
Zur Regierungskrise nach den Kommunalwahlen in Großbritannien schreibt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG: "Keir Starmers Tage als britischer Premierminister scheinen gezählt. Die Niederlage bei den jüngsten Lokal- und Regionalwahlen war der letzte Beweis dafür, dass Starmer der falsche Mann an der Spitze Grossbritanniens ist. Diese Woche hat ihn Gesundheitsminister Wes Streeting offiziell zum Rücktritt aufgefordert. Auch Andy Burnham, Bürgermeister von Greater Manchester, ist gewillt, an die Downing Street zu ziehen, allerdings muss er zuerst noch einen Sitz im Unterhaus gewinnen. Weitere Kandidaten werden in den nächsten Tagen und Wochen wohl noch auftauchen. Allein, Starmer - den unpopulärsten Politiker seit langem - zu ersetzen, wird einfach, aber die Briten brauchen einen wirtschaftlichen Aufschwung, nur dann wird die langjährige Regierungskrise ein Ende finden," ist die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG überzeugt.
Die britische Tagszeitung THE INDEPENDENT beschäftigt vor allem der Umgang des amtierenden Premiers Starmer mit der Kritik an der eigenen Person: "Der Premierminister wirkt wie ein Mann, der fest davon überzeugt ist, am richtigen Platz zu sein – und dem dennoch viele Kollegen ins Gesicht sagen, dass das Spiel aus ist. Und doch beendet Starmer die Woche irgendwie in der Downing Street Nr. 10, während draußen Stürme toben. Damit verkörpert er ein Phänomen, das für das Verständnis der politischen Psyche oft unterschätzt wird: den Glauben daran, allen Widerständen trotzen zu können. Dies ist der einzige Grund, warum Starmer noch immer die Überzeugung besitzt, dass er die Krise aussitzen kann. Wahrscheinlicher jedoch ist, dass wir hier Zeugen eines jener langen Abschiede aus der Politik werden", vermutet die Zeitung THE INDEPENDENT mit Sitz in London.
Nun zur deutschen Innenpolitik. Hier wird die Arbeit der schwarz-roten Koalition kommentiert. Die BILD-Zeitung urteilt: "Politisch war die Woche eine Katastrophe. Der groß angekündigte 'Tag der Entscheidung' im Koalitionsausschuss endete ohne Entscheidungen. Kein Durchbruch, kein Plan, nicht einmal ein Ersatz für die gescheiterte Entlastungspauschale. Bei Schwarz-Rot scheint es inzwischen schon als Erfolg zu gelten, wenn man ein paar Stunden zusammensitzt, ohne sich anzuschreien." An anderer Stelle heißt es: "Die Ampel scheiterte an Haushaltskrise und Energiewende. Jetzt erleben die Bürger, dass auch Union und SPD nicht liefern. Ja, meist noch nicht mal eine gemeinsame Sprache finden. Das Vertrauen schwindet und gleichzeitig steigt die AfD immer weiter. In Sachsen-Anhalt liegt sie wenige Monate vor der Wahl fast bei einer absoluten Mehrheit, bundesweit erreicht sie in unserer Sonntagsfrage 29 Prozent. Formal steht die Brandmauer. Aber sie wackelt", beobachtet die BILD-Zeitung.
Und damit zu der Partei, die sich bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Regierungsbeteiligung erhofft. Die TAGESZEITUNG - TAZ - blickt auf das Nachbarland Sachsen, wo im Landtag ein Antrag der Grünen zur Unterstützung kleiner Schlachthöfe mit Stimmen der AfD eine Mehrheit gefunden hatte. Die TAZ kommentiert das - ZITAT - "Triumphgeheul der AfD" wie folgt: "Darüber kann man sich nun grämen, genauso gut kann man sich aber auch darüber freuen: Im Umkehrschluss zeigt es doch, wie sehr es die AfD trifft, dass die Brandmauer in der großen Mehrzahl der Fälle doch noch hält – zumindest jenseits der Kommunen. Die Rechtsextremen mögen Diskursmacht gewonnen haben. Aber sie leiden darunter, dass sie an vielen Stellen weiterhin keinen direkten Zugriff auf staatliche Entscheidungen haben. Die Mühen der Brandmauer lohnen sich deswegen immer noch", findet die TAZ.
Noch einmal der Blick ins Ausland. Die japanische Zeitung NIHON KEIZAI SHIMBUN aus Tokio schaut auf eine wichtige Personalie in der internationalen Finanzpolitik: "Nach der Bestätigung im Senat ist Kevin Warsh nun der neue Chef der US-Zentralbank Federal Reserve. Warsh ist zu wünschen, zuerst mit der Stabilisierung der Verbraucherpreise Erfolge zu buchen und sowohl inner- als auch außerhalb der Institution sowie von den Finanzmärkten breites Vertrauen zu gewinnen. Dies wäre unabdingbar, um die Unabhängigkeit der Notenbank wiederherzustellen, die durch politischen Druck von US-Präsident Trump ins Wanken geraten ist." NIHON KEIZAI SHIMBUN glaubt: "Sollte Warsh seine Priorität auf die Stabilisierung der Verbraucherpreise setzen, dürfte es auch ihm nicht leicht fallen, die von Trump gewünschte Leitzins-Senkung durchzuführen. Zu befürchten ist nach wie vor, dass Trump auf die Fed Druck ausübt."
Von Tokio nach Wien. Hier hat bis in die Nacht der Eurovision Song Contest stattgefunden. Bei dem internationalen Musikwettbewerb, der von der Europäischen Rundfunkunion veranstaltet und in zahlreiche Länder ausgestrahlt wird, erreichte die deutsche Teilnehmerin Sarah Engels den 23. und damit drittletzten Platz. Gewonnen hat den diesjährigen ESC die Bulgarin Dara mit ihrem Lied "Bangaranga". Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG beschreibt in ihrer Online-Ausgabe zunächst das Aussehen der Siegerin: - ZITAT - "Riesige Rehaugen, blonde Flecken im braunen Haar und ein rosafarbenes Mini-Dress." "Sie ist, das kann man nicht anders sagen, ein Traumprodukt der glattgebügelten Pop-Industrie: Frech genug, um nicht charakterlos zu wirken, aber auch nicht kontrovers genug, um Werbedeals zu gefährden. Sie spielt mit ihrer Weiblichkeit, mal überwiegt die naive Bubblegum-Attitüde, mal ist Dara ein bisschen mehr 'brat' wie Charli XCX, dazu genug Sexappeal, um nicht kindisch zu wirken in ihrer Trotzigkeit. Sie singt nicht nur sehr gut, sie tanzt auch hervorragend, und erinnert damit an die Alleskönner aus der koreanischen Pop-Industrie, bei denen die Choreografie mindestens so wichtig ist wie der Song selbst", so die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.
Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung befasst sich in ihrem Kommentar mit Popmusik. Die F.A.Z. kritisiert dabei in ihrer Online-Ausgabe die Verwendung von Künstlicher Intelligenz: "Schaut man aktuelle Popmusik-Videos, so ist kaum noch auszumachen, was menschengemacht oder mit KI generiert ist. Das Internet wird überschwemmt von der immer gleichen Soße. Wenn Musik, und vor allem die populäre, die Gesellschaft widerspiegelt, dann muss einem langsam angst und bange werden. Denn immer mehr Popmusik kommt offensichtlich aus der Retorte. Künstliche Intelligenz analysiert die erfolgreichen, zumeist erschreckend simplen Muster und kann so Hits am Fließband produzieren: Viervierteltakt, gleicher Beat, gleichbleibende Lautstärke, höchstens vier Harmonien, die sich in Endlosschleife wiederholen, dazu flacher Singsang mit dümmlichen Texten". Die Frankfurter Allgemeine Zeitung prognostiziert für künftige Live-Auftritte: "Demnächst werden es womöglich Avatare sein, die uns das beglückende Tralala mit bunten Bildern liefern."
Und zum Abschluss dieser Presseschau noch ein Kommentar zum gestrigen Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga. Der Tagesspiegel zieht Bilanz: "Das Wunder von Heidenheim ist ausgeblieben. Nach einem 0:2 am letzten Spieltag gegen Mainz ist die Mannschaft zusammen mit St. Pauli abgestiegen. Wolfsburg schaffte es in die Relegation. Überhaupt muss man sagen, dass die Zeiten der Wunder in der Bundesliga schon lange vorbei sind. Heidenheim und St. Pauli haben den geringsten Etat der Liga, folglich stiegen sie ab. Auf der anderen Seite wäre es zumindest ein kleines Wunder gewesen, wenn die gut betuchten Wolfsburger runtergegangen wären. Ist aber nicht passiert. An der Spitze dominiert der FC Bayern wie vielleicht noch nie. Mit Ausnahme der Leverkusener Meisterschaft vor zwei Jahren verfestigt sich diese Dominanz mehr denn je. Die Schere zwischen arm und reich, nein, besser: zwischen wahnsinnig vermögend und nicht so sehr, wird immer größer."
