Sonntag, 07. August 2022

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Die Perversion der Sportidee

Die Forschungen zur Geschichte des Sports im Nationalsozialismus sind kaum zu überschauen. Mit seiner hervorragenden Geschichte zum Sport in der SS schließt der Potsdamer Sporthistoriker Berno Bahro eine der letzten historischen Lücken.

Von Erik Eggers | 12.10.2013

    Frisch war noch die Erinnerung an die Olympischen Spiele 1936 in Berlin, als Heinrich Himmler eine ehrgeizige sportliche Vision entwickelte. Die SS müsse in Zukunft ungefähr die Hälfte aller deutschen Olympiateilnehmer stellen, so der Chef der berüchtigten SS. Ein Ziel, das "geradezu utopisch, wenn nicht größenwahnsinnig" anmutete, kritisiert Berno Bahro in seiner hervorragenden Dissertation über den SS-Sport, die just erschienen ist. Stellte die SS doch 1936 in Berlin lediglich sechs "Olympiakämpfer", wie sie damals hießen.
    Bahro entstammt der Schule des Potsdamer Sporthistorikers Hajo Teichler, der wiederum einst sein Handwerk gelernt hatte bei Hajo Bernett, dem Nestor der bundesdeutschen Sporthistorie. Bernett wie Teichler forschten intensiv zur Geschichte des Sports im Nationalsozialismus. Der Sport in der SS blieb bis 2012 ein Desiderat. Dann erst leuchtete die Studie Bastian Heins auch den Sport in der Allgemeinen SS aus, und Nele Fahnenbruck beschäftigte sich mit der Reiter-SS. Nun schließt Bahro mit seinem facettenreichen Werk diese Lücke der sporthistorischen Forschung.
    Bahro dekliniert die verschiedenen Aggregatzustände, die der Sport in der SS durchlief, auf sehr strukturierte Weise durch: Die Anfänge in den 1920er Jahren, als die SA den Sport für sich reklamierte; die ersten Absetzbewegungen der SS in diesem Bereich, als Himmler 1929 zum Reichsführer SS ernannt wurde; die ersten Grundsatzpapiere der SS zum Sport am Ende des Jahres 1934, nachdem der Konkurrent SA ausgeschaltet worden war.
    Für die interessanteste Zeit, die 1935 beginnt, konzentrierte sich die SS laut Bahro auf zwei wesentliche Felder des Sports. Das eine war der Breitensport innerhalb der SS-Organisation. Hier sollte der Sport laut Bahro eine "innere Auslesefunktion übernehmen". Die Elite der Herrenmenschen, als die sich die SS verstand, sollte auch durch Sport hergestellt werden. Himmler forderte vor diesem Hintergrund von seinen Männern zunächst das SA-Sportabzeichen ab, auch vom Führerkorps der SS.
    Als sich viele SS-Männer und -Führer davor drückten, etwa mit ärztlichen Attesten, setzte Himmler 1937 einen Vorschlag des Sportfunktionärs Carl Diem aus dem Jahr 1929 um: Er koppelte die Hochzeit der SS-Männer, die vorher geprüft wurde, an ein erfolgreich abgelegtes Reichssportabzeichen. Zudem erklärte er, dass er Männer ohne Sportabzeichen nicht befördern werde. Zu den Anekdoten der NS-Sportgeschichte zählt, dass Himmler selbst diese sportliche Prüfung nur schaffte, weil die Prüfer seine Ergebnisse manipuliert haben sollen.
    Der zweite Strang ist laut Bahro die intensive Förderung des Leistungssports durch die SS, die auf diese Weise das Image des Elitären betonen wollte. Ziel war, so Bahro, die "Schaffung einer Sportelite unter dem Totenkopf". Dazu richtete die SS 1937 ein Amt für Leibesübungen im SS-Hauptamt ein, dass vom Handballführer Richard Herrmann gelenkt wurde. Und es wurden Leistungsstützpunkte eingerichtet, in denen die Athleten der SS-Sportgemeinschaften bis 1939 ausgezeichnete Trainingsbedingungen vorfanden. Hinzu kam, dass die SS erfolgreiche Sportler aus bürgerlichen Klubs abwarb. Die ersten Erfolge ließen nicht auf sich warten. 1938 stellte die SS die ersten zwei deutschen Meister in der Leichtathletik.
    Weiterhin bemühte sich die SS um führende Positionen in Sportverbänden. So bemühte sich im Krieg der berüchtigte Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Reinhard Heydrich, den Fechtweltverband zu kapern. Das scheiterte bekanntlich. Wie überhaupt diese rassistische Sportideologie der SS, die nichts anderes darstellte als eine Perversion der Idee des Sports englischer Prägung.

    Das besprochene Buch: Bahro, Berno: Der SS-Sport: Organisation, Funktion, Bedeutung. Verlag Schöningh, Paderborn 2013, 356 Seiten, 44,90 Euro.