29. Mai 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Kommentiert werden neue Entwicklungen in den Kriegen in Osteuropa und im Nahen Osten. Die meisten Zeitungen beschäftigen sich jedoch mit den Gedankenspielen, wonach Bundeskanzler Merz sein Amt vorzeitig an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wüst abgeben soll.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) geht beim 17. Petersberger Klimadialog einen Gang entlang und presst dabei die Lippen aufeinander (22.04.2026)
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht auch parteiintern in der Kritik. (picture alliance/dpa | Kay Nietfeld)
Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG schreibt: "Auch das noch. Als hätte Friedrich Merz nicht schon genug Baustellen, kommt jetzt noch eine Personaldebatte hinzu. Den beliebten Hendrik Wüst aus NRW mal eben ins Kanzleramt einwechseln – diese Idee findet unter Christdemokraten, die angesichts der an ihr vorbeiziehenden AfD die Nerven verlieren, ihre Anhänger. Realistisch ist sie nicht. Das Risiko eines solchen Manövers ist viel zu hoch", findet die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG.
Die FREIE PRESSE aus Chemnitz geht auf die Kommunikation des Merz-Lagers ein: "So etwas wieder auszutreten ist nicht leicht. Was sich aber grundsätzlich nicht empfiehlt, ist das, was man sich im Umfeld des Kanzlers ausgedacht hat. Merz und seine Vertrauten setzen auf Gegenangriff, attackieren 'gefährliche Lust an der Zündelei' und die Bereitschaft, 'das Geschäft der AfD' zu betreiben. Die nächste Eskalationsstufe ist gezündet", kommentiert die FREIE PRESSE.
Die VOLKSSTIMME aus Magdeburg konstatiert: "Zu erkennen, dass Merz mit seiner Aufgabe überfordert ist, fällt nicht schwer. Doch mitten in der schwierigsten Reformphase den Kanzler auswechseln zu wollen, hieße, die schwarz-rote Koalition zu sprengen und Neuwahlen zu provozieren. Das würde beim gesamtdeutschen Aufwind für die AfD bedeuten, die Situation vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern auf den Bundesmaßstab zu übertragen. Nach den Ost-Wahlen dürften indes alle Karten neu gemischt werden – bis hin zur Merz-Auswechslung. Wer wäre der Trumpf, der dann für die Union stechen könnte? Außer Hendrik Wüst ist da nicht viel zu sehen", schreibt die VOLKSSTIMME.
Der einstige Hoffnungsträger Merz habe einiges zum Leid vieler Christdemokraten beigetragen, meint die BADISCHE ZEITUNG aus Freiburg - und räumt ein: "Doch ein Kanzlersturz jetzt? Wäre ohne Neuwahl kaum möglich, aus der aktuell fast sicher die AfD als stärkste Kraft hervorginge. Die Frage wäre dann, ob die Union überhaupt noch einen Kanzler stellen und eine Regierung führen könnte. Im Herbst nach den Landtagswahlen im Osten mag die Lage für Merz tatsächlich bedrohlich werden. Wer aber in der CDU politischen Verstand hat, weiß, dass bis dahin ein kurzes Zeitfenster für Reformen bleibt, die nicht populär sein werden, aber notwendig sind, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen und den Sozialstaat zukunftsfest zu machen", heißt es in der BADISCHEN ZEITUNG.
Der KÖLNER STADT-ANZEIGER wirft ein: "Es wäre naiv zu glauben, dass plötzlich alles bergauf ginge, wenn jemand anders Kanzler wäre. Ja, kommunikativ und handwerklich muss sich Merz Vorhaltungen gefallen lassen. Aber die dramatische Weltlage und deren Folgen für Deutschland, die Wirtschaftskrise und das Erstarken der AfD könnte auch Hendrik Wüst nicht wegschnipsen.Minderheitsregierung, Kanzlertausch, Neuwahl – was auch immer an wilden Ideen kursiert – von alldem würde vor allem eine profitieren: die AfD. Weder Deutschland noch Europa können Chaos gebrauchen. Es gäbe genug anderes zu tun", erinnert der KÖLNER STADT-ANZEIGER.
Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN pflichten dem bei: "Die Deutschen müssen einsehen, dass nicht einzelne Politiker oder Bündnisse für unsere Missstände verantwortlich sind, sondern viel tiefer liegende, häufig globale Entwicklungen. Nicht ohne Grund stehen derzeit fast alle europäischen Staats- und Regierungschefs von Macron in Frankreich über Starmer in Großbritannien bis Stocker in Österreich erheblich unter Druck. Glaubt wirklich jemand, das liege nur an der Unfähigkeit der Akteure?", fragen die NÜRNBERGER NACHRICHTEN.
Thema in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG sind mögliche Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Russland im Ukraine-Krieg: "Die entscheidende Frage lautet, was man in Europa will. Die Verhandlungen zwischen Washington und Moskau sind festgefahren, also müssen die Europäer eine eigene Strategie entwickeln. Sie sind nun die Hauptunterstützer der Ukraine. Welche Lösung streben sie für die Ukraine an, welche ist realistisch? Erreicht man sie mit Verhandlungen oder mit weiteren Sanktionen und militärischer Hilfe für die Ukraine? Oder mit allem zusammen? Das sind keine trivialen Fragen. Die Antworten darauf werden nicht nur Folgen für die sicherheitspolitische Ordnung in Europa haben, sondern auch für die Innenpolitik vieler EU-Staaten. Dazu gehört Deutschland, wo die in Umfragen stärkste Partei die Hilfe für Kiew grundsätzlich in Frage stellt. Fest steht nur, dass die Antworten nicht mehr aus Washington kommen werden", unterstreicht die F.A.Z.
"Europas Problem ist nicht mangelnde Stärke, sondern mangelnde Klarheit", kritisiert die PFORZHEIMER ZEITUNG. "Während der Krieg in der Ukraine eine Phase erreicht hat, in der politische Optionen konkret vorbereitet werden müssten, ringt die EU noch immer mit der Grundsatzfrage, ob und worüber man mit Wladimir Putin sprechen sollte. Mit dieser Unsicherheit wird die EU ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht. Die Sanktionen der EU und die militärischen Erfolge der Ukraine haben Kreml-Diktator Wladimir Putin unter Druck gesetzt und überhaupt erst in eine Situation gebracht, in der Gespräche mit den Europäern denkbar werden. Wenn Putin Signale an die EU sendet, die er eigentlich verachtet, dann, weil er unter einem erheblichen Druck steht. Genau deshalb müsste Europa selbstbewusst auftreten: nicht naiv, aber entschlossen", überlegt die PFORZHEIMER ZEITUNG.
Thema in der TAZ sind die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran: "Seit Tagen erreicht die Öffentlichkeit ein Wirrwarr an widersprüchlichen Meldungen rund um Iran. Mehrfach kam es zu US-Militärschlägen in Iran. Aber eigentlich sind die begrenzten Schläge darauf angelegt, den Druck auf die Iraner zu erhöhen, einem Deal im Sinne Trumps zuzustimmen. Doch das funktioniert bisher nicht. Die Iraner sprechen von einem Deal, der zunächst ein Ende des Krieges, eine Öffnung der Straße von Hormus beinhaltet und im Gegenzug ein Ende der US-Seeblockaden gegen Iran und einer Freisetzung eingefrorener iranischer Gelder. Erst dann sollen Atomverhandlungen beginnen. Trump hätte dadurch wenig erreicht – außer den Vorkriegszustand wieder herzustellen. Ein Sieg sieht anders aus", stellt die TAZ fest.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU bemerkt: "Die Trump-Administration und das Mullah-Regime werden sich erst einigen, wenn keiner mehr glaubt, den Konflikt für sich entscheiden zu können. Danach sieht es leider nicht aus. Zwar stehen beide Parteien unter Druck. Doch US-Präsident Donald Trump braucht einen Verhandlungserfolg, um gesichtswahrend aus dem Schlamassel herauszukommen. Das wissen die Herrscher in Teheran. Sie geben trotz der Drohungen nicht nach, um den Preis in die Höhe zu treiben. Mit der gesperrten Straße von Hormus wollen sie einerseits ihr Atom-Programm retten und andererseits mögliche Reparationen für die Kriegsschäden in Milliardenhöhe erzielen", erläutert die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG geht auf Äußerungen des US-Präsidenten gegenüber dem Oman ein: "Donald Trump hat soeben gedroht, die Omaner 'in die Luft zu jagen'. Vielleicht hat Trump Oman auch nur mit einem anderen Land verwechselt, das er in die Luft jagen könnte. Er äußerte die seltsame Drohung jedenfalls auf die Frage, ob er sich als Friedensdeal eine gemeinsame Kontrolle der Straße von Hormus durch die Anrainerstaaten Iran und Oman vorstellen könne. So bizarr dieser Auftritt wirkte, so real ist er Ausdruck der Situation, in die sich die USA hineinmanövriert haben: Iran, der im Krieg militärisch eigentlich geschlagene Gegner, diktiert die Bedingungen dafür, diesen Krieg zu beenden."