
"Diese Vaterschaft hat Debatten auf zwei Ebenen ausgelöst", führt die VOLKSSTIMME aus Magdeburg aus: "Zum einen geht es um das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland, das von Paaren ganz leicht via Auslandsaufenthalt umgangen werden kann. Kann sich Deutschland da einfach vor der Realität wegducken? Nach dem Motto, also bei uns nicht, macht es dann mal lieber im Ausland. Die andere Ebene hat für Jens Spahn erhebliche politische Sprengkraft. Er, der sich vor längerer Zeit selbst vehement gegen 'Mietbäuche' ausgesprochen hat, geht privat mit seinem Partner genau den Weg der Leihmutterschaft. Vielmehr noch: Den Bundesbürgern ist ein Weg verboten, weil er berechtigt erhebliche ethische Fragen aufwirft. Man selbst jedoch schert sich nicht darum. Das ist pure Doppelmoral. Erste Forderungen nach seinem Rücktritt sind nachvollziehbar. Die Frage drängt sich auf, ob Jens Spahn hinsichtlich seines moralischen Kompasses für höchste Staatsämter geeignet ist, auf die er ja hinarbeitet. Wohl eher nicht", findet die VOLKSSTIMME.
Der MÜNCHNER MERKUR urteilt: "Spahns Ego-Tour richtet schweren Schaden an, kostet Glaubwürdigkeit, zerstört Vertrauen: darauf, dass es im Land gerecht zugeht, es kein Sonderrecht für Reiche und Mächtige gibt. Und darauf, dass Wähler sich auf das verlassen können, was ihnen die Politik verspricht. Wie konnte den 46-Jährigen das Gespür für das Richtige und politisch Vertretbare nur so verlassen? Als wichtigster Strippenzieher im Bundestag gehörte er zum engsten Kreis der möglichen Merz-Nachfolger. Damit ist es vorbei. Jens Spahn hat sich seinen Traum vom Vatersein erfüllt. Den Traum von der Kanzlerschaft muss er dafür aber wohl beerdigen", ist der MÜNCHNER MERKUR überzeugt.
Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN stimmen zu: "Spahns Verhalten stößt vielen zu Recht sauer auf. Er hat damit sich selbst und seiner Partei keinen Gefallen getan. Als möglicher Bundeskanzler dürfte er der Öffentlichkeit trotz seiner Machtposition als Fraktionschef immer weniger zu vermitteln sein."
Auch die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kann Spahns Vorgehen nicht nachvollziehen: "Wenn sich Jens Spahn auf die Position zurückziehen sollte, es handele sich um eine reine Privatangelegenheit, dass er seinen Kinderwunsch mithilfe einer Leihmutter erfüllt, stellt er sich als das dar, was er sicher nicht ist: als naiv."
Die LAUSITZER RUNDSCHAU aus Cottbus weist auf einen anderen Aspekt hin: "Mit seinem Handeln trägt der Unionsfraktionschef dazu bei, dass die Verdrossenheit gegenüber der Politik zunimmt und sich ein Gefühl von 'denen da oben' weiter etabliert."
Die STUTTGARTER ZEITUNG gibt zu bedenken: "Die Kinderwünsche homosexueller Paare sind legitim und verständlich. Insofern wirft Spahns Vorbild die Frage auf, ob deren Chancen auf Elternschaft nicht erleichtert werden sollten – etwa durch bessere Möglichkeiten zur Adoption oder eine Liberalisierung des Embryonenschutzgesetzes von 1990, um Leihmutterschaften zumindest dann zu ermöglichen, wenn dabei kommerzielle Interessen auszuschließen sind."
DIE ZEIT merkt an: "Ja, Jens Spahn hat sich scheinheilig verhalten, indem er mit seinem Partner die Hilfe einer Leihmutter in Anspruch genommen hat, um ein Baby zu bekommen, obwohl er als CDU-Politiker die Leihmutterschaft ablehnt. Und ja, das ist für einen selbsttitulierten Konservativen besonders armselig. Zu Recht wird ihm dieser praktizierte Doppelstandard jetzt um die Ohren gehauen, von Rechten, von Linken, auch in seiner Partei. Vielleicht kostet ihn am Ende der Kinderwunsch die Karriere. Hinter der allfälligen Empörung über Spahn gerät allerdings in Vergessenheit, dass das deutsche Familienrecht, nun ja: mindestens inkonsistent ist. Es verbietet zwar die Leihmutterschaft, aus guten Gründen. Was eigentlich verboten ist, wird aber vom Familiengericht umstandslos nachträglich legitimiert. Auch das könnte man scheinheilig nennen: Doppelstandards, festgeschrieben im Gesetz", konstatiert DIE ZEIT.
DER TAGESSPIEGEL aus Berlin kommentiert die Rede an die Nation von US-Präsident Donald Trump: "In seiner Ansprache sollte es um 'freie und gerechte Wahlen' gehen. Stattdessen schürte Trump die Zweifel daran. In knapp dreißig Minuten legte der 80-Jährige alles daran, Zweifel am amerikanischen Wahlsystem zu säen. Es sei schlimmer als in jedem 'Dritte-Welt-Land', ließ er die Zuschauer wissen. Schuld an allem ist diesmal jedoch nicht die Opposition, sondern: China. Trump wirft Peking Wahlbetrug und den 'größten Diebstahl von Wahldaten der Geschichte' vor. Das chinesische Außenministerium wies die Anschuldigungen sofort zurück. Die Geheimdienste, so verkündete Trump, hätten Chinas Rolle bei den Wahlen vertuscht. In Kürze würden Erkenntnisse dazu veröffentlicht. Was das konkret sein soll, ließ er offen. Nach seinem Rundumschlag am Donnerstag ist kaum mehr vorstellbar, dass er einen Sieg der Demokraten bei den Zwischenwahlen akzeptieren wird. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis: Amerikas 'Albtraum für die Wahlsicherheit', wie Trump es nannte, ist nicht China, sondern der eigene Präsident", betont DER TAGESSPIEGEL.
Die RHEIN-ZEITUNG aus Koblenz fügt an: "Über das, was die Amerikaner tatsächlich belastet - Inflation, teure Lebensmittel, wirtschaftliche Unsicherheit - verliert Trump kaum ein Wort. Dabei trägt er mit seinem entglittenen Krieg gegen den Iran selbst zur angespannten Lage bei. Auch Trump-Fans räumen mittlerweile ein, dass sich der Präsident in Nahost völlig verkalkuliert hat. Das Regime im Iran ist eher gestärkt, die Straße von Hormus zur Waffe geworden. Die Weltwirtschaft leidet. Trump will von diesen Folgen ablenken und Misstrauen schüren. Er will seine Basis mobilisieren. Es ist sein Kalkül. Es ist zum Fürchten", heißt es in der RHEIN-ZEITUNG.
"Trump hat die Fähigkeit, die Realität zu biegen", wirft die MÄRKISCHE ODERZEITUNG aus Frankfurt (Oder) ein: "Mit seinem viel beachteten TV-Auftritt setzt er zur nächsten Biegerei an. Er weiß genau, dass der Iran-Krieg vor den Kongresswahlen nicht mehr in einen Erfolg zu drehen ist, und sie deshalb wahrscheinlich für seine Partei verloren gehen werden. Deshalb fängt er schon jetzt mit der nächsten Biegerei an und zieht die Legitimität der Abstimmung in Zweifel. Er wird dieses Lied bis zum Wahltag immer wieder singen und danach umso lauter anstimmen. Das wird er so lange treiben, bis seine Wähler ihm glauben oder ihm zumindest glauben möchten. Förderlich ist übrigens, wenn sich seine Gegner über Trumps Märchen empören. Das überzeugt erst recht", ergänzt die MÄRKISCHE ODERZEITUNG.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU reagiert gelassen auf die Rede des US-Präsidenten: "Donald Trumps perfide Methoden scheinen sich abgenutzt zu haben. Über seine Rede zur Nation jedenfalls hat kaum eine Zeitung oder ein TV-Sender in den USA allzu prominent berichtet. Verwunderlich ist das nicht. Zu oft hat der Präsident wie jetzt bei der Rede an die Nation versucht, mit einem angeblichen Aufreger von den wahren Problemen abzulenken."
Zum Abschluss geht die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG auf die am Sonntag zu Ende gehende Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA ein: "Rein sportlich gesehen war das Turnier alles andere als langweilig. Doch geht es Gastgebern solcher Ereignisse nicht auch immer darum, ihr Image zu verbessern? Donald Trump hat für die USA das Gegenteil davon erreicht. Falls Trump beim Endspiel erstmals persönlich im Stadion auftauchen sollte, wird er den WM-Pokal womöglich dem Spanier Rodri überreichen müssen, dem Kapitän eines Landes also, das er soeben als 'Horror-Show' bezeichnet hat und mit dem er keine Geschäfte mehr machen will. Wenn es so käme, dann wäre das zumindest ein halbwegs versöhnlicher Abschluss dieser amerikanischen Horror-Show."
