
Der TAGESSPIEGEL AM SONNTAG spricht von einem Ablenkungsmanöver des Kremls. "US-Präsident Trump hegte offensichtlich die Hoffnung, dass sich der russische Präsident Putin, wenn man ihm den kleinen Finger reicht, im Gegenzug dankbar und kompromissbereit zeigt. Doch Putin beharrt weiter auf seinen maximalen Kriegszielen. Er will, das gibt er ganz unumwunden zu, die Ukraine als souveränen Staat vernichten. Selenskyj kann also diesen Krieg nicht beenden. Er könnte auf einzelne Gebiete verzichten, er könnte die NATO-Perspektive seines Landes offiziell aufgeben, er könnte ein schmerzhaftes Zugeständnis nach dem anderen machen. All das würde Moskau nicht reichen. Wenn es Frieden geben soll, dann muss der Kreml zur Kompromissbereitschaft gezwungen werden. Durch militärischen Druck. Durch Sanktionen. Durch Ultimaten, deren Drohungen am Ende auch wahr gemacht werden. Gut möglich, dass die Trump-Regierung noch lange braucht, bis diese Erkenntnis bei ihr verfängt. Bis dahin wird dieser grausame Krieg weitergehen", erwartet der TAGESSPIEGEL AM SONNTAG.
Der britische SUNDAY TELEGRAPH sieht noch Möglichkeiten für eine Verhandlungslösung. In einem Gastkommentar heißt es: "Präsident Trump hat ein Druckmittel in der Hand. Der US-Kongress berät derzeit ein Gesetz über neue Sanktionen gegen Moskau. Der Entwurf sieht harte Strafen vor, wenn Russland sich weigert, ernsthafte Verhandlungen zu führen. Zu den Maßnahmen zählen Sanktionen und Zölle von bis zu 500 Prozent für Länder, die weiterhin russisches Öl und Gas kaufen. Dies würde die Partner Russlands in ihrem Kern treffen. Donald Trump hat alle Trümpfe in der Hand: gegenüber Moskau und gegenüber den Nationen, die Russland zu einem echten Frieden drängen könnten. Trump muss sie klug ausspielen. Die Zukunft der Ukraine – und die globale Sicherheit – hängen davon ab", bemerkt THE SUNDAY TELEGRAPH aus London.
Nach Ansicht der WELT AM SONNTAG wird Europa auf absehbare Zeit kein Akteur auf der Weltbühne werden, denn: "Die EU ist nicht als Verteidigungsallianz zur Durchsetzung übernationaler Interessen aufgebaut worden. Dieses Manko ließe sich vielleicht durch eine Reform historischen Ausmaßes schrittweise ändern: einer Umwälzung vom Staatenbund zum Bundesstaat, bei der die Kommission fortan mit Mehrheit und nicht mehr – wie meist – mit Einstimmigkeit ihre Entscheidungen fällt. Die 27 Nationen müssten für ein gemeinsames Heer und eine geschlossene Außenpolitik massiv und freiwillig ihre Eigenständigkeit beschneiden und fortan mit einer Stimme sprechen. Von solch einer Mammutreform ist in der EU aber gar keine Rede. Die neu erwachte militärische und ökonomische Großmacht Europa ist nichts anderes als ein Papiertiger. Unter militärischen Drohungen Russlands oder unter einer selektiven Zollpolitik Trumps und schon gar bei einem Teilrückzug der USA aus der NATO würde dieser Papiertiger im Wind der Weltpolitik schwer ins Wanken geraten. Ob der neue deutsche Kanzler und der neue deutsche Außenminister sich dessen bewusst sind?", fragt die WELT AM SONNTAG.
Nun in den Nahen Osten. Das israelische Militär führt nach eigenen Angaben eine neue Großoffensive im Gazastreifen durch. Dazu schreibt die israelische Zeitung HAARETZ: "Nach anderthalb Jahren Krieg ist eine Fortsetzung der Militäroperation sinnlos. Zwei Millionen unschuldige Menschen leben noch immer im Gazastreifen. Seit 75 Tagen gelangen keinerlei Lebensmittel oder Hilfsgüter in das Gebiet. Hunderttausende Menschen leiden unter Hunger. Der Krieg dient nicht der Befreiung der Geiseln oder der Sicherheit der israelischen Bevölkerung. Im besten Fall soll der Militäreinsatz die extremistische Koalition von Ministerpräsident Netanjahu erhalten. Im schlimmsten Fall soll er die israelische Armee zu einem schrecklichen Kriegsverbrechen treiben, nämlich zur ethnischen Säuberung des Gazastreifens. Es gibt keinen anderen Ausweg aus dieser Lage als diesen Krieg zu beenden. Die Geiseln müssen freigelassen und der diplomatische Prozess mit den Palästinensern und den arabischen Ländern wieder aufgenommen werden. Jeder andere Schritt würde sowohl den Palästinensern als auch den Israelis Unheil bringen", mahnt HAARETZ aus Jerusalem.
Die österreichische Zeitung PRESSE AM SONNTAG hält Israels Militäreinsatz im Grundsatz für gerechtfertigt und schränkt zugleich ein: "Die israelische Regierung will weiter auf eine Strategie setzen, die schon bisher nicht funktioniert hat: Sonst wären längst alle Geiseln frei und die Hamas ausgelöscht. Israel führt einen gerechten Krieg gegen einen Feind, der den jüdischen Staat vernichten will. Doch die Kriegsführung ist überschießend und hat Israel einen gewaltigen Ansehensverlust eingebracht. Kollektivstrafen wie das Aushungern der Zivilbevölkerung stellen einen klaren Bruch des Völkerrechts dar, gelten als Kriegsverbrechen und sind mithin völlig inakzeptabel. Israel verliert in Gaza im Kampf gegen die Terrormonster zunehmend seinen moralischen Kompass. Es hat selbstverständlich ein Recht auf Selbstverteidigung nach einem Terroranschlag mit 1200 Toten wie am 7. Oktober, aber kein Recht auf unverhältnismäßige und völkerrechtswidrige Kriegsführung, auch wenn sich die Hamas-Terroristen hinter Zivilisten verstecken", konstatiert die PRESSE AM SONNTAG aus Wien.
Die NZZ AM SONNTAG schreibt zur Nahost-Reise des US-Präsidenten: "Schon vor der Reise gab es Vermutungen, dass Donald Trump bewusst auf Distanz geht zu Israel und vor allem zum israelischen Regierungschef. Trump ließ Israel außen vor bei Verhandlungen mit Iran und beim Waffenstillstandsabkommen mit den Huthi. Trump wollte die Saudis dazu bringen, ihre Beziehungen zu Israel zu normalisieren. Diese werden das jedoch nicht tun, solange die Palästinenser keine Perspektive auf einen eigenen Staat haben. Und danach sieht es nicht aus. Netanjahu lässt den Gazastreifen seit Monaten von jeglicher Hilfe abschotten. Ihm ist offenbar egal, was die Saudis wollen oder die USA. Er treibt seine bisherige Politik voran: Gaza plattmachen, damit die Menschen dort nicht mehr leben können. Damit verspielt er sich nicht nur immer mehr Goodwill in Europa, sondern offenbar auch im Weißen Haus", notiert die NZZ AM SONNTAG aus der Schweiz.
Die JERUSALEM POST vermerkt: "Israel muss unermüdlich daran arbeiten, sein Bündnis mit den USA zu erhalten und zu vertiefen. Aber es muss auch verinnerlichen, dass Bündnisse sich wandeln. Sie werden nicht mehr allein durch gemeinsame Annahmen oder Werte geschützt. Eine Beziehung muss ständig gerechtfertigt werden – nicht nur in strategischer und moralischer Hinsicht, sondern auch in wirtschaftlicher. Trump achtet auf die Interessen Amerikas: Israel muss bereit sein, seine eigenen zu verteidigen", meint die JERUSALEM POST.
Zum Schluss geht es um die Pressefreiheit in der Türkei. Der wegen des Vorwurfs der Präsidentenbeleidigung inhaftierte schwedische Journalist Joakim Medin ist nach rund zwei Monaten wieder freigelassen worden und in seine Heimat zurückgekehrt. DAGENS NYHETER aus Stockholm zeigt sich erleichtert, aber: "Für die Pressefreiheit bedeutet das leider keine Verbesserung. Medin ist bei Weitem nicht der einzige Journalist, dem es in der Türkei übel ergangen ist. Das Land liegt auf dem Pressefreiheitsindex von 'Reporter ohne Grenzen' auf Platz 158 von 180. Diese Probleme lösen sich nicht durch die Rückkehr Medins. Und nicht nur in der Türkei sitzen Schweden unschuldig im Ausland in Haft. Es ist fast zehn Jahre her, dass der schwedische Verleger Gui Minhai bei einer Urlaubsreise in Thailand nach China entführt und dort später verurteilt wurde. Der schwedische Journalist Dawit Isaak wurde 2001 in Eritrea festgenommen und ist seitdem verschwunden. Der Kampf für ihre Freilassung muss unermüdlich weitergehen. Wie Joakim Medin müssen sie nach Hause zurückkommen dürfen", fordert die schwedische Zeitung DAGENS NYHETER.
