23. Juni 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Heute mit Meinungen zum Thema Rentenreform - anlässlich des Berichts der von der Bundesregierung eingesetzten Experten-Kommission. Zunächst aber zum angekündigten Rücktritt des britischen Premiers Keir Starmer.

Keir Starmer steht im Anzug mit gesenktem Blick vor einem Metallzaun
Keir Starmer ist schon der sechste Premierminister in zehn Jahren, der seinen Rücktritt ankündigt. Er hatte sein Amt im Sommer 2024 übernommen. (picture alliance / ZUMAPRESS.com / Dinendra Haria)
Der TAGESSPIEGEL aus Berlin hält fest, es handele sich um "das jüngste Symptom der Dauerkrise in Großbritannien": "Keir Starmer wollte aufräumen im Chaos, das der Brexit in Großbritannien angerichtet hat. Just vor dem zehnten Jahrestag des Referendums, das den britischen Austritt besiegelte, hat der Premierminister nun seinen Rücktritt angekündigt. Zweifellos hat Starmer Fehler begangen, die ihm persönlich anzulasten sind. Doch sein Rückzug ist mehr als eine politische Personalie. Die britische Politik ist gezeichnet von anhaltender Instabilität und einem schweren Identitätskonflikt", beobachtet der TAGESSPIEGEL.
Die AUGSBURGER ALLGEMEINE bilanziert: "Es ist ein bemerkenswerter Absturz: Erst führte Starmer Labour weg vom strammen Linkskurs unter dem früheren Parteichef Jeremy Corbyn hin zu einer breiten, regierungsfähigen Kraft. Schon bald aber entstand das Bild von einer Regierung im Zickzackkurs. Mal versuchte Starmer, die Rechtspopulisten beim Thema Migration rechts zu überholen, mal ruderte er bei Sozialkürzungen panisch zurück, um aufmüpfige Hinterbänkler und die Parteibasis zu besänftigen. Viele, die nun Reform UK wählen, tun dies allerdings nicht zwingend aus Überzeugung. Sie stimmen gegen eine Regierung, die ihrem Gefühl nach zu wenig erreicht hat. Der Wohnungsmangel blieb ungelöst, die Wartelisten des maroden Gesundheitssystems sind unverändert lang. So wurde Keir Starmer in kürzester Zeit zur Projektionsfläche für die ungelösten Probleme des Landes", schlussfolgert die AUGSBURGER ALLGEMEINE.
Auch die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kommentiert die Gründe für den angekündigten Rücktritt des Premiers - und sieht diese vor allem in Starmer selbst: "Politiker, die an ihren Ämtern kleben, machen selten eine gute Figur. Und eine Regierungspartei, die damit beschäftigt ist, ihren Chef zu stürzen, kann sich schlecht um die Probleme im Land kümmern. Zumal Starmer kolossal unbeliebt im Wahlvolk ist und vom ersten Monat an von Krise zu Krise stolperte. Gleichwohl, und das ist die schlechte Nachricht, ist mit Starmer bereits der sechste Premierminister in nur zehn Jahren wieder Geschichte. Sechs Politiker - ob nun von Labour oder den Tories - sind mit ihren Regierungsmannschaften daran gescheitert, die Probleme im Land zu lösen." Für Starmers möglichen Nachfolger, den Bürgermeister von Manchester, Andy Burnham, sieht die F.A.Z. keine Schonfrist.
Dem stimmt die FRANKFURTER RUNDSCHAU zu. Hier heißt es: "Wahrscheinlich wetzt der bitische Boulevard schon die Messer für Burnham. Mit dem hat die Presse aber kein leichtes Spiel. In neun Jahren als Regionalpräsident von Greater Manchester hat Burnham fast all das realisiert, was sonst gerne theoretisch eingefordert wird auf allen Kanälen, praktisch dann aber schnellstens abmoderiert wird. Privatisierung von essenzieller Infrastruktur zurücknehmen? Erledigt. Dem von Boris Johnson veranstalteten Pandemiechaos einen Riegel vorschieben? Auch geschafft. Und das wirklich Allerwichtigste: den Menschen das Gefühl geben, dass sie über ihr eigenes Schicksal mitbestimmen, dass ihre Stimmen gehört werden, dass sie träumen dürfen und dann Träume umsetzen können? Gar keine Frage", lobt die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
Die ZEIT gibt aber zu bedenken: "Es ist ein Neustart innerhalb einer Partei, die landesweit am Boden liegt, bei unter 20 Prozent Zustimmung. Makerfield ist eben nicht überall. Und: Worin genau die programmatische Neuausrichtung unter dem 56-jährigen Burnham bestehen soll, scheint dem potenziellen Nachfolger von Keir Starmer selbst noch nicht ganz klar zu sein. In keiner der großen Fragen, die das Land bewegen, hat er bisher konkrete Ideen vorgelegt. Wie will er die Wirtschaft ankurbeln? Wie den Sozialstaat reformieren? Wie die Streitkräfte auf Vordermann bringen? Wie die Migration über den Ärmelkanal stoppen? Innerhalb der Labour-Partei heftig umstritten ist auch die Frage, ob Großbritannien wegen der hohen Energiepreise wieder Öl- und Gasfelder in der Nordsee erschließen sollte", erinnert die ZEIT.
Die SÜDWEST PRESSE aus Ulm fragt sich: "Starmer hat einen geordneten Übergang angekündigt – aber wohin? Das Land war nach den langen Schockwellen des Brexits gerade wieder auf dem Weg einer Annäherung an die EU, was für beide Seiten vorteilhaft war. Immerhin ist das Vereinigte Königreich die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas und ein wichtiger Handelspartner. Und was mindestens genauso wichtig ist: In Sicherheitsfragen hat sich Großbritannien als verlässlicher Bündnispartner erwiesen, sowohl in der NATO selbst als auch bei der Unterstützung der Ukraine. Es liegt in Europas Interesse, die Briten auf dem neuen, europafreundlichen Kurs zu halten", betont die SÜDWEST PRESSE.
Nun zum Thema Rentenreform. Die Vorschläge der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission beruhen ihrem Bericht zufolge vor allem auf längerem Arbeiten, einer neuen Aktienkomponente und einer breiteren Basis von Beitragszahlern. Dazu schreiben die NÜRNBERGER NACHRICHTEN: "Viel zu viele Härten – schimpfen die einen. Geht nicht weit genug – kritisieren die anderen. Die Reaktionen auf die Vorschläge der Rentenkommission fallen sehr unterschiedlich aus. Das kann gar nicht anders sein bei einem so zentralen Thema der Politik. Und das sind gute Signale. Denn eine Reform hat nur dann Chancen auf ihre Umsetzung, wenn sie alle gleichmäßig belastet – und im besten Falle auch belohnt. Je breiter der Aufschrei, desto besser die Vorschläge – in diesem Sinne hat die Kommission sehr gute Arbeit geleistet. Eine Arbeit, vor der sich die Koalition gedrückt hat", befinden die NÜRNBERGER NACHRICHTEN.
Auch die STUTTGARTER ZEITUNG meint: "Es geht um eine Reform, die eine zentrale Frage beantworten muss: Wie können wir die Rentenversicherung für alle Generationen bezahlbar halten? So hat das Sozialministerin Bärbel Bas formuliert. Manchmal hat auch sie Recht. Das gilt ebenso für ihre Erkenntnis, dass es sich bei dem Reformkonzept um ein 'Gesamtkunstwerk' handle. Ein solches wird nicht kunstvoller, wenn an ihm geflickschustert wird", mahnt die STUTTGARTER ZEITUNG.
Diese Befürchtung greift das HANDELSBLATT auf und kommentiert: "Zu jedem Kommissionsvorschlag wird sich in den nächsten Tagen eine Vertreterin der Koalition von der einen oder anderen Seite finden, die Gegenargumente vorbringen wird. Dann wird sich zeigen, ob die Spitzen der schwarz-roten Koalition noch zu politischer Führung in der Lage sind. Sie müssen diesen Einwürfen widerstehen, sie aktiv abwehren, von Anfang an, ansonsten gerät das mühselig austarierte 'Gesamtkunstwerk' in Schieflage. Wer irgendwo einen Stein rauszieht, bringt das ganze Werk ins Wanken", so der Kommentar im HANDELSBLATT.
Das Magazin CICERO vermutet dagegen: "Wahrscheinlich ließe sich mit der SPD leichter über Abstriche bei der Rente mit 63 reden, wenn es bei der Mütterrente – einem Lieblingsprojekt der CSU – zumindest zu Kürzungen käme. Doch hier hat die Kommission offenbar von vornherein vor dem zu erwartenden Widerstand von CSU-Chef Markus Söder kapituliert. Söder agiert so, als müssten bei den anstehenden Reformen alle Zugeständnisse machen – nur nicht die CSU."
Und abschließend noch der Blick in die FRANKENPOST aus Hof. Die Zeitung geht auf die mögliche Einführung einer verpflichtenden kapitalmarktgedeckten Zusatzrente ein: "Viel zu lange hat die Politik darauf verzichtet, den Kapitalmarkt zu nutzen. Damit soll jetzt Schluss sein. Geplant ist, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen verpflichtenden Zusatzbeitrag von bis zu zwei Prozent des Bruttolohn in einen öffentlich-rechtlichen Fonds einzahlen. Dieser wiederum legt am Kapitalmarkt an, aus den Gewinnen werden dann die Renten mitfinanziert", erklärt die FRANKENPOST das Umlageverfahren. Mit dieser Stimme aus Hof endet die Presseschau.