19. Juli 2026
Die Presseschau

Die Zeitungen im In- und Ausland kommentieren den wieder aufgeflammten Krieg der USA gegen den Iran und vor allem den Rücktritt von Unionsfraktionschef Jens Spahn.

Jens Spahn blickt nachdenklich nach unten.
Jens Spahn (CDU) ist als Vorsitzender der Unionsfraktion zurückgetreten. (imago / ESDES.Pictures / Bernd Elmenthaler)
Für den TAGESSPIEGEL aus Berlin war dieser "eine zwingende Entscheidung": "Jens Spahns Rücktritt war nicht nur richtig, es gab dazu auch keine vertretbare Alternative. Zu klar ist die Haltung der CDU zur Leihmutterschaft, zu tief sitzen die Überzeugungen, als dass der Fraktionschef im Bundestag etwas tun könnte, das dieser Haltung fundamental widerspricht. Zumal Spahn seine private Entscheidung monatelang verschwiegen hat. Die Leihmutter, die sein Mann und er beauftragt hatten, war längst schwanger, da bekräftigte der CDU-Parteitag im Februar per Beschluss, dass Leihmutterschaft in allen Formen unannehmbar sei. Es wäre der späteste noch geeignete Moment für Spahn gewesen, transparent zu machen, was ihn umtreibt. Doch er hat damals geschwiegen und jetzt die eigenen Leute auf unanständige Weise überrumpelt. Mit Vorbehalten gegen zwei Männer als Väter hatte die Diskussion der vergangenen Tage erfreulicherweise nichts zu tun. Es ging allein um zwei Dinge: um die ethische Bewertung der Leihmutterschaft als solcher – und um das Stichwort Doppelmoral. Für so vieles stand Spahn in seiner politischen Karriere schon in der Kritik: Masken-Deals, Immobilien-Kredit, die Bekanntschaft mit Männern wie Richard Grenell und Peter Thiel. Doch nun ist seine politische Karriere ausgerechnet an einem höchst privaten Thema gescheitert. Da sage noch einer, das wahre Leben schreibe nicht die verrücktesten Pointen", meint der TAGESSPIEGEL.
ND.DER TAG sieht es so: "Jens Spahn hat offenbar gedacht, er kommt wieder damit durch. Der 'Spagat' zwischen seiner 'privaten Entscheidung zu einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung' an ihn als Vorsitzender der Unionsfraktion sei - Zitat - 'größer geworden, als ich es erwartet hatte', schreibt er in seiner Rücktrittserklärung. Er hat also darauf gesetzt, dass die Zahl seiner Unterstützer groß genug ist, ihn weiter im Amt zu halten. Betrachtet man all die Fälle von Vetternwirtschaft und Kungelei, die ihm nachgewiesen worden sind, ohne dass jemand aus CDU und CSU seine Demission forderte, verwundert seine Haltung nicht", findet ND.DER TAG.
Der Schweizer TAGES-ANZEIGER bemerkt dazu in seiner Online-Ausgabe: "Jens Spahn stolpert über eine Sünde, die Wählerinnen und Wähler Politikern nicht verzeihen: Doppelmoral. Leihmutterschaft ist in Deutschland wie in der Schweiz verboten. Kinder sollen keine Ware sein, Frauen nicht käuflich – so sieht es das Gesetz vor, so vertreten es die Christdemokraten. Spahn hat diese Haltung stets unterstützt. Als Gesundheitsminister lehnte er Vorstösse zur Liberalisierung der umstrittenen Praxis ab. Deshalb lässt sich Spahns Leihmutterschaft nicht als Privatsache abtun. Er ist nicht nur ein homosexueller Mann, der sich seinen Kinderwunsch erfüllte. Als Fraktionschef der Union gestaltet er die Regeln mit, an die sich alle halten müssen. Als gut verdienender Spitzenpolitiker erfüllt sich Spahn den Traum vom Familienglück. Als Politiker verweigert er anderen dasselbe. Diese Heuchelei – ein anderer Massstab für sich selbst als für andere – werfen AfD und Linke den Regierungsparteien seit langem vor. Und das wenige Wochen vor den Landtagswahlen, in denen die AfD erstmals ein Bundesland regieren könnte. Auch deshalb ist Spahns Rücktritt unumgänglich", konstatiert der TAGES-ANZEIGER aus Zürich.
Spahns Rücktritt sei überfällig gewesen, unterstreicht die WELT AM SONNTAG: "Was sich der mächtige Vorsitzende der Unionsfraktion geleistet hat, entbehrt jeder moralischen Grundlage. Es mag ein verklungenes Wort in unserer eher auf theatralisches Gewese und Oberflächlichkeit ausgerichteten Gesellschaft sein – und doch sollte 'der Anstand' gerade in bürgerlichen Parteien etwas gelten. Spahns Rücktritt kann aber auch aus anderen Gründen von Vorteil sein. Blickt man auf seine Bilanz als Fraktionsvorsitzender, der dem Bundeskanzler den Rückhalt unter den eigenen Abgeordneten sichern soll, dann war Jens Spahn nicht gerade der Kärrner, der wusste, wo die Untiefen in der eigenen Fraktion liegen und wie man sie umgehen kann. Bundeskanzler Merz kann nun nach einem Kandidaten Ausschau halten, der sowohl die Fraktion kennt als auch über die Autorität verfügt, die Abgeordneten als Kanzlerpartei hinter dem Regierungschef zu versammeln. Womöglich wäre Merz sogar gut beraten, noch einmal grundsätzlich auf seinen Machtapparat zu schauen und zu gewichten, wer auf welchem Posten der richtige ist – vom Fraktionsvorsitzenden im Bundestag bis zum Chef des Bundeskanzleramtes. Die allgemeine Stimmung und außen- wie innenpolitische Krisenlage sind zu angespannt, als dass man sich Fehltritte, Eitelkeiten und Leichtsinn einzelner Personen leisten kann. Die Maschinerie der Regierung – sie muss laufen", stellt die WELT AM SONNTAG fest.
Das Magazin CICERO vertritt in seiner Online-Ausgabe die Ansicht, dass Bundeskanzler Merz nun ein Problem weniger hat und verweist auf mögliche Nachfolger für Spahn: „Spahn ließ nie einen Zweifel daran, dass das Kanzleramt sein eigentliches Ziel ist. Das ist für den künftigen ,einfachen Abgeordneten‘ Spahn nun in weite Ferne gerückt. Dass er als Konkurrent ausfällt, ist für Friedrich Merz insofern sicher keine unerfreuliche Nachricht. Allerdings muss Merz jetzt eine zentrale Position neu besetzen. Denkbar wäre, dass Kanzleramtsminister Thorsten Frei die Führung der Fraktion übernimmt und der Innenpolitiker Günter Krings, schon mehrfach für höhere Ämter im Gespräch, ins Kanzleramt geht“, vermutet CICERO.
Und nun zum wieder aufgeflammten Krieg der USA gegen den Iran. Dazu vermerkt die ägyptische Zeitung AL MASRYAL-YOUM: "Es scheint, als lasse sich der Krieg zwischen den USA und dem Iran kaum noch beenden. Die gegenwärtige Aggression zeigt immer deutlicher, dass die Macht der USA Grenzen hat. Trump mag zwar mit verstärkten Luftangriffen oder gar mit der Besetzung strategisch wichtiger iranischer Inseln drohen. Doch die Realität zwingt ihn, seine Drohungen zurückzunehmen, wodurch er zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert. Auch die steigenden Ölpreise setzen ihm immer stärker zu. Trump hat die amerikanischen Verbraucher im Blick. Doch jeder zusätzliche Dollar beim Ölpreis lässt seine ohnehin stark gesunkene Popularität weiter sinken. Die Zwischenwahlen im November stehen bevor. Sollte die Republikanische Partei sie verlieren, wäre Trump politisch weitgehend machtlos. Wenn er nun die freie Passage durch die Straße von Hormus erzwingen will, erreicht er letztlich nicht mehr als den Zustand, der bereits vor dem Krieg herrschte. Trump agiert chaotisch, und ihm bleibt nichts anderes übrig, als den Krieg fortzusetzen. Amerika steuert schlafwandelnd auf ein neues Afghanistan zu", folgert AL MASRYAL-YOUM aus Kairo.
Die spanische Zeitung EL PAIS sieht im Vorgehen des US-Präsidenten im Iran vor allem dessen Ratlosigkeit: "Weniger als vier Monate vor den Zwischenwahlen steckt die Trump-Regierung innenpolitisch im Sumpf aus Inkompetenz und Korruption fest und ist außenpolitisch in gescheiterten Abenteuern und den möglicherweise irreversiblen Schäden verstrickt, die sie ihren internationalen Bündnissen zugefügt hat. An keiner anderen Front sind diese Misserfolge in dieser Woche so deutlich zutage getreten wie im Iran, wo der Konflikt gerade wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt ist. Dass Trump in diesem Zusammenhang die Falschmeldung über den Wahlbetrug von 2020 wieder aufgreift, wie er es am Donnerstag in einer Ansprache an die Nation tat, zeigt deutlich, in welcher Lage sich diese Regierung derzeit befindet und mit welchen Schwierigkeiten sie in den kommenden Monaten konfrontiert sein wird. Ein geschwächter Trump ist aber nicht weniger gefährlich – weder für die Welt noch für sein Land", warnt EL PAIS. Und damit endet die Presseschau.