
In der schweizerischen NZZ AM SONNTAG heißt es dazu: "Der NATO-Gipfel in Vilnius diese Woche war ohne Zweifel ein Erfolg. Das Verteidigungsbündnis wurde endlich durch Schweden erweitert, nachdem der türkische Präsident Tayyip Erdogan nach ein paar türkischen Händeln den Weg dafür freigemacht hatte. Zudem wurden der Ukraine weitere bedeutende militärische Hilfen im Krieg gegen Russland zugesagt. Dass die Ukraine keine Aussicht auf eine Mitgliedschaft bekommen hat, solange der Krieg andauert, sollte niemanden erstaunt haben. Was kaum thematisiert wurde vor lauter Lob über die neue Stärke der NATO, ist ihre alte Schwäche: die Abhängigkeit von den USA. Über die Hälfte der NATO-Hilfe an die Ukraine kommt von Amerika. Zwar beteuert US-Präsident Joe Biden, dass die USA die Ukraine weiter unterstützen würden, solange es nötig sei. Doch liegt das in seiner Macht? 2024 wird gewählt in den USA, und es ist möglich, dass der neue alte Präsident Donald Trump heisst und nicht Joe Biden", erinnert die NZZ AM SONNTAG aus Zürich.
"Eine Niederlage für Biden würde auch für Europa zum Problem", befindet die norwegische Zeitung VERDENS GANG "Der Grund ist einfach: Niemand weiß, welche Außenpolitik der nächste Präsident plant. Trump will den Krieg in der Ukraine binnen 24 Stunden beenden und bezeichnete als Präsident die NATO als Auslaufmodell. Biden wiederum erklärte in Vilnius, der Westen halte in der Ukraine länger durch als Putin. Die USA sind der wichtigste Unterstützer der Ukraine, und der US-Präsident ist de facto Anführer der NATO. Immerhin: Der nächste NATO-Gipfel findet 2024 in Washington statt, und dann feiern die Mitglieder den 75. Jahrestag der Allianz – mitten im Präsidentschaftswahlkampf", notiert die VERDENS GANG aus Oslo.
Die WELT AM SONNTAG glaubt mit Blick auf die China-Strategie der Ampel-Koalition, dass Deutschland sich zwar nicht von Peking abkoppeln kann, aber dennoch allen Grund hat, selbstbewusst aufzutreten. "China ist das bevölkerungsreichste Land und die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt, in der Rangliste unserer Handelspartner steht es an Platz vier, die Chinesen bauen Quantencomputer und ihre eigene Weltraumstation. China ist nicht irgendwer, es ist die Macht, es ist die Zukunft. Oder? Platz vier in der Rangliste deutscher Im- und Exportpartner bedeutet gerade mal 6,2 Prozent unseres Handelsvolumens. In realen Zahlen beträgt Deutschlands Pro-Kopf-Einkommen immer noch ein Vielfaches des chinesischen. Rechnet man die Zahl der Patente pro Kopf in Europa und den USA zusammen, dann liegen wir in Sachen Innovation immer noch um Längen vor China. Deutschland allein vergibt schon fast genauso viele Patente wie die Volksrepublik, obwohl die Regeln hierzulande deutlich strenger sind. Der Westen hat im Vergleich zu Chinas Einparteienstaat verdammt viel Zukunft. Und das hat auch mit unserem freiheitlichen Lebensmodell zu tun. Zu Recht betont die China-Strategie, dass sich Deutschland nicht von der Volksrepublik abkoppeln kann. Aber wir sollten aufhören, China als allmächtigen Bestimmer der Zukunft zu sehen", meint die WELT AM SONNTAG.
In der japanischen Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN geht es um die zögerliche Haltung Russlands hinsichtlich einer Verlängerung des Getreideabkommens mit der Ukraine: "Russland hält sich bei der Verlängerung des Abkommens über den Export ukrainischen Getreides zurück. Man muss dies als Verantwortungslosigkeit Russlands bezeichnen, denn ein Stopp des Abkommens würde die Nahrungsmittelkrise der Entwicklungsländer verschlimmern. Moskau klagt, dass der Export russischer Agrarprodukte durch westliche Sanktionen verhindert würde. Aber die Verantwortung liegt bei Russland selbst, dem Land, das den Angriffskrieg gegen die Ukraine begann. Sollte Russland die Verlängerung ablehnen, könnten auch in den Beziehungen zu sich neutral verhaltenden Staaten wie der Türkei Risse entstehen. Die internationale Isolation Russlands könnte sich dadurch weiter verschärfen", gibt die Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio zu bedenken.
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG meint zur Ablösung des bisherigen CDU-Generalsekretärs Czaja durch seinen Nachfolger Linnemann: "Von Anfang an war Mario Czaja mehr Botschaft als Generalsekretär. Mit dem freundlichen, liberalen Mann aus Ostberlin wollte CDU-Parteichef Friedrich Merz personell demonstrieren, dass niemand eine allzu radikale Abkehr von den Merkeljahren zu befürchten habe. Nun ist Czaja Vergangenheit - und damit auch das politische Signal. Merz hat mit dem Wechsel im Konrad-Adenauer-Haus die erste Weiche für einen Kurswechsel gestellt. Carsten Linnemann, der neue Mann an Merz' Seite, wird vor allem dem Wirtschaftsflügel der Union zugeordnet, womit sich zunächst die Frontstellung gegenüber der Ampelkoalition klarer abzeichnet: Klimapolitischem Dirigismus wird die Union Technologieoptimismus entgegensetzen und dem Ausbau des Sozialstaats eine unternehmerfreundlichere, steuerfeindlichere Standortpolitik. Aber Linnemann ist auch ein Politiker, der, anders als Czaja, bei Reizthemen wie Migration und Kulturkampf klare Worte spricht. Damit unterscheidet er sich ebenfalls von den meisten Repräsentanten der Ampelparteien. Vor allem aber könnte - und soll - so der AfD der Wind aus den Segeln genommen werden!", analysiert die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG.
Die LÜBECKER NACHRICHTEN greifen Umfragen auf, wonach die Linken-Politikerin Wagenknecht mit der Gründung einer eigenen Partei Erfolg haben könnte: "Sie hat es wieder einmal geschafft. Mit eifrig von ihren Anhängern ventiliertem Geraune und selbstverliebten, öffentlichen Gedankenspielen zur Gründung einer eigenen Partei kann sich Sahra Wagenknecht bei einem nicht unerheblichen Teil von Wählern interessant machen. Zumindest in Thüringen. Im Freistaat würde eine Partei der Linken-Politikerin aktuell gehörig auftrumpfen. Einer Umfrage zufolge wäre sie mit 25 Prozent stärkste Kraft. Das Kuriose ist: Die Frau, die als einstige Galionsfigur der Kommunistischen Plattform das Stalinismusmodell anpries und lange wie ein exotisches Tier von westdeutschen Politikern beäugt worden ist, musste bis heute kein politisches Amt außerhalb des Bundestags ausfüllen und darin eigene Forderungen praktisch einlösen. Ihre Popularität verdankt Wagenknecht allein pointierten Sätzen und klug kalkulierten Provokationen. Wie ernst es ihr mit der Gründung einer eigenen Partei ist, zeigt ihr Festhalten am Bundestagsmandat. Sehr glaubhaft ist das alles nicht", finden die LÜBECKER NACHRICHTEN.
Die österreichische PRESSE AM SONNTAG kommentiert die Entscheidung des Rates für deutsche Rechtschreibung, vorerst keine neuen Empfehlungen zur Gender-neutralen Sprache zu geben, und meint: "Die Frage, ob in der deutschen Sprache gegendert wird oder nicht, ist längst beantwortet. Ja, es wird. Die Frage ist nur, wie und in welchem Ausmaß. Der Rat hat sich nun außerstande gesehen, die Zeichen im Wortinneren, also Sterne, Doppelpunkt, Unterstrich oder Schrägstrich, entweder zu verbieten oder gutzuheißen. Aber er hat vor 'grammatischen Folgeproblemen' gewarnt. Nun haben sich Texte von staatlichen Stellen und Bildungseinrichtungen noch nie durch besondere Lesbarkeit ausgezeichnet, insofern muss auch nicht gewehklagt werden, was der Sprache angetan wird. Anders ist es bei belletristischen Texten, bei kreativem Sprachgebrauch, in Medien. Hier machen mittlerweile alle, was sie wollen und wie sie es für richtig halten. Das sorgt vielleicht für ein Durcheinander, aber ist das nicht im weitesten Sinn auch Diversität? Mit Unterstrich oder Stern werden auch jene angesprochen, die sich weder von der männlichen noch von der weiblichen Form vertreten fühlen. Die Idee ist nachvollziehbar, und sie wird umgesetzt. Von jenen, die das wollen", argumentiert DIE PRESSE AM SONNTAG aus Wien, und damit endet die Presseschau.
