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Die Passion des Marquis

Der aufklärerische und exzessive Marquis de Sade war Philosoph des Bösen - und meist ein einsamer Mann: Er wurde von der Justiz Ludwigs XVI. verfolgt und eingekerkert, als prominenter Gefangener aus der Bastille befreit, aber bald wegen konterrevolutionärer Gesinnung wieder inhaftiert und zwei Jahrzehnte in der Irrenanstalt von Charenton verwahrt, wo er allerdings mit einer irren Theatertruppe Bemerkenswertes bewerkstelligte (und zu einem Paradefall der Psychiatrie wurde).

Autor: Frieder Reininghaus |
    Bussottis experimentelle Musik mit Bildern hat nur untergründig mit de Sade zu schaffen. David Hermanns und Christoph Hetzers neue Produktion allerdings montiert sie mit Ausschnitten aus dem Singspiel Bastian und Bastienne des 12jährigen Mozart und gesellt mit der Ausgestaltung der Tableaus vivants auch oberflächlich etwas "Sadismus" hinzu.

    In drei Stufen erfolgt der Zugang zu Sylvano Bussottis Collage-Musik im Theaterraum der Bundeskunsthalle Bonn: Die Zuschauer-Tribüne ist wie von einem Bauzaun umgeben; aus den Brettern sind 120 Bullaugen ausgesägt; durch diese kann und soll beschaut und belauscht werden, was aus Bussottis Hieroglyphen-Notenschrift vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung erwächst: auf die instrumentale Erkundung eines Klangraums durch zwei Pianisten und ein gemischtes Septett folgt, inspiriert von einem todtraurigen Einsamkeitsgedicht der altfranzösischen Dichterin Louize Labé, eine aus dem Schrei kommende Vocalise der Sopranistin.

    Julia Henning, die de Sades Parade-Figuren Justine und Juliette verkörpert, auch Mozarts Bastinne und eine junge Schäferin mimt, hatte sich zunächst wie ein Tier oder eine Gefangene in einer unsichtbaren Zelle bewegt. Die vokalen und instrumentalen akustischen Ereignisse verbinden sich zu musikalischen Momenten der Lust und Qual.

    Nach der Introduktion des "geheimen Blicks" werden die Zuschauer von einem Dutzend Hasen- oder Schafsköpfe in vier Käfige geleitet. Die setzen sich wie U-Bahn-Waggons in Bewegung, kurven auf dem Parkett herum. Und wenn sie zusammenfahren und zum Stillstand kommen, dann deutet - zu Mozarts Arien aus der Konserve - eine Pantomime von Bastienne, Bastian und dem so intriganten wie geilen "Philosophen" Colar an, wie grausam Liebe und Liebesschmerzen sein können. Wie meist im neudeutschen Heftigkeitskörpertheater geht es nicht ohne Infusion, Blut, Erbrochenes und Sperma ab. Doch das dicke Glas über den Köpfen des Auditoriums, das zum "obszönen Blick" unter Rock und Laken postiert wurde, hält die Exkremente ab.

    So davongekommen, werden die Zuschauer auf ihre Tribüne entlassen und können von dort aus in nun halbwegs gesicherter Distanz den 13 Hasen zuschauen, wie sie sitzen und dann der Sopranistin zusetzen. Kommt sie zu Tode? Oder nur durch perverse Lust zu betäubendem Schmerz? Das Horn verströmt sich, Oboe und Oboe d'amore stöhnen. Die Hasen verpissen sich. Vielleicht, weil bald Ostern und damit die Passion bekanntlich erst einmal wieder vorüber ist.