09. März 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Kommentiert wird ein Referendum in der Schweiz zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Hauptthema ist aber die Landtagswahl in Baden-Württemberg, die die Grünen um Spitzenkandidat Özdemir knapp gewonnen haben.

Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir lässt sich auf der Wahlparty seiner Partei feiern.
Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir lässt sich auf der Wahlparty seiner Partei feiern. (imago images / Political-Moments )
Die HEILBRONNER STIMME schreibt: "Mehr als 30 Prozent für Özdemir – das ist letztlich eine absolut unerwartete Überraschung. Aber auch dem letzten linken Grünen müsste jetzt aufgefallen sein, dass man Wahlen in der Mitte und nicht mit verknöcherter Ideologie gewinnt. Jetzt geht es also mit Grün-Schwarz weiter. Man muss sich zusammenraufen, soll das schlingernde Ländle zurück in die Erfolgsspur finden. Denn wie eine Erfolgsbilanz lesen sich die vergangenen zehn Jahre wahrlich nicht. Doch die Grünen und die CDU sind auch deshalb aneinandergekettet, weil es keine anderen Bündnis-Möglichkeiten mehr gibt. Daher ist Pragmatismus gefordert", unterstreicht die HEILBRONNER STIMME.
Der KÖLNER STADT-ANZEIGER meint: "Die Grünen sollten sich nicht zu früh freuen. Özdemir ist ein leutseliger Politiker der Mitte, der sich von seiner Partei inhaltlich so weit abgegrenzt hat, dass er von den Wählerinnen und Wählern geradezu als Solitär wahrgenommen wird. Auf der Bundesebene sind die Grünen nach dem Scheitern der Ampel-Koalition nach links gerückt. Damit steht nun eine innerparteiliche Zerreißprobe bevor: Weiter in der Sozial- und Wirtschaftspolitik mit der Linkspartei wetteifern – oder mehr Özdemir wagen?", fragt der KÖLNER STADT-ANZEIGER.
CICERO bemerkt mit Blick auf eine wahrscheinliche Weiterführung der grün-schwarzen Koalition: "Man könnte wohlmeinend von Kontinuität sprechen. Aber so einfach ist das nicht. Denn in der CDU ist die Wut über die vermeintliche oder tatsächliche Grünen-Kampagne enorm: man sieht sich um den Sieg betrogen. Da wird also erst einmal viel Geschirr gekittet werden müssen - wenn das überhaupt noch möglich ist."
Das HANDELSBLATT widerspricht: "Die CDU in Baden-Württemberg hat schon selbst dafür gesorgt, dass es am Ende so eng wurde. Ein Spitzenkandidat muss sich schon selbst fragen lassen, welchen Anteil er am Wahlergebnis trägt. Dabei geht es nicht nur um die Sexismusdebatte Hagels. Es gab auch taktische Fehler: Nachdem Hagel lange Zeit unter der Wahrnehmungsschwelle Wahlkampf gemacht hatte, wurde er am Ende hektisch. In der heißen Phase griff er Wahlsieger Özdemir frontal an und nannte ihn 'rotzfrech' und 'nicht ehrlich'. So spricht kein souveräner Kandidat für das höchste Amt in einem Bundesland. Sondern ein Politiker, der spürt, dass ihm das Rennen entgleitet", merkt das HANDELSBLATT an.
Die WELT spricht von einer "peinlichen Niederlage": "Und zwar eine, die zu hundert Prozent selbst verschuldet ist. Der Parteitag der Union in Stuttgart sollte eine Art vorgezogene Krönungsmesse für den angehenden Ministerpräsidenten Manuel Hagel werden. Doch die konzeptionelle Memmenhaftigkeit, bloß kein einziges strittiges Thema auf dem Parteitag anzusprechen, hat sich gerächt. Demokratie lebt vom Streit. Und wer nicht streiten kann oder will, schreckt Wähler ab. Niemand will von Lappen regiert werden", heißt es in der WELT.
Die ZEIT schaut auf den Bundeskanzler: "Das war die Wahl, die für Merz nicht verloren gehen durfte. Doch genau das ist wohl geschehen. Das Wohl der Wirtschaft war die größte Sorge der Wähler im Südwesten, also eigentlich eine Kernkompetenz der Christdemokraten – doch auch wenn Hagel dazu Konzept um Konzept präsentierte, konnte er damit nicht ausreichend punkten. Zu offenkundig fallen in der CDU-geführten Wirtschaftspolitik, im Land wie im Bund, Ankündigungen und Taten auseinander. Die Rückabwicklung des Heizungsgesetzes in Berlin jedenfalls sorgte eher für Irritationen als für Wählerstimmen."
Die LUDWIGSBURGER KREISZEITUNG nimmt an, dass es den Menschen in Baden-Württemberg um "stabile Verhältnisse" geht: "Sie statteten die bisherige Regierungskoalition beider Parteien mit einer satten Zwei-Drittel-Mehrheit aus. Sie entschieden sich für den erfahreneren unter den beiden Spitzenkandidaten. Während die Grünen im Vergleich zur Landtagswahl 2021 etwa zwei Prozent verloren, legten die Christdemokraten um über fünf Prozent zu. Konservativ soll die Landesregierung also sein und mit einem Mann an der Spitze, der den Politikbetrieb kennt. Im Südwesten also nichts Neues."
Der WESER-KURIER bemerkt: "Mit Özdemir dürfte nun zum ersten Mal ein Ministerpräsident in Deutschland mit einem türkischen Migrationshintergrund gewählt werden. Doch das wird nicht mehr als eine Fußnote bleiben. Warum auch anders? Entscheidend sollte nicht die familiäre Herkunft, sondern allein die Leistung sein." Und mit Blick auf andere Parteien heißt es: "Das Ergebnis von Stuttgart zeigt auch, dass die Bäume für die AfD zumindest im Westen nicht in den Himmel wachsen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass auch in Rheinland-Pfalz in zwei Wochen das Ergebnis nicht entscheidend besser ausfällt. Für die SPD hingegen muss das Resultat knapp über der Fünf-Prozent-Hürde ein schrilles Warnsignal sein. Sie droht zu einer nordwestdeutschen Regionalpartei zu werden", warnt der WESER-KURIER aus Bremen.
Und zur FDP merkt die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG an: "Nach dem Rauswurf aus dem Bundestag brauchten die Liberalen unbedingt ein politisches Lebenszeichen. Bei der vergangenen Landtagswahl hatten sie noch 10,5 Prozent der Stimmen erhalten. Jetzt kämpfte die FDP am Wahlabend noch mit der 5-Prozent-Hürde, was zeigt: Wenn die Liberalen selbst in ihrer Hochburg schwächeln, wird sich die FDP eine neue Strategie überlegen müssen, wenn sie politisch überleben will."
Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg blickt bereits auf die Landtagswahl im eigenen Bundesland im Spätsommer: "Zwischen Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt liegen einige Hundert Kilometer – und politisch sogar Welten. Lässt sich aus dem Ausgang der gestrigen Landtagswahl im Ländle dennoch etwas für die Wahl am 6. September ableiten? Gewiss wird es zwischen Arendsee und Zeitz kein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Christdemokraten und Grünen geben. Aber diese Landtagswahl hat politische Trends verstetigt. Einmal mehr gilt: Auf den Spitzenkandidaten kommt es an. Cem Özdemir holte die Grünen aus dem Tief – ohne Amts-, aber mit Promibonus. Für Sachsen-Anhalt bedeutet das wohl soviel: Das Rennen um Platz 1 ist noch keineswegs gelaufen. Im Amt des Ministerpräsidenten kann Sven Schulze jetzt einen Kompetenzvorsprung aufbauen. Gelingt ihm das, wird es einen heißen Wahlkampf-Endspurt geben", prognostiziert die VOLKSSTIMME.
Zum Schluss ein Blick in die Schweiz. Dort hat sich eine Mehrheit in einem Referendum gegen eine deutliche Reduzierung der Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgesprochen. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schreibt: "Auf einige Angebote der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG könnte man vielleicht wirklich verzichten. Doch der Vorschlag, deshalb die Gebühr gleich von umgerechnet 370 Euro auf rund 220 Euro im Jahr zu senken, schoss weit übers Ziel hinaus. Seine Radikalität hing mit der Absicht der Initiatoren zusammen, die sie mit der AfD oder dem französischen Rassemblement National teilen: Sie wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zerschlagen, weil er ihnen zu links ist. Nun lässt sich über die politische Einstellung vieler Journalisten streiten, das ist in Deutschland genauso. Klare Beweise für eine Bevorzugung bestimmter Parteien durch die SRG haben Studien aber nicht gefunden. Deshalb haben die Schweizerinnen und Schweizer, die zunächst viel Sympathie für die 'Halbierungsinitiative' gezeigt hatten, gut daran getan, sie mit einer markanten Mehrheit abzulehnen. Eine Annahme hätte die SRG nicht aufs Wesentliche reduziert, sondern zugrunde gerichtet. Die SRG ist kein beliebiges Medium: Sie versorgt die vier Sprach- und Kulturgruppen mit verlässlichen Informationen, sie ist, wie die pünktliche Bahn, eine der Klammern, die das politisch komplizierte Land zusammenhalten. Und gespart wird ohnehin längst, die Regierung hat das verordnet", stellt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG klar.