
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG stellt fest: "Starmer ist ein Premierminister auf Abruf. Zwar fehlte seinem früheren Gesundheitsminister Wes Streeting zunächst die nötige Unterstützung in der Labour-Fraktion, um den Parteiführer aus der Downing Street zu vertreiben. Der womöglich gefährlichere Konkurrent, Manchesters populärer Bürgermeister Andy Burnham, muss sich erst einmal ins Unterhaus wählen lassen. Ein Gejagter ist Starmer dennoch. Und seine Jäger sind selbst Getriebene. Der schier unaufhaltsame Siegeszug des Rechtspopulismus in Gestalt von Nigel Farage versetzt ganz Labour ebenso in Angst und Schrecken wie deren einstige Hauptkonkurrenz, die Konservativen. Und damit sitzt der britische Regierungschef letztlich in einem Boot mit den Anführern der anderen großen Staaten Europas", analysiert die F.A.Z.
Die TAZ aus Berlin verweist auf den Druck von beiden Rändern des politischen Spektrums im Vereinigten Königreich: "Der größte Wahlgewinner sind zwar die Rechtspopulisten von Reform UK: Sie konnten landesweit eine Rekordzahl von über 1.300 neuen Sitzen in Stadt- und Gemeinderäten erobern. Auf der anderen Seite machten Labour aber die Grünen erfolgreich von links Konkurrenz. Das klassische Zweiparteiensystem in Großbritannien scheint am Ende. Zwar benachteiligt das britische Mehrheitswahlrecht mit seinem 'The-winner-takes-it-all'-Prinzip traditionell die kleineren Parteien. Aber wie überall in Europa, werden inzwischen auch in Großbritannien die etablierten Parteien zwischen den linken und rechten Polen zerrieben", erläutert die TAZ.
In Deutschland setzt die AfD die politische Mitte unter Druck. Die Parteivorsitzende Alice Weidel äußerte sich zuletzt zu einer Minderheitsregierung im Bund. Das Magazin CICERO schätzt: "Die Debatte um eine Minderheitsregierung ist ebenso abwegig wie Weidels Vorschlag. Medial wird bereits vor dem Sommerloch Sommerloch gespielt. Es geht Weidel nicht um einen ernstgemeinten Vorschlag, sondern darum, ihren größten politischen Konkurrenten vor sich herzutreiben. Das wiederum funktioniert nur, wenn man dieses Spiel auch mitspielt. In Wahrheit bleiben daher nur zwei Optionen. Entweder gelingt es der Regierung, Deutschland endlich auf einen nachhaltigen Reformkurs zu zwingen. Offiziell haben sich das CDU/CSU sowie SPD vorgenommen. Was daraus wird, steht in den Sternen. Und wenn es nicht gelänge, bliebe nichts anderes übrig, als die Wähler vorzeitig an die Wahlurnen zu rufen. Das wäre bitter, aber alternativlos", urteilt der CICERO aus Berlin.
Die BADISCHE ZEITUNG kommentiert die Ankündigung der AfD, im Falle einer Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt zahlreiche Beamtenstellen neuzubesetzen: "Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lässt keinen Zweifel daran, was der AfD vorschwebt: der Umbau des Staates. Es sind Brandstifter. Der Magdeburger Landtag hat manche Vorsorge getroffen. So müssen Richter am Landesverfassungsgericht nicht mehr zwingend eine Zweidrittelmehrheit bekommen. Freilich geht die Bedrohung über Sachsen-Anhalt weit hinaus. So könnten im Falle einer AfD-Alleinregierung Informationen aus dem Verbund der Verfassungsschutzämter nach Russland abfließen. Überhaupt dürfte das Land für die Partei nur ein Experimentierfeld sein, um die Republik Zug um Zug aus den Angeln zu heben", befürchtet die BADISCHE ZEITUNG aus Freiburg.
Um den richtigen Umgang mit der AfD ging es auch beim Deutschen Katholikentag, der gestern zu Ende gegangen ist. Die SCHWÄBISCHE ZEITUNG aus Ravensburg blickt zurück: "Der Katholikentag in Würzburg war ein politisches Signal. Plötzlich merken Politik und Öffentlichkeit wieder, dass Christen gesellschaftlich etwas zu sagen haben – gerade im Kampf gegen Spaltung und Extremismus. 'Hab Mut, steh auf' war das Motto. Zu ergänzen wäre: Geh los! Denn in Würzburg ging es um den Aufbruch raus aus der kirchlichen Dauerkrise hinein in die Gesellschaft. Wer dort unterwegs war, sah engagierte Menschen mit Haltung und Verantwortungsbewusstsein", fasst die SCHWÄBISCHE ZEITUNG zusammen.
Auch die RHEIN-ZEITUNG aus Koblenz hebt die Rolle der Christinnen und Christen hervor: "Der Katholikentag hat nicht gezeigt, dass Kirche zu politisch ist. Sondern dass sie gar nicht anders kann. Denn wer christliche Werte ernst nimmt, muss auch Stellung beziehen."
Das Medienportal DOMRADIO.DE, das zum Erzbistum Köln gehört, sieht ein neues Interesse an der Kirche: "Menschen suchen nach Orientierung, gerade wenn Donald Trump oder die AfD die Welt wieder unsicherer machen. Mit dem Motto 'Hab Mut, steh auf!' hat der Katholikentag ein Gefühl in der Gesellschaft getroffen, das vielen anscheinend unter den Nägeln brennt. Auch der kürzliche Streit zwischen Donald Trump und Papst Leo hat gezeigt: Die Kirche bringt eine moralische Stimme, die dringend gebraucht und auch gesucht wird."
Nun zu einem anderen Thema. Vor der Küste Dänemarks ist der Wal gestorben, der zuvor mehrfach in der Ostsee gestrandet war. Die SÜDWEST PRESSE aus Ulm führt aus: "Alles in allem ist die große Anteilnahme an dem Schicksal des Wales ein schönes Zeichen, zu wie viel Empathie die Gesellschaft fähig ist. Einerseits. Andererseits ist es eben doch meist eine Art der Sympathie für Tiere, wie man sie für altbekannte Fernsehtiere wie den Delfin Flipper oder die Hündin Lassie empfindet. Das Mitfühlen ist ein unterhaltsamer Zeitvertreib, der folgenlos bleibt. Tierschützer versuchen, die Chance zu nutzen, um eine generelle politische Debatte über einen besseren Schutz von Walen anzustoßen. Glaubt ernsthaft jemand, dass hier viel geschieht?", ist in der SÜDWEST PRESSE zu lesen.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meint, der Tod des Tieres könne ein Moment des Nachdenkens über die Aufmerksamkeitsökonomie sein: "Das Drama aus Expertinnen, Meeresforschern, eingeflogenen Walflüsterern, Journalisten und Politikern im Wahlkampf, der auch von einem Wal unterstützt werden kann, erinnerte am Ende an das 'Dschungelcamp': Ich bin ein Wal – holt mich hier raus! Hope ist tot, nun sollte sich die Hoffnung darauf richten, wie man es in Zukunft besser machen kann. Was ausdrücklich auch für uns Medien gilt", räumt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ein.
Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG schreibt vom "Todeskampf dieses vermaledeiten Buckelwals". Sie glaubt: "Viele Deutsche brauchten eine mediale Ablenkung und sind müde von den Nachrichten. Die andere, unbequemere Erklärung lautet: Immer öfter bestimmen Schreihälse die Debatten, während das Vertrauen in Experten und Wissenschaftler sinkt."
DER SPIEGEL erkennt in der Aufregung um den Wal ein größeres Problem: "Der Wal sollte den Beweis antreten, dass auf dieser Welt noch etwas gut werden kann. Menschen schufen sich eigene Realitäten – und verloren dabei den Blick für die Argumente gegen weitere Rettungsversuche. Der Wal ist da kein Einzelfall, bloß ein Symptom: Als richtig gilt inzwischen oft, was sich richtig anfühlt. Man findet das Phänomen in Debatten über das kürzlich auf einem Kreuzfahrtschiff ausgebrochene Hantavirus, die Energiewende, den Irankrieg." Das war DER SPIEGEL.
Abschließend geht es um einen Anstieg der Hinrichtungen weltweit. Laut Amnesty International wurden im vergangenen Jahr rund 2700 Todesurteile vollstreckt - deutlich mehr als 2024. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU bemerkt: "Die Todesstrafe ist eine verachtens- und verurteilungswürdige finale Selbstüberhebung des Menschen über den Menschen. Und im Rechtsstaat nichts anderes als die Kapitulation vor dem primitivsten Rachegedanken. Sie ist unumkehrbar, fehleranfällig und brutal. Sie trifft nicht nur Schuldige, sondern auch falsch Verurteilte. Sie trifft überproportional Arme, Minderheiten und Menschen, die sich keine gute Verteidigung leisten können. Nicht einmal der Abschreckungseffekt lässt sich nachweisen. Die Todesstrafe ist grausam, diskriminierend und wirkungslos."
