02. Juni 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Mit Stimmen zur Debatte über eine Bafög-Reform. Zunächst aber geht es um Bundeskanzler Merz, nachdem es eine Diskussion um einen möglichen Kanzlertausch gab.

Hendrik Wüst (l, CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, steht hinter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach der Eröffnung der Rahmedetalbrücke.
Merz oder Wüst? Die Kanzlerpersonalie ist Thema in den Zeitungen. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU schreibt zum Besuch des Kanzlers im nordrhein-westfälischen Meschede im Sauerland: "Angeschlagen ist Merz, auch wenn das offiziell selbstverständlich geleugnet wird. Den seit Tagen diskutierten Kanzlertausch wird es nicht geben. Das war von Anfang an klar. Die Diskussion darüber, die er durch seine unbedachte Reaktion darauf auch noch anfachte, hat dem Regierungschef aber auch so schon genügend geschadet. Nach der vergangenen Woche ist endgültig klar, dass Merz in der eigenen Partei zunehmend isoliert ist", folgert die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
Der WESER-KURIER aus Bremen betont: "Die Tatsache, dass die AfD in den Meinungsumfragen weit vorne liegt und dass Bundeskanzler Friedrich Merz noch unbeliebter als sein Vorgänger Olaf Scholz (SPD) ist, geht an der Union nicht spurlos vorbei. Deshalb mag das Szenario einer vorzeitigen Ablösung von Merz irgendwann tatsächlich zur Anwendung kommen, aber nicht jetzt. Frühestens Ende 2027 – wenn der Termin der nächsten Bundestagswahl langsam ins Blickfeld rückt, könnte ein solcher Befreiungsschlag denkbar sein", heißt es im WESER-KURIER.
In der LEIPZIGER VOLKSZEITUNG ist zu lesen: "Solange Merz munter über jedes Stöckchen hüpft, können seine Widersacher mit Popcorn-Tüten in den Händen der Demontage zuschauen. Dass sich nun ständig irgendein führender Unionspolitiker bemüßigt fühlt zu versichern, Merz werde als Kanzler gebraucht, ist kontraproduktiv. Es lenkt nur die Scheinwerfer darauf, dass der Regierungschef nach einem Jahr Amtszeit angezählt ist."
Die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG aus Heidelberg bemerkt: "Mit der 'vollen Unterstützung', die Wüst Kanzler Merz zusicherte, ist das so eine Sache. Zum einen sagt eigentlich immer der Mächtigere dem Schwächeren seine Unterstützung zu. Zum anderen sind die, denen so etwas öffentlich versichert wird, oftmals kurze Zeit später weg vom Fenster. Unter Merkels Ministern war die Formulierung 'volle Unterstützung' regelrecht gefürchtet. Die aus der CDU heraus geführte Debatte um die Kanzlereignung des Amtsinhabers hat Spuren hinterlassen. Die politische Stimmung im Land ist viel schlechter, als dass die Lage eigentlich hergibt. Es bleibt eng. Nicht nur für Merz, sondern für die gesamte Demokratie", mahnt die RHEIN-NECKAR-ZEITUNG.
Die RHEINISCHE POST unterstreicht: "Ein NRW-Ministerpräsident muss immer ein Kanzlerkandidat auf Abruf sein. Das liegt an der Größe seines Bundeslandes und am politischen Gewicht in der eigenen Partei. Wer dazu nicht bereit ist, setzt schnell seine Karriere aufs Spiel. Jetzt hat Wüst das Thema endgültig an der Backe. In praktisch jedem Interview dürfte er künftig gefragt werden, wie er es nach der Landtagswahl im Frühjahr nächsten Jahres mit seinem Verbleib in Nordrhein-Westfalen halten will. Daran ändert auch der Burgfriede von Meschede nichts, den er und Kanzler Friedrich Merz am Montag mit warmen Worten zelebriert haben. Die Büchse bleibt offen", kommentiert die RHEINISCHE POST aus Düsseldorf.
DIE GLOCKE aus Oelde wiegelt ab: "Merz mag angeschlagen sein, allerdings hat der populäre Wüst aktuell keine Ambitionen, ihm das Amt streitig zu machen. Vom Typ her kommt Wüst gut bei den Menschen an, seiner schwarz-grünen Regierung wird nachgesagt, dass sie geräuschlos arbeitet. Doch das ist zum einen zu wenig, um das immer noch von Strukturwandel und Bildungsmisere geprägte Land spürbar nach vorn zu bringen. Zum anderen stimmt es nicht ganz, wie zuletzt die Affäre um Bauministerin Ina Scharrenbach, der Rücktritt von Familienministerin Josefine Paul und die ministeriumsinternen Querelen um Innenminister Herbert Reul zeigten. Hinter der schönen Fassade gibt es einige Baustellen", stellt DIE GLOCKE fest.
Die PASSAUER NEUE PRESSE analysiert: "Friedrich Merz als Kanzler abzuschießen und auf irgendeine verzwickte Weise durch Hendrik Wüst zu ersetzen, wäre der klassische Fall von Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Mit einem anderen Kopf an der Spitze – egal, welchen Namen er hat – könnte womöglich die Kommunikation geschmeidiger werden, das fundamentale Problem bliebe dasselbe: die Reformunfähigkeit dieser schwarz-roten Koalition, die inhaltlich noch viel weniger zusammenpasst, als es bei ihrem Amtsantritt vor gut einem Jahr zu befürchten war." So weit die PASSAUER NEUE PRESSE.
Die Debatte um die Zukunft des Bundesausbildungsförderungsgesetzes Bafög ist Thema in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG: "Viele junge Männer und Frauen in Deutschland müssen arbeiten gehen, um sich ihr Studium zu finanzieren. Das ist keine Zumutung und es ist auch kein Anzeichen für den Niedergang des Bildungsstandorts Deutschland. Empörung ist in der Debatte um eine Erhöhung des Bafögs daher fehl am Platz. Allerdings auf beiden Seiten. Die Forderung, Studenten sollten gefälligst auch im Schweiße ihres Angesichts Geld verdienen, hat nicht selten einen antiintellektuellen Zungenschlag. Das ist eine Geringschätzung geistiger Arbeit, die sich ein Land wie Deutschland nicht leisten kann", moniert die F.A.Z.
Das STRAUBINGER TAGBLATT kritisiert: "Das Signal, das die Bundesregierung mit der Debatte aussendet, ist verheerend. Nachdem man zu Beginn der Legislaturperiode ein gigantisches Schuldenpaket verabschiedet hat, das kommende Generationen abstottern müssen, Rentengeschenke auf den Weg gebracht hat, die den Haushalt massiv belasten, man den Klimaschutz völlig schleifen lässt und dann zu jungen Menschen sagt: 'Wir streichen das eine Wahlgeschenk, das wir für euch in den Koalitionsvertrag geschrieben haben', dann darf sich bitte niemand wundern, wenn genau diese Gruppe bei der nächsten Wahl ihr Kreuz wieder ganz links oder ganz rechts macht", heißt es im STRAUBINGER TAGBLATT.
Die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG vermerkt: "Bei der Bafög-Reform geben die Regierung, die sie tragenden Fraktionen und insbesondere das Forschungsministerium unter Dorothee Bär (CSU) ein chaotisches Bild ab. Eigentlich ein Elfmeter für die Regierung, den sie aber nun verschießt. Mehr als zwei Drittel aller Studierenden arbeiten ohnehin schon. Und Schlafen müssen sie ja auch noch. 'Vollkasko' sieht wahrlich anders aus, selbst wenn das Bafög ein bisschen erhöht würde", unterstreicht die NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG.
Der KÖLNER STADT-ANZEIGER stellt heraus: "Zuletzt bezogen lediglich rund 610.000 Menschen Bafög - so wenige wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Das ist eine dramatische Entwicklung, die dem Anspruch der Chancengerechtigkeit zuwiderläuft und Einkommen noch stärker mit akademischem Erfolg verknüpft. Dabei hinkt Deutschland bei der Chancengerechtigkeit international ohnehin seit Jahren hinterher", unterstreicht der KÖLNER STADT-ANZEIGER.
DIE ZEIT notiert: "Bildung als ein Privileg zu markieren und dafür kleinmütige Dankbarkeit einzufordern, wie Dorothee Bär es jetzt tut – oder sie als überbordende Sozialleistung zu markieren wie Jens Spahn vergangene Woche –, ist neu. Statt die Kosten eines Studiums weiterhin zu vergesellschaften (alle zahlen, alle profitieren), werden sie individualisiert. Und statt die Anstrengung einer akademischen Ausbildung wertzuschätzen, wird sie herabgewürdigt. Das ist Anti-Zukunftspolitik", moniert DIE ZEIT.
DER TAGESSPIEGEL erklärt: "Deutschland diskutiert seit Jahren über Fachkräftemangel, Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft. Kaum eine Sonntagsrede kommt ohne diese Begriffe aus. Umso erstaunlicher ist die Bereitschaft, ausgerechnet dort zu sparen, wo die Grundlage für all das gelegt wird. Wer Bildungsaufstiege erleichtert, stärkt nicht nur einzelne Lebensläufe. Er stärkt die Gesellschaft insgesamt. Wer sie erschwert, produziert das Gegenteil: weniger Chancengerechtigkeit, weniger soziale Durchlässigkeit und am Ende weniger qualifizierte Fachkräfte. Die Rechnung mag kurzfristig den Haushalt entlasten. Langfristig wird sie teuer."