Samstag, 26. November 2022

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Die Obsession des italienischen Volksheldens

Die Entdeckung, dass Guiseppe Garibaldi ein belesener Mann war, kam für viele überraschend. Denn das Bild des kriegerischen Helden passte und das Image des belesenen Garibaldis passten lange nicht zusammen. Die Bibliothek des italienischen Nationalheldens wurde jetzt zum Museum.

Von Thomas Migge | 02.03.2011

    Er war die meiste Zeit seines Lebens auf Achse: als Revolutionär, Weltreisender und General zwischen Europa und Lateinamerika. Auf seinem Rappen durchritt er ganz Italien, getrieben von der Mission, die seit der römischen Antike in Klein- und Kleinststaaten zersplitterte Apenninhalbinsel endlich politisch zu einen. Doch Volksheld Garibaldi fand anscheinend immer wieder auch Zeit einer Leidenschaft zu frönen, von der Italien bislang allerdings nichts wusste. Unglaublich aber wahr: Eine der am meisten erforschten historischen Persönlichkeiten des Landes, einer der Hauptverantwortlichen der italienischen Staatseinigung vor genau 150 Jahren, hat viel und oft gelesen, aber bis auf einige wenige Historiker weiß das niemand.

    Diese Leidenschaft Garibaldis wurde wissenschaftlich nie thematisiert, erklärt der Historiker Alessandro Barbero:

    "Erstaunlich ist der enorme Umfang der Bibliothek Garibaldis, die Mitte März endlich zugänglich sein wird. Er besaß über eintausend Bände. Penibel geordnet und mit Kommentaren versehen. Garibaldi hat das also alles wirklich gelesen! Das muss man sich mal vorstellen angesichts dieses mehr als bewegten Lebens. Kurios, dass sich bisher niemand der Dokumente in diesem Archiv angenommen hat."

    Die Bibliothek Garibaldis, insgesamt 1.184 Bände - darunter Romane, Essays und historische Werke – befindet sich in den mit diebstahlsicheren Türen bewachten Kellerarchiven der Villa Fabbricotti in der toskanischen Hafenstadt Livorno. Das neoklassizistische Gebäude ist heute Sitz der "Labronica", wie die städtische Bibliothek heißt. Es ist dem neuen Kulturassessor Livornos Mario Tredici zu verdanken, dass dieser Schatz im Keller endlich gehoben wird. Tredici wusste von dessen Existenz. Zum 150. Jubiläumsjahr des italienischen Staates präsentiert er Garibaldis Büchersammlung.

    Die Bücher kamen dank Clelia nach Livorno, einer Tochter des Generals. Sie vermachte sie der Stadt. Das Vermächtnis landete im Keller der Villa und wurde dort nicht mehr beachtet.

    Carla Mattei ist Bibliothekarin der Villa Fabbricotti:

    "Man hat manchmal den Eindruck, dass Italien bestimmte Aspekte seiner Geschichte einfach vergisst. Clelia Garibaldi wählte zusammen mit ihrer Mutter und dem Bruder die Lieblingsbücher ihres Vaters aus der Familienbibliothek auf der Insel Caprera aus, wo der General 1882 starb. Seit 1888 befinden sie sich in Livorno. Eine vergessene Schenkung."

    Vergessen, weil ein belesener Garibaldi lange nicht ins Bild des kriegerischen Helden und Kämpfers zu passen schien, wie der Historiker Alessandro Barbero meint.

    Die Bücher, die ab Mitte März in der Stadtbibliothek von Livorno zu sehen sind, umfassen die gesammelten Werke Shakespeares und Walter Scotts. Eine Ausgabe der Reise von Kapitän Cook zum Kap der Guten Hoffnung stammt aus dem Jahr 1787. Auch zwei Bibeln gehören zur Sammlung: eine in italienischer und eine in englischer Sprache. Bücher zu Botanik und Schiffsbau ergänzen das Spektrum. Viele Werke scheinen Geschenke an den berühmten Mann zu sein: Davon legen Widmungen Zeugnis ab. Widmungen, die allesamt noch zu erforschen sind. Von wem stammt beispielsweise eine recht leidenschaftliche Widmung in Rumänisch?

    Erstaunlich, dass Garibaldis Bibliothek kein einziges Buch zur Freimaurerei enthält, war er doch Großmeister eines Freimaurerordens. Historiker vermuten, dass Garibaldis zweite Frau Francesca Armosino und Tochter Clelia jene Werke verschwinden ließen, die der katholischen Kirche nicht gefielen - wollte man doch, ganz auf das historische Image des lieben Verwandten bedacht, dass der General der Held aller Italiener wird, auch der Katholiken.

    Ein Held, der in diesem Jahr nicht von allen Italienern gefeiert wird. Die Regierungspartei Lega Nord, Berlusconis wichtigster Koalitionspartner, sieht keinen Grund dafür, 150 Jahre Italien zu zelebrieren. Schließlich kämpft man für ein unabhängiges Norditalien, da steht eine der wichtigsten Figuren der Staatseinigung als Mythos im Wege. Und so wird kein Politiker der Lega Nord den Staatspräsidenten nach Livorno begleiten, wenn dieser mit dem Besuch der Ausstellung in der Villa Fabbricotti Garibaldi die Ehre erweisen will.