01. Juli 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Heute mit Kommentaren zum WM-Aus der Deutschen Männer-Nationalmannschaft, zum aktuellen Verfassungsschutzbericht und zur Annäherung des Bündnis' Sahra Wagenknecht an die AfD.

Bundestrainer Nagelsmann nach dem Ausscheiden bei der Fußball-WMAnkunft am Flughafen steigt aus dem Flugzeug.
Bundestrainer Nagelsmann nach dem Ausscheiden bei der Fußball-WM (picture alliance / dpa / Christian Charisius)
Zur Niederlage des deutschen Teams gegen Paraguay schreibt die FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Eine Nationalmannschaft muss in einem Turnier wachsen. Diese deutsche Mannschaft ist geschrumpft. Ihr Auftritt zum schlechten Ende mit drei vergebenen Elfmetern fasst die Widerstandslosigkeit kompakt zusammen. Wie betäubt wirkten Team und Trainer gegen einen Gegner, dessen Mittel schlichter nicht hätten sein können. Der Fußball als Abbild des Landes: Deutschland mangelt es an Tempo."
Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN überlegen, wie es jetzt mit Trainer Nagelsmann weitergeht: "Natürlich werde er im Amt bleiben, sein Vertrag läuft noch bis nach der EM 2028 und ist hoch dotiert. Ein Rücktritt würde ihn einen Haufen Geld kosten, ein Rauswurf wäre gleichbedeutend mit einer satten Abfindung. Das sollte es dem Verband aber wert sein. Zumal vom Bundestrainer der Herzen nicht mehr viel übrig zu sein scheint", konstatieren die NÜRNBERGER NACHRICHTEN.
Die RHEINISCHE POST sieht in der Fußball-Niederlage auch ein Spiegelbild für Deutschlands allgemeine Lage: "Erst blieb der oft beschworene Herbst der Reformen aus, nun fällt auch der Sommer der Tore ins Wasser. Das alles wäre halb so schlimm, wenn es nur um Fußball ginge. Doch der Sport taugt hier auch als Sinnbild. Nicht einmal beim Kicken ist das Land noch spitze, nicht einmal mehr in der einstigen Königsdisziplin der Turniere, dem Elfmeterschießen. Stattdessen Tristesse weit und breit; es wird daneben geballert, was das Zeug hält", fasst die RHEINISCHE POST zusammen.
Genau diesen Zusammenhang hat die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kommen sehen: "Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM ließen sie nicht lange auf sich warten: die Vergleiche zwischen der Lage im Fußball und der Lage in Deutschland insgesamt. Von der Spitzengruppe zurückgefallen ins Mittelmaß. Unfähig, aus dem Defensivspiel in die Offensive zu schalten. Man hätte all diese Kommentare vorbeirauschen lassen können, wenn nicht der Kanzler eine Steilvorlage dazu geliefert hätte. Mit seinem Lob für den Einsatz der Nationalelf, 'Wir sind stolz auf euch', entstand etwas, das im Journalismus Text-Bild-Schere genannt wird. Friedrich Merz hat offenbar eine andere WM gesehen als die meisten Zuschauer", stellt die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG fest.
Ähnlich sieht es auch der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER: "Die beschönigende Äußerung von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Ausscheiden der Nationalmannschaft mag eine mediale Mücke sein, doch wird sie kommunikativ mal wieder zum Elefanten. Egal ob Angestellter, Beamter oder Firmenchef: Beim Fußballschauen haben alle den gleichen Grottenkick gesehen - nur nicht der Bundeskanzler"; heißt es im REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER.
Themenwechsel. Bundesinnenminister Dobrindt und Verfassungsschutzpräsident Selen haben den Verfassungsschutzbericht vorgestellt. Er zeigt unter anderem, dass die Zahl gewaltbereiter Extremisten gestiegen ist. Dazu schreibt das REDAKTIONSNETZWERK DEUTSCHLAND: "Man kann sich bei der Lektüre fragen, wo das alles enden soll, und man möchte sich die möglichen Antworten gar nicht ausmalen. Denn all diese Entwicklungen finden vor dem Hintergrund ebenfalls zunehmender globaler Unsicherheiten statt. Die weltweite Großwetterlage und zunehmende Gewaltbereitschaft in Deutschland sind eng miteinander verknüpft. Das zeigt sich bei linksextremen Anschlägen auf die Energieversorgung, die mit Verweisen auf eine 'Militarisierung' gerechtfertigt werden. Vor allem aber offenbart sich dieses Wechselspiel im Aufwind der Russland-freundlichen und von Kreml-Einflussagenten umgarnten AfD", heißt es im REDAKTIONSNETZWERK DEUTSCHLAND.
Ein Kommentar der MEDIENGRUPPE BAYERN stellt fest: "In Deutschland werden die Extremisten nicht nur mehr, sie werden auch jünger. Teilweise werden sogar schon Kinder zu Tätern. Das zeigt einmal mehr: Beim digitalen Jugendschutz besteht dringender Handlungsbedarf. Denn rechtsextreme und islamistische Jugendliche radikalisieren sich vor allem über das Internet. Das ist kein Zufall, sondern liegt an der Logik der digitalen Medien selbst: Algorithmen verstärken, was Nutzer ohnehin schon konsumieren. Extremistische Anwerber wissen das zu nutzen und suchen sich gezielt Räume, in denen Eltern, Lehrer und Freunde keinen Zugriff haben – ja, von denen sie unter Umständen nicht einmal wissen", warnt die MEDIENGRUPPE BAYERN.
Die STUTTGARTER ZEITUNG blickt auf die Täter: "Der Verfassungsschutzbericht ist eine Bilanz des ausufernden Extremismus. Dessen Vertreter unterscheiden sich nicht so heftig, wie sie sich bekriegen. Sie eint eine Mär, wonach ihresgleichen stets Opfer seien und schuld an allem immer die anderen – ob es nun Migranten, Juden oder die Strippenzieher ihrer Verschwörungsmärchen sind", stellt die STUTTGARTER ZEITUNG fest.
Die LAUSITZER RUNDSCHAU aus Cottbus rückt vor diesem Hintergrund die deutschen Nachrichtendienste in den Fokus: "Auslands- und der Inlandsgeheimdienst, BND und Verfassungsschutz rufen nach mehr Befugnissen. Sie wollen 'echte' Geheimdienste werden. Solche, die im Ausland auch mal irgendetwas Feindliches wegsprengen dürfen. Die Wahrheit ist: Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass aus den deutschen Schlapphut-Vegetariern zähnefletschende Fleischfresser mit der Lizenz zu allem Möglichen werden. Denn allein die Vorstellung, dass Gotteskrieger, Nazis, der Kreml oder Linksterroristen nun auch noch mit Hilfe der KI angreifen, zwingt uns dazu, den Geheimdiensten die lange Leine zu geben." Das war die LAUSITZER RUNDSCHAU.
Der CICERO stellt fest, der Verfassungsschutz sehe sich mit vielen Zweifeln durch die deutsche Bevölkerung konfrontiert, und fragt: "Was soll man von einem Geheimdienst halten, der beispielsweise über die Hintergründe des schweren Anschlags auf die Berliner Stromversorgung nicht mehr schreiben kann, als in jedem Zeitungsbericht darüber zu lesen steht?“
Die Kommentare bleiben im Inland - nun geht es um einen Brief, in dem Vertreter des Bündnis' Sahra Wagenknecht die AfD-Chefin Weidel zu einem öffentlichen Duell eingeladen und die Brandmauer zur Partei kritisiert haben sollen. Die Wochenzeitung DIE ZEIT, der der Brief vorliegt, ist sich sicher: "Natürlich ist dieser Vorschlag ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit: Das BSW kämpft ums politische Überleben. Seit dem Scheitern bei der Bundestagswahl ist das Interesse an der Protestpartei rapide gesunken. Also will Wagenknecht, dass über sie geredet wird. Und je irritierter Politiker und Journalistinnen über sie sprechen, so das Kalkül, desto besser für ihr BSW. Wagenknecht tut der AfD mit ihrem Brief einen großen Gefallen. Denn das BSW bettelt regelrecht darum, sich ein wenig im Erfolg der AfD sonnen zu dürfen", heißt es in der ZEIT.
Der Kommentar in der TAZ zeigt sich zunächst unbeeindruckt: "Inhaltlich ist der Brief keine Überraschung. Sahra Wagenknecht lehnt die 'Brandmauer' gegen die AfD schon lange ab, schon Ende 2024 traf sie sich mit Weidel zum Duell bei Springers Welt TV. Damals saßen sie und ihre Leute noch im Bundestag und stimmten dort bei der berüchtigten, von Friedrich Merz provozierten Migrationsabstimmung im Januar 2025 gemeinsam mit Abgeordneten von AfD, Union und FDP. Ein Tabubruch, der zeigte, wie weit man zu gehen bereit war. Nun setzt Wagenknecht alles darauf, einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt zur Mehrheit zu verhelfen. Es wäre die letzte Chance für das BSW, politisch noch eine Rolle zu spielen", analysiert die TAZ.
Der TAGESSPIEGEL kommentiert etwas harscher: "Um die AfD zu umgarnen, wettert das BSW in seinem Liebesbrief an Weidel gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und wirbt für die 'Rückkehr zu russischem Gas und Öl'. Derlei Parolen verbinden AfD und BSW. Das Hufeisen lebe hoch! Man fragt sich bei alldem: Warum haben BSW und AfD nicht längst Wladimir Putin auf ihre Wahlkampfbühnen geladen?", überlegt der TAGESSPIEGEL, mit dem diese Presseschau endet.