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StartseiteSport am WochenendeDie Olympiabewerbung München 2018 und die dunklen Schatten der Vergangenheit30.01.2011

Die Olympiabewerbung München 2018 und die dunklen Schatten der Vergangenheit

Stasi- und Dopingbelastete Altkader im deutschen Wintersport

Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, war soeben in Thüringen und sprach mit Blick auf die Olympiabewerbung von München 2018 von einer "faszinierenden Chance", "der Jugend die Werte des Sports zu vermitteln". Doch gerade da kommen Zweifel auf.

Von Thomas Purschke

Frank Ullrich, ehemaliger Biathlon-Bundestrainer der Herren. (AP)
Frank Ullrich, ehemaliger Biathlon-Bundestrainer der Herren. (AP)
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Mehr als zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung tummeln sich viele von Stasi-Mitarbeit und Doping-Vergangenheit belastete ehemalige DDR-Funktionäre und Trainer im deutschen Wintersport und darüber hinaus, auch in höchsten Führungspositionen und Ehrenämtern. Im Welt-Skiverband brachte es ein dopingverstrickter DDR-Funktionär sogar bis zum Renndirektor.

Thomas Pfüller ist seit 2002 Generalsekretär und damit mächtigster Mann im Deutschen Skiverband. Der 61-jährige Multifunktionär wurde im September 2010 auch noch zum Vize-Präsidenten des Biathlon-Weltverbandes IBU gewählt. In der DDR war Pfüller Skilanglauf-Cheftrainer sowie Stellvertretender Generalsekretär des DDR-Skiverbandes und in das staatlich organisierte Dopingsystem eingebunden. Zahlreiche stasi- und dopingbelastete DDR-Trainer aus dem nordischen Skisport konnten auch dank seiner Protektion im bundesdeutschen Sport überwintern.

Der ehemalige Biathlon-Bundestrainer Frank Ullrich wurde auf dem IBU-Kongress im vergangenen Herbst in das Technische Komitee des Biathlon-Weltverbandes gewählt. Gegen ihn gab es massive Dopingvorwürfe, auch aus den Reihen seiner ehemaligen Athleten. Dem 53-jährigen Thüringer, der ab 1986 als Lauftrainer für die DDR-Biathlon-Männer verantwortlich war, hatte 2009 eine Untersuchungskommission des Deutschen Skiverbandes in Sachen Doping einen - Zitat - "unbewusst gesteuerten Verdrängungsmechanismus" attestiert. Heute arbeitet Ullrich als Cheftrainer für den Biathlon-Nachwuchs im DSV.

Wilfried Bock, der ehemalige DDR-Biathlon-Cheftrainer und Stützpunkttrainer im sächsischen Altenberg, war Stasi-Spitzel und Doper in Personalunion. Dies hatte Bock 2009 vor der DSV-Untersuchungskommission auch eingeräumt. Seine intensive Stasi-Tätigkeit war dem DSV schon kurz nach der Wende bekannt, dennoch konnte Bock später mit Unterstützung von Alt-Kamerad Pfüller im Verband wieder Fuß fassen.

Als Technischer Delegierter ist der einstige Stasi-Spitzel und frühere Biathlon-Cheftrainer des DDR-Armeesportklubs Oberhof, Karl-Heinz Wolf, seit vielen Jahren in der Internationalen Biathlon-Union aktiv. Hauptberuflich ist Wolf heute Sportdirektor des Wintersportvereins Oberhof. Als kürzlich beim Biathlon-Weltcup in Oberhof langjährige Funktionäre und Helfer öffentlich ausgezeichnet wurden, war unter ihnen auch Herbert Jäger, der als eifriger Stasi-Spitzel Personen seines Umfelds beim DDR-Geheimdienst denunziert hatte.

Und der ehemalige DDR-Biathlon-Nationaltrainer Kurt Hinze, der wegen seiner Dopingvergangenheit 1992 als Biathlon-Bundestrainer abdanken musste, ist heute noch ein gefragter Mann im Präsidium des WSV Oberhof 05. Aus Oberhof kommt auch der ehemalige SED-Kader Wolfgang Filbrich. Gegen den Leiter des Olympiastützpunktes dort ist ein Korruptions-Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft erst gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 7500 Euro eingestellt worden. Der frühere Biathlon-Trainer Harald Böse und der Ex-Staffel-Weltmeister Eberhard Rösch, sie alle haben oder hatten offizielle Funktionen, unbeschadet ihrer Stasi-Tätigkeiten.

Beim Internationalen Skiverband FIS mit Sitz in der Schweiz ist seit 1992 Ulrich Wehling als Direktor für die Nordische Kombination zuständig. Der dreifache DDR-Olympiasieger, der zum Stellvertretenden Generalsekretär des DDR-Skiverbandes aufstieg, war als Verantwortlicher für den Leistungssport in das Dopingsystem eingebunden. Er trug Repressionen gegen Trainer und Sportler mit, die sich weigerten, Dopingmittel zu verabreichen beziehungsweise einzunehmen. Nach dem Mauerfall wurde Wehling Ostbeauftragter des Deutschen Skiverbandes und wechselte zum Weltverband, weil er im DSV wegen der öffentlichen Dopingvorwürfe "nicht mehr zu halten" war, wie der damalige Sportdirektor Helmut Weinbuch einräumte.

Im Jahr 2007 wurde Wehlings Stasi-Vergangenheit bekannt. Laut der Chemnitzer Stasiunterlagen-Behörde hatte Wehling den Akten zufolge, einige Jahre bereitwillig und ohne Zwang, willentlich und wissentlich mit dem Mielke-Ministerium zusammengearbeitet und auch über Personen informiert. Was Wehling vehement abstritt. Bezeichnend auch die Reaktion des Weltskiverbandes: "Die Stasi-Vorwürfe gehen die FIS nichts an", hatte 2007 die FIS in Absprache mit Präsident Gian-Franco Kasper erklärt, - auf Anfrage des Deutschlandfunks.

Die handelnden Personen, die in aller Regel auch heute noch nichts Gravierendes an ihren früheren Untaten empfinden, sind auch dem Präsidenten des Deutschen Sportbundes und IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach bekannt.

Sein Wort von der Chance, mit Olympischen Winterspielen in Deutschland "der Jugend die Werte des Sports zu vermitteln", kann bei den Betroffenen von damals nur auf bitteres Unverständnis stoßen.

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