05. August 2026
Die Presseschau aus deutschen Zeitungen

Heute mit Stimmen zu den Debatten über die Rente mit 63 und der Wiedereinführung des Zivildienstes sowie zum Migranten-Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta, der gestern zu einer EU-Krisensitzung geführt hat.

Migranten versuchen am 30. Juli 2026 von Marokko aus in die spanische Enklave Ceuta zu gelangen. Eine grosse Gruppe schwimmt und klettert die Felsen zum Grenzzaun hoch.
Die Konsequenzen aus dem Migranten-Ansturm auf Ceuta ist ein Thema der Presseschau. (picture alliance / AP / Antonio Sempere )
Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG kommentiert: "Die Kritiker Spaniens in der EU, und das sind immerhin 22 von 27 Mitgliedstaaten, haben durchaus anerkannt, dass allem Anschein nach ein spanisches Gerichtsurteil der Auslöser war für den jüngsten Massenansturm auf Ceuta. Die Regierung Sánchez ist nicht verantwortlich dafür, wenn das Urteil in den sozialen Netzwerken instrumentalisiert wird, von wem auch immer. Aber der Punkt, auf den so viele Regierungen hingewiesen haben, von der italienischen bis zur deutschen, ist relevant. Spanien hat durch die Massenlegalisierung das Signal ausgesandt, dass eine illegale Einreise in die EU mit etwas Glück in einen legalen Aufenthalt münden kann", findet die FAZ.
Anderer Meinung ist der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER: "Die Flüchtlingsmassen, die schwimmend Ceuta erreichen, sind nach Ansicht von Experten mit großer Wahrscheinlichkeit - wie bereits 2021, als es ähnliche Bilder gab - von Marokko bewusst herbeigeführt worden, um politischen Druck auf Spanien und die EU auszuüben. Statt panisch zu reagieren, sollten die Europäer einen kühlen Kopf bewahren und sich auf ein funktionierendes, solidarisches und menschenrechtskonformes Migrationssystem einigen. Alles andere hilft nur den Rechtspopulisten", unterstreicht der REUTLINGER GENERAL-ANZEIGER.
Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG richtet den Fokus auf die Opfer in Ceuta: "Wären bei einem Anschlag, einem Brand in den USA, in Frankreich oder gar Deutschland 72 Menschen ums Leben gekommen – kaum jemanden hier würde das unberührt lassen. Doch die Toten von Ceuta verschwinden hinter Worten wie 'Massenandrang', 'Ansturm' oder 'Angriff' – werden entmenschlicht in der Vorstellung einer die Grenzen Europas stürmenden Horde. An der Politik, der Berichterstattung, den Gedanken im Kopf jedes Einzelnen zeigt sich, wie sehr rechtspopulistische Parteien in Europa die Wirklichkeit bestimmen. Dazu brauchen sie nicht mal Regierungsverantwortung: 72 Tote sind kaum noch ein Schulterzucken wert, Hauptsache, die 50.000 Menschen kehren dorthin zurück, wo sie herkamen", heißt es in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.
Die Überlegungen zu einer Wiedereinführung des Zivildienstes sind Thema in der FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Es ist nur konsequent, wenn die Bundesregierung einen neuen Zivildienst vorbereitet. Wenn die Zahl der freiwillig Wehrdienstleistenden so niedrig bleibt, wird eine Wehrpflicht und ein damit verbundener Ersatzdienst unausweichlich. Aber auch ein Plan B muss gut vorbereitet sein, um die Probleme lösen zu können. Sie reichen vom Aufbau von flächendeckenden Kreiswehrersatzämtern für die Musterung über genügend Plätze für den Nachwuchs in den Kasernen bis zur Einrichtung von ausreichend Zivildienststellen. Wehr- und Zivildienst waren nie beliebt, sie waren unausweichlich und bestenfalls akzeptiert", konstatiert die FRANKFURTER RUNDSCHAU.
Auch die MÄRKISCHE ODERZEITUNG aus Frankfurt (Oder) hält die Wiedereinführung des Zivildienstes für unausweichlich: "Im Zuge der Aufrüstung gegenüber Russland will die Bundeswehr durch Freiwillige wachsen. Melden sich nicht genügend Menschen, kann es eine Wiedereinführung der Wehrpflicht geben. Dann braucht es auch einen Ersatzdienst für alle Kriegsdienstverweigerer."
"Endlich mal zwei erfreuliche Nachrichten. Die Bundesregierung plant eine Reform: die Wiedereinführung des Zivildiensts. Und obwohl die mit den unangenehmen Worten 'Dienst' und 'Pflicht' verbunden ist, dominieren nicht die Bedenkenträger die Diskussion", wirft der TAGESSPIEGEL aus Berlin ein: "Die Verbände, die das stemmen sollen, sagen: Ja, wir können das. Wenn Politik und Gesellschaft die Wehrpflicht mit einer ähnlich konstruktiven Haltung angehen, wäre das ein wichtiger Beitrag zur Sicherung des Friedens in Europa durch Abschreckung."
Die NÜRNBERGER NACHRICHTEN plädieren ebenfalls für ein... "...Pflichtjahr für alle jungen Menschen. Es wäre ein Projekt, das Gemeinsinn stiften könnte - in Zeiten, in denen oft Ellbogen und Egoismus dominieren, durchaus wünschenswert."
"Pflichtdienste sind problematisch", gibt die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG zu bedenken: "Sie greifen in die persönliche Freiheit des Einzelnen ein und bedürfen nicht nur der Verankerung im Grundgesetz, sondern auch der Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Kunst wird es sein, die Menschen für das große Potenzial einer allgemeinen Dienstpflicht zu begeistern: berufliche Orientierung, Eintauchen in unbekanntes Metier, mehr Verständnis füreinander, das Gefühl des Gebrauchtwerdens. Und die Gewissheit, persönlich etwas zur Sicherheit und Stabilität des Landes beizutragen", fügt die LEIPZIGER VOLKSZEITUNG an.
"Natürlich wäre ein Pflichtdienst auch ein Eingriff in die persönliche Freiheit", stimmt die RHEINISCHE POST aus Düsseldorf zu: "Aber diesem Eingriff stünde ein konkreter gesellschaftlicher Nutzen gegenüber. Profitieren würden davon alle."
Die erneut angefachte Debatte um die Rente mit 63 greift der STERN auf: "Seit zwölf Jahren haben SPD und CDU/CSU in der Rentenpolitik nur noch Geschenke verteilt, anstatt die Finanzierung der Renten wieder auf sichere Beine zu stellen. Der große Rentenkompromiss des Koalitionsausschusses von Anfang Juli, in dem sich die Regierungsparteien verpflichtet haben, die Empfehlungen der Alterssicherungskommission vollständig umzusetzen, ist eine historische Chance, dieses Versäumnis zu beheben. Dass nun ausgerechnet mit Michael Kretschmer aus Sachsen, Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt und Mario Voigt aus Thüringen drei CDU-Ministerpräsidenten aus dem Osten die Debatte neu aufmachen, ist nur mit der Angst vor der AfD zu erklären. Schließlich war die CDU schon immer gegen die abschlagsfreie Frührente und die Hauptprofiteure sitzen auch nicht im Osten des Landes. Die Debatte gefährdet im Kern den Rentenkompromiss – und damit sichere Renten in der Zukunft", warnt der STERN.
Ähnlich sieht dies T-ONLINE: "Die Rentenreform ist bei den meisten unbeliebt, die Bundesregierung weiß das, Sven Schulze spürt es in Sachsen-Anhalt im Wahlkampf. Populär ist, dagegen zu sein. Um die gewaltige Aufregung zu erklären, braucht es trotzdem mehr. Die Union könnte den Impuls ihrer Ministerpräsidenten in den neuen Bundesländern ja einfach für die Gesetzesarbeit im Herbst aufnehmen, statt zu hyperventilieren. Doch dort herrscht Panik, dass das 'Gesamtkunstwerk' Rentenreform ruiniert wird, wenn jetzt jemand nachpinseln will. Und die SPD würde an der Stelle liebend gern nachpinseln. Hinzu kommt, dass die Lage der Koalition so fragil ist, dass die Union sich offensichtlich genötigt sieht, jeden Streit, ja jede Irritation zu vermeiden. Die Heftigkeit der Debatte lässt sich deshalb nicht durch die Unterschiede in der Sache, sondern durch das politische Umfeld erklären. Ein Ministerpräsident im Überlebenskampf trifft gerade auf eine Bundesregierung im Überlebenskampf", stellt T-ONLINE mit Sitz in Berlin fest.
"Wenn es bei der abschlagsfreien Frührente bleibt, ist die Reform zum Scheitern verurteilt", schätzt die STUTTGARTER ZEITUNG: "Dies wiederum wäre eine Katastrophe für eine Regierung, der ohnehin der Ruch anhängt, sie liefere nicht, was sie versprochen habe - schon gar nicht, was Deutschland vor einer Dauerdepression bewahrt. Die drei CDU-Herren, die sich das Ganze ausgedacht haben, sägen am Amtssessel ihres Kanzlers. Sie würden mit ihrer Reformblockade aber nicht nur Merz schaden, sondern vor allem den Rentnern, die sich auf die langfristige Finanzierbarkeit ihrer Ruhestandsgehälter nicht mehr verlassen könnten. Von einer solchen Pleite mit Ansage würden allein die profitieren, denen sie mit ihrem Brandbrief gerne den Wind aus den Segeln nehmen würden. Die Ministerpräsidenten verheddern sich in ihrer eigenen Taktik. Das ist das Gegenteil von kluger Politik." Mit dieser Stimme der STUTTGARTER ZEITUNG endet die Presseschau.