laut dem neuen Klimareport betrug der Temperaturzuwachs in Binnengewässern bis zu drei Grad Celsius während der letzten hundert Jahre:

    "In allen europäischen Flüssen und Seen nimmt die Wassertemperatur zu. Klar ist auch, dass Algenblüten heute etwa einen Monat früher auftreten als noch vor 30 Jahren. Wir müssen damit rechnen, dass giftige Blaualgen dadurch in ihrer Entwicklung begünstigt werden. Das ist eine Gefahr sowohl für Badegäste wie auch für die Ökosysteme der Binnengewässer."

    Tiere und Pflanzen sind an ihre Umgebung angepasst – und damit auch an die Klimazone, in der sie leben. Steigende Temperaturen verrücken ihre Verbreitungsgebiete – ein Trend, der sich auch in Europa deutlich zeigt. Der neue Klimareport führt dazu verschiedene Beispiele an. Etwa einen Petersfisch aus dem Nordatlantik. Die Art wandere jedes Jahr 50 Kilometer weiter nach Norden, heißt es im Bericht. An anderer Stelle liest man, dass sich das optimale Klima-Regime für Europas Brutvögel in diesem Jahrhundert um über 500 Kilometer nord-ostwärts verschieben könnte. Saisonale Temperaturen und die Wasserverfügbarkeit sind dabei entscheidend. Generell steuerten die hiesigen Tier- und Pflanzenarten nordwärts - und auch die immer wärmer werdenden Berge hinauf. Es sei wichtig, ihnen den Weg nicht zu verbauen, sagt André Jol:

    "In Europa gibt es heute große Landschaftsteile, die unter Schutz stehen. Das sind die so genannten Natura-2000-Gebiete. Es ist sicher sinnvoll, sich zu überlegen, wie man sie auch zukünftig - unter dem Druck des Klimawandels – erhalten kann. Unerlässlich wird auf jeden Fall sein, diese Naturzonen stärker zu vernetzen. Damit Tier- und Pflanzenarten auf die Klimaerwärmung reagieren und ohne Hindernisse wandern können."

    Der neue Klimareport verweist zudem auf ein Problem, das von vielen bisher verkannt wird: Nicht nur im Mittelmeerraum, sondern auch in Zentral- und Osteuropa trocknen die Böden aus. Sie erodieren und verlieren ihre fruchtbare Auflage. Am Ende – das ist keineswegs übertrieben – entsteht Wüste. Luca Montanarella, Leiter der Bodensektion am Forschungszentrum der EU-Kommission im italienischen Ispra:

    "Ja, wirklich – das Problem wird kaum öffentlich wahrgenommen. Dabei sind selbst Länder wie Litauen, Polen oder Ungarn von Wüstenbildung betroffen. Uns liegen neue Daten vor, die zeigen, dass Böden auch dort degradieren, wo niemand damit rechnet. Zum Beispiel in England und Wales. Jeder würde sagen: Das ist doch eine ziemlich feuchte Ecke Europas. Tatsächlich hat England in den letzten Jahren starke Dürren erlebt. Und solche Trockenphasen werden sich vermutlich noch häufen."

    Nirgendwo auf den Kontinenten ist mehr Kohlenstoff gebunden als in Böden. Trocken sie aus, verlieren sie Kohlendioxid an die Atmosphäre – was die Klimaerwärmung wiederum forciert. Das Gleiche geschieht, wenn Grasland in Ackerland umgewandelt wird. Der neue Klimareport betont deshalb, wie wichtig ein Boden-Beobachtungsnetzwerk in Europa wäre. Doch das scheitert bisher am Widerstand der großen Agrarländer, sprich: an Deutschland und Frankreich. Ihre Politiker fürchten Einschränkungen für eine wichtige Klientel: die Landwirtschaft.