22. April 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Kommentiert werden der Vorschlag, die Altersgrenze für Reservisten auf 70 Jahren anzuheben sowie der Auftakt des Petersberger Klimadialogs. Zuerst aber geht es um die Äußerung von Kanzler Merz, der in der gesetzlichen Rente künftig nur noch eine Basissicherung sieht.

Regierungschef Friedrich Merz (CDU) am 25. März 2026 bei der Befragung des Bundeskanzlers im Bundestag
Bundeskanzler Merz hat mit Äußerungen zur Rente ein reges Echo ausgelöst. (imago / Political-Moments )
Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG pflichtet dem Kanzler bei: "Merz spricht eine Wahrheit aus, die bitter, aber keine Überraschung für diejenigen ist, die einen realistischen Blick auf Ökonomie und Demografie haben. Leider sind das viel zu wenige. Ein Grund, warum es mit Deutschland abwärts geht. Das Land lebt seit Jahren massiv über seine Verhältnisse. Die Wirtschaft schwächelt. Viele Deutsche werden ärmer. Die Deindustrialisierung schreitet voran, verschuldet durch politische Irrwege, weil Grundsätze missachtet wurden: Ohne günstige Energie kein Wachstum. Ohne Wachstum kein Wohlstand. Ohne Wohlstand kein Sozialstaat. Und warum soll jemand überhaupt arbeiten gehen, wenn am Ende eine Rente herauskommt, die nicht viel höher ausfallen wird als die Sozialleistungen für Menschen, die wenig oder gar nicht gearbeitet haben? Merz sollte sich an seine Wahlkampfversprechen erinnern. Deutschland muss wieder wirtschaftlich boomen, sonst wird es ernst – nicht nur bei der Rente", mahnt die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG.
Das Portal T-ONLINE kritisiert die teils negativen Reaktionen auf die Renten-Aussage von Bundeskanzler Merz: "Ein absoluter Allgemeinplatz, null Komma null daran ist überraschend, oft genug hat Merz, haben aber auch zahlreiche Experten, Ökonomen und andere Politiker Ähnliches gesagt. 'Common Sense' ist das, eigentlich. Und eigentlich damit auch kein Potenzial für große Aufregung. Wäre da nicht das Wort 'Rente', bei dem von Grünen über Linken bis hin zum Koalitionspartner SPD der Verstand auszusetzen scheint. Verstand, mit dem jede und jeder normalerweise zu dem Schluss kommen muss: Merz hat recht. Und er tut gut daran, die Wahrheit zu sagen. Wenn das Umlagesystem der gesetzlichen Rente nicht implodieren, unfinanzierbar werden soll, die Jungen noch viel höhere Beiträge abdrücken müssen, um die Bezüge der Alten zu bezahlen, können die Renten von morgen kaum mehr so hoch bleiben, wie sie heute sind", unterstreicht T-ONLINE.
Die Zeitungen der MEDIENGRUPPE BAYERN hingegen kritisieren Merz' Äußerung: "Was sagt er da eigentlich? Die Basis ist ein Fundament, beim Hausbau wäre es die Bodenplatte. Mehr nicht. Darauf kann man dann ein Haus bauen; für sehr viel Geld, wenn man es denn hat. Merz tut so, als sei die Rente eine Sozialleistung. Eine Gnadengabe des Staates an die vielen Unvernünftigen, die anscheinend nicht in der Lage sind, privat vorzusorgen. Die Rente ist aber keine Sozialleistung. Sie ist eine Versicherungsleistung. Der Staat ist der Versicherer. Er soll und muss mit guten Konditionen und mit mutigen Reformen dafür sorgen, dass die Beiträge, die die Bürger einzahlen, sie im Alter vernünftig leben lassen. Ausgerechnet beim Bankenverband zu erklären, eine gute Rente gäbe es nur noch mit privater Absicherung, ist geschmacklos", betont die MEDIENGRUPPE BAYERN.
Kritisch äußert sich auch der CICERO: "Ohnehin ist nicht zu verstehen, warum Merz jetzt mit einem unausgegorenen Vorschlag vorprescht, obwohl die von der Regierung berufene Expertenkommission im Juni ihre Vorschläge vorlegt. Das belastet nur das ohnehin angespannte Klima zwischen den Koalitionspartnern. Was immer Merz genau vorschweben mag: Es sieht ganz so aus, als hätte der Kanzler mal wieder aus der Hüfte geschossen, ohne einen konkreten Plan zu haben. Ein echter Merz eben", urteilt der CICERO.
Die TAZ weitet den Blick auf die Regierungskoalition und analysiert: "Der Kanzler hat zwei Botschaften in die Welt gesendet und der SPD gezeigt, wo der Hammer hängt. Die Sozialdemokraten müssten bei den Reformen von Rente und Gesundheit, die vor allem Sparmaßnahmen werden, 'Blockaden auflösen'. Außerdem wird die gesetzliche Rente künftig laut Merz 'allenfalls noch die Basisabsicherung' sein. Das ist eine Kampfansage – an die SPD samt ihrer letzten treuen Wählergruppe und die gesetzliche Rentenversicherung. Ein Konzept für die schwarz-roten Reformen gibt es vom Kanzler bislang nicht. Die Methode Merz ist: knallige Ansagen in Hauptsätzen, denen später oft recht viele Relativsätze folgen, die den entstandenen Schaden einhegen sollen. Wenn das so weitergeht, könnte sogar etwas Unvorstellbares passieren: Die Geduld der SPD könnte an ihr Ende kommen", meint die TAZ. Und damit soviel zu diesem Thema.
Der neue Reservistenverbandschef Ernst will die Altersgrenze der Reservisten auf 70 erhöhen. Der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER führt aus: "Papst Leo XIV. ist 70, der scheidende baden-württembergische Ministerpräsident 77 und der aktuelle US-Präsident sogar schon 79 Jahre alt. Menschen also, die auch im hohen Alter noch überaus verantwortungsvolle Positionen innehaben. Warum sollen Menschen dann nicht bis zum Alter von 70 Jahren bei der Bundeswehr tätig sein? Sie sollen nicht durch den Schlamm robben, einen Panzer lenken oder als Gebirgsjäger fungieren. Aber viele verfügen über wertvolle Erfahrung, Führungsstärke und Fachwissen, die gerade in komplexen Lagen hilfreich sein können", meint der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER.
Dem schließt sich die F.A.Z. an und blickt über den Reservistendienst hinaus: "Die Äußerung des Verbandspräsidenten kann der Regierungskoalition noch aus einem ganz anderen Grund den Marsch blasen. Wenn Reservisten bis 70 dienen können, dann können sie auch bis 70 ihren zivilen Beruf ausüben. Das Renteneintrittsalter nach oben zu setzen, wäre die Konsequenz", schlussfolgert die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG.
Die AUGSBURGER ALLGEMEINE hingegen hält fest: "Richtig ist: Wenn sich die Truppe vergrößern soll, wenn im Ernstfall jede Frau und jeder Mann gebraucht wird, sollte Deutschland nicht nur auf die Jungen setzen, sondern im Sinne der Generationengerechtigkeit auch auf ältere Semester. Ob sich aber, bei allem Respekt vor Lebenserfahrung und Lebensleistung, künftig noch 70-Jährige in der Reserve bereithalten sollen, möchte man der Landesverteidigung nicht wünschen. Als symbolische Geste zur Motivation der Jungen mag der Vorschlag des Reservistenverbandes, die Altersgrenze um fünf Jahre anzuheben, taugen – zu viel mehr aber nicht", urteilt die AUGSBURGER ALLGEMEINE.
Heute endet in Berlin der Petersberger Klimadialog, der die Weltklimakonferenz vorbereitet. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU notiert: "Es wäre falsch, die Klimadiplomatie abzuschreiben, wie es viele angesichts der unter dem Strich ernüchternden Ergebnisse von inzwischen 30 UN-Klimagipfeln getan haben. Es braucht diese Treffen, um die Hoffnung auf eine Energiewende lebendig zu halten, die nicht nur die Klimakrise bewältigen hilft, sondern auch den ärmeren Ländern auf der Südhalbkugel eine nachhaltige, nichtfossile Entwicklung ermöglicht. Dass die Entwicklungsländer hier eine Stimme haben, ist extrem wichtig. Man sieht es ja aktuell: Nicht nur die Klimakrise setzt ihnen überproportional zu, sie leiden auch besonders unter der von Trumps Iran-Krieg erzeugten Energieknappheit und den explodierten Preisen", betont die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
Die Zeitung ND.DER TAG beobachtet einen Wandel in der Rhetorik der Klimaschutzbefürworter angesichts der Spannungen in der Welt: "Dann muss eben auch der Klimaschutz gemäß dem momentanen Zeitgeist etwas propagandistische Schminke auftun, um beim Wahlvolk noch von Interesse zu sein. Auch Umweltminister Schneider hat die Strategie erkannt und hofft mit Argumenten wirtschaftlicher Stabilität durch Energie-Autarkie zu Zeiten der Hormus-Krise Pläne seines Hauses gegen die Dominanz der Wirtschaftsministerin Reiche durchsetzen zu können. Er ist dabei nicht der Einzige. Auch NGOs setzen auf ebendiese Argumentationsführung: Wirtschaft, Sicherheit, Autonomie. Nun schließt sich der Kreis, und die langhaarigen Hippies von damals mimen rhetorisch die Clausewitze und Rockefellers von heute", folgert ND.DER TAG. Und damit endet diese Presseschau.