Su Tong, der in Europa mit seiner Erzählung "Rote Laterne" und dem Roman "Reis" bekanntgeworden ist, schildert in "Die Opiumfamilie" die grausame Geschichte der Familie Liu, der das Opium Reichtum und Macht brachte - und das Ende. Das 142-Seiten-Bändchen wird vom Verlag als Roman angekündigt. Dabei ist es doch gerade die Stärke Su Tongs dicht und komprimiert zu schreiben, auf wenigen Seiten, und eben nicht zu einer riesigen Familiensaga ausgeufert, das Leben und Sterben zweier Generationen in Fenyang zu erzählen.
Der Aufstieg und Fall der Opiumfamilie ist von geradezu shakespeareschen Dimensionen. Da ist das Familienoberhaupt Liu Laoxia, grausamer Großgrundbesitzer, der aus seinen Bauern noch das letzte herauspresst, gieriger Lüstling, vor dem die Frauen in Angst und Schrecken leben, bestraft vom Schicksal, unfähig einen gesunden männlichen Nachkommen zu zeugen. Das nimmt ihm dann der Vorarbeiter Chen Mao ab. Der Fortbestand der Familie scheint gesichert.
Die Bauern tuscheln, der Großgrundbesitzer demütigt seinen Vorarbeiter. Doch auch der Großgrundbesitzer wird gedemütigt. Ein marodierender und vergewaltigender Bergbandit raubt dessen einzige Tochter. Sein ältester Sohn Yanyi, der Schwachsinnige, spricht immer wieder dieselben zwei Sätze: "Ich habe Hunger." Und an seinen Bruder beziehungsweise Halbbruder, das Kuckucksei Chencao, gewannt: "Ich bringe Dich um." Aber nicht er wird den Bruder, sondern der Bruder wird ihn töten. Über all den Zwisten und den Morden hängt der süße, betäubende Geruch von Mohn.
"Chencao merkte, daß er auf einer einsamen Insel stand. Ihm schwindelte. Das leise Murmeln der Schlafmohnwellen trägt dich auf eine einsame Insel fern von alledem, wo nichts wirklich ist außer diesem tödlichen Duft, der deine Lungen durchdringt. In diesem Augenblick spürte Chencao, wie sein schwacher, schlanker Körper über der einsamen Insel schwebte. Mit totenbleichen Gesicht klammerte er sich an den Arm seines Vaters. ‘Vater, ich fliege weg.’ Die Bauern in den Mohnfeldern beobachteten Chencaos ersten Ohnmachtsanfall mit eigenen Augen. Sie haben mir später erzählt, wie angegriffen die Gesundheit des zweiten jungen Herrn war und wie seltsam er sich verhielt. Ich weiß, daß dieser erste Ohnmachtsanfall den Beginn einer Tragödie markierte; einer Tragödie, die den weiteren Verlauf der Familiengeschichte des Hauses Liu bestimmen sollte. Sie haben mir erzählt, wie Liu Laoxia seinen Sohn auf den Rücken gehoben und an den Schlafmohnfeldern am Ufer vorbeigetragen hat. Als er an den Pächtern vorbeikam, erklang aus seiner Tasche ein wunderbar lieblicher Klang. Es heißt, das sei der Klang eines Schlüsselrings aus weißem Silber gewesen. Wer einen dieser Silberschlüssel besaß, konnte die Tür zum Reislager öffnen und sich für den Rest seines Lebens satt essen."
Zwar schreibt Su Tong in der Vergangenheit, aber die Zeit, zu der Chencao seinen ersten Ohnmachtsanfall hatte, liegt lange zurück und die, in der alle sich satt essen können, wird noch lange nicht kommen. Im übrigen werden die Bauern immer ausgebeutet worden sein, ihr karges Leben war immer hart. Das gibt Su Tongs Geschichte, die in den dreißiger und vierziger Jahren spielt, etwas Zeitloses. Auch Wiederholungen - hier etwa "Klang" und "einsame Insel" heben die Opiumfamilie, bei allen erlebten Grausamkeiten, doch aus einer konkreten Wirklichkeit heraus.
Mord und Totschlag geschehen und man läßt sie geschehen, so wie man überhaupt alles geschehen läßt, ohne zu klagen. Wer sich dem Schicksal zu widersetzen versucht, wird bestraft. Wer den Brand legt, um sich endlich zu wehren, kommt darin um. Su Tong erzählt den Niedergang der Opiumfamilie wie eine chinesische Fabel. Er psychologisiert nicht, er moralisiert nicht, er wertet nicht. Damit steht Su Tong ganz in der chinesischen Tradition und ist zugleich ungeheuer modern. Das macht die Faszination der "Opiumfamilie" aus.
Der Aufstieg und Fall der Opiumfamilie ist von geradezu shakespeareschen Dimensionen. Da ist das Familienoberhaupt Liu Laoxia, grausamer Großgrundbesitzer, der aus seinen Bauern noch das letzte herauspresst, gieriger Lüstling, vor dem die Frauen in Angst und Schrecken leben, bestraft vom Schicksal, unfähig einen gesunden männlichen Nachkommen zu zeugen. Das nimmt ihm dann der Vorarbeiter Chen Mao ab. Der Fortbestand der Familie scheint gesichert.
Die Bauern tuscheln, der Großgrundbesitzer demütigt seinen Vorarbeiter. Doch auch der Großgrundbesitzer wird gedemütigt. Ein marodierender und vergewaltigender Bergbandit raubt dessen einzige Tochter. Sein ältester Sohn Yanyi, der Schwachsinnige, spricht immer wieder dieselben zwei Sätze: "Ich habe Hunger." Und an seinen Bruder beziehungsweise Halbbruder, das Kuckucksei Chencao, gewannt: "Ich bringe Dich um." Aber nicht er wird den Bruder, sondern der Bruder wird ihn töten. Über all den Zwisten und den Morden hängt der süße, betäubende Geruch von Mohn.
"Chencao merkte, daß er auf einer einsamen Insel stand. Ihm schwindelte. Das leise Murmeln der Schlafmohnwellen trägt dich auf eine einsame Insel fern von alledem, wo nichts wirklich ist außer diesem tödlichen Duft, der deine Lungen durchdringt. In diesem Augenblick spürte Chencao, wie sein schwacher, schlanker Körper über der einsamen Insel schwebte. Mit totenbleichen Gesicht klammerte er sich an den Arm seines Vaters. ‘Vater, ich fliege weg.’ Die Bauern in den Mohnfeldern beobachteten Chencaos ersten Ohnmachtsanfall mit eigenen Augen. Sie haben mir später erzählt, wie angegriffen die Gesundheit des zweiten jungen Herrn war und wie seltsam er sich verhielt. Ich weiß, daß dieser erste Ohnmachtsanfall den Beginn einer Tragödie markierte; einer Tragödie, die den weiteren Verlauf der Familiengeschichte des Hauses Liu bestimmen sollte. Sie haben mir erzählt, wie Liu Laoxia seinen Sohn auf den Rücken gehoben und an den Schlafmohnfeldern am Ufer vorbeigetragen hat. Als er an den Pächtern vorbeikam, erklang aus seiner Tasche ein wunderbar lieblicher Klang. Es heißt, das sei der Klang eines Schlüsselrings aus weißem Silber gewesen. Wer einen dieser Silberschlüssel besaß, konnte die Tür zum Reislager öffnen und sich für den Rest seines Lebens satt essen."
Zwar schreibt Su Tong in der Vergangenheit, aber die Zeit, zu der Chencao seinen ersten Ohnmachtsanfall hatte, liegt lange zurück und die, in der alle sich satt essen können, wird noch lange nicht kommen. Im übrigen werden die Bauern immer ausgebeutet worden sein, ihr karges Leben war immer hart. Das gibt Su Tongs Geschichte, die in den dreißiger und vierziger Jahren spielt, etwas Zeitloses. Auch Wiederholungen - hier etwa "Klang" und "einsame Insel" heben die Opiumfamilie, bei allen erlebten Grausamkeiten, doch aus einer konkreten Wirklichkeit heraus.
Mord und Totschlag geschehen und man läßt sie geschehen, so wie man überhaupt alles geschehen läßt, ohne zu klagen. Wer sich dem Schicksal zu widersetzen versucht, wird bestraft. Wer den Brand legt, um sich endlich zu wehren, kommt darin um. Su Tong erzählt den Niedergang der Opiumfamilie wie eine chinesische Fabel. Er psychologisiert nicht, er moralisiert nicht, er wertet nicht. Damit steht Su Tong ganz in der chinesischen Tradition und ist zugleich ungeheuer modern. Das macht die Faszination der "Opiumfamilie" aus.