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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie programmierte Psyche28.05.2007

Die programmierte Psyche

Wie Gene unser Verhalten steuern

Viele Wissenschaftler steht den Entwicklungen in der Verhaltensgenetik eher kritisch gegenüber. Allerdings hat die Forschung von heute mit den kruden Vorstellungen von vor 150 Jahren kaum noch etwas gemein. Kein ernstzunehmender Forscher will heute eine bessere Gesellschaft heranzüchten. Vor allem aber die Wissenschaft hat sich gewandelt. Früher wusste man nichts über die Mechanismen der Vererbung, die heutigen Genetiker dagegen kennen sie fast bis ins kleinste Detail.

Von Gabor Paal

Gibt es ein Gen für kriminelles Verhalten? (AP Archiv)
Gibt es ein Gen für kriminelles Verhalten? (AP Archiv)

"Gen für kriminelles Verhalten gefunden

Intelligenz-Gen identifiziert

Alkoholismus-Gene

Homosexualitätsgene

Stressbewältigungsgene

Gene für Legasthenie

für Angst

für Bindungsfähigkeit

für Risikobereitschaft

- für Genialität? "

Psycho-Gene machen seit einigen Jahren Schlagzeilen. Als ob die Wissenschaft den Menschen endgültig genetisch durchleuchtet hätte. Als ob sie wüsste, was die Gene in unseren Gehirnen anrichten.

"Ich würde sagen, dass in der Genetik wirklich eine Revolution stattgefunden hat in den letzten zehn Jahren. "

Turhan Canli ist türkischer Abstammung, in Deutschland aufgewachsen und lehrt heute Psychologie an der Stony Brook University in New York. Er ist überzeugt: Die Psychologen der Zukunft werden nicht mehr ohne Genetik auskommen. Canli bereitet gerade für seine Psychologie-Studenten einen Kurs in Molekularbiologie vor. Inklusive Labor-Praktikum.

" Das Wissen existiert, aber wir Psychologen haben uns nicht die Mühe gemacht, uns das Wissen anzueignen. Das ist, was ich glaube, was eine wichtige Aufgabe von Psychologen in der Zukunft sein wird, um menschliches Verhalten besser verstehen zu können."

"Es gibt mindestens seit einem Jahrhundert Versuche, die Genetik in die Psychologie einzubinden, und hinter diesen Versuche standen eher schlechte als gute Absichten."

Steven Rose, Neurobiologe an der britischen Open University.

"Sie haben nicht geholfen, das psychische Geschehen besser zu verstehen, und sie haben zu unerwünschten Konsequenzen geführt. Sie waren Grundlage der Eugenik, die wir alle gut kennen. Also es gibt einige Probleme damit."

Steven Rose hat recht, zumindest historisch gesehen: Es fing 1869 an mit dem Buch Heredity Genious: Erbliches Genie. Der Autor dieses Werks war selbst hochintelligent. Francis Galton. Universalgelehrter: Geograph, Afrikaforscher, Meteorologe, und, nebenbei: Cousin von Charles Darwin und von daher auch interessiert an den damals neuen Ideen der natürlichen Selektion.

Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass die natürlichen Fähigkeiten des Menschen vererbt werden, unter genau den gleichen Bedingungen, wie die Formen und die körperlichen Eigenschaften der gesamten organischen Welt.

Bei den "natürlichen Fähigkeiten", deren Vererbbarkeit er nachzuweisen glaubte, dachte Francis Galton vor allem an Intelligenz, an natürliche Begabungen. Er klassifizierte talentierte Menschen - und das hieß für ihn: Männer - in Schriftsteller, Musiker, Richter, Staatsmänner, Feldherren. Und versuchte, anhand der Abstammungslinien dieser Männer die Vererbbarkeit von Begabungen nachweisen zu können. Galton beließ es nicht bei der Wissenschaft. Er wollte damit etwas bewirken. Die Verbesserung der Gesellschaft durch Züchtung.

So leicht wie es ist, durch sorgfältige Auswahl Sorten von Hunden oder Pferden zu erhalten, die sich durch besondere Renn-Stärke auszeichnen oder durch sonst irgendwas, so könnte es äußerst zweckmäßig sein, eine hochbegabte Menschenrasse zu erzeugen, durch vernünftige Ehen über mehrere aufeinanderfolgende Generationen.

Wohin diese Gedanken in den folgenden Jahrzehnten führten, ist bekannt. Von den Vorstellungen der Rassenhygiene bis hin zu den so genannten Euthanasieprogrammen der Nazis.

"Deshalb ist die Verhaltensgenetik in mancher Hinsicht problematisch. Wie Gene im Laufe der Entwicklung eines Menschen sein Verhalten beeinflussen, ist natürlich ein wichtiges wissenschaftliches Thema. Ob es uns hilft, Aspekte des menschlichen Daseins besser zu verstehen, steht auf einem anderen Blatt."

Der Entwicklungsbiologe Steven Rose steht den Entwicklungen in der Verhaltensgenetik eher kritisch gegenüber. Allerdings hat die Forschung von heute mit den kruden Vorstellungen von vor 150 Jahren kaum noch etwas gemein. Kein ernstzunehmender Forscher auf dem Gebiet will heute eine bessere Gesellschaft heranzüchten. Vor allem aber die Wissenschaft hat sich gewandelt. Francis Galton wusste nichts über die Mechanismen der Vererbung, die heutigen Genetiker dagegen kennen sie fast bis ins kleinste Detail. Aber auch sie haben ihre Visionen.

15 Jahre saß Khaled im Gefängnis, verurteilt wegen eines versuchten Terroranschlags. Heute, im März 2023, hat er sich von seinen Taten und von den islamistischen Terrorzellen distanziert. Jetzt hat er über seinen Anwalt die vorzeitige Haftentlassung beantragt. Ein psychologischer Gutachter wird herangezogen, er weist auf verschiedene genetische Anomalien hin, die eine Anfälligkeit für aggressives Verhalten begünstigen.

Canli: " Was das Gremium wissen möchte ist: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Mensch wieder ein Verbrechen begehen wird. Im Moment ist es halt so, dass Psychiater dazu gefragt werden, aber wenn es uns möglich wäre, mit größerer Präzision vorherzusagen, was für diese Person die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie wieder eine kriminelle Tat begehen wird, das wäre schon wünschenswert."

Aber ist, was sich Turhan Canli vorstellt, auch realistisch? Wie wenig die Wissenschaft heute tatsächlich über die genetischen Ursachen unseres Verhaltens weiß, wird deutlich, wenn man sich ansieht, wie die Forscher zu ihren Aussagen kommen.

Viele Aussagen über die Erblichkeit von Charaktereigenschaften beruhen auf rein statistischen Vergleichen. Besonders wichtig war und ist dabei die Zwillingsforschung. Um etwa eine Antwort auf die Frage zu finden, wie weit Intelligenz angeboren ist, haben US-Wissenschaftler viele tausend Familien über einen längeren Zeitraum untersucht. Besonders interessant waren dabei die Unterschiede zwischen eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge sind genetisch absolut identisch, zweieiige dagegen teilen sich im Schnitt nur die Hälfte aller Gene. Wenn die Intelligenz nur ein Ergebnis von Erziehung und Umwelteinflüssen wäre, dann müssten die Ähnlichkeiten bei den Zwillingsgeschwistern immer etwa gleich sein, egal, ob sie eineiig sind oder zweieiig. Tatsächlich aber sind sich, was Sprachkompetenz und räumliches Vorstellungsvermögen betrifft, eineiige Zwillinge viel ähnlicher als zweieiige. Durch solche jahrzehntelangen Studien sind die Wissenschaftler zu folgenden Ergebnissen gekommen: Die Intelligenz-Unterschiede zwischen den Menschen sind, was die Sprache betrifft, zu 50 Prozent auf die Erbanlagen zurückzuführen, und was das räumliche Vorstellungsvermögen betrifft, zu 40 Prozent. Auch in den Charaktereigenschaften zeigen sich auffallende Ähnlichkeiten bei eineiigen Zwillingen, sagt Klaus-Peter Lesch, Psychiater an der Uniklinik in Würzburg. Das fällt vor allem bei Zwillingen auf, die nicht zusammen aufgewachsen sind.

"Ganz eindrucksvoll zeigt sich die genetische Komponente bei Zwillingen, die getrennt aufwachsen und sich erst im späteren Leben zufällig treffen. Da treffen sich zwei Feuerwehrleute, da treffen sich zwei Damen, die im Kirchenchor singen oder zwei Menschen, die das gleiche Parfum bevorzugen."

Das alles sagt jedoch nichts darüber aus, welche Gene das sind: Wird die Intelligenz durch einige wenige Gene bestimmt? Durch Hunderte? Tausende? Und wie wirken sie: Machen sie bestimmte Gehirnareale größer? Sorgen sie für eine gesteigerte Vernetzung der Nervenzellen? Oder befähigen die Gene ihre Besitzer einfach dazu, in den entscheidenden Momente bestimmte Hirnfunktionen auszuschalten und sich auf das wesentliche zu konzentrieren? Alles möglich, alles Spekulation. Während die Zwillingsstudien zumindest einige konkrete Aussagen über die Erblichkeit von Verhaltenseigenschaften erlauben, stehen viele andere Theorien auf wackligen Füßen. Viele der schlagzeilenträchtigen Gene, die angeblich unser Verhalten bestimmen, gibt es gar nicht. Kein Schizophrenie-Gen; kein Homosexualitäts-Gen, wie es 1993 der amerikanische Genetiker Dean Hamer gefunden haben wollte; und auch kein "Intelligenz-Gen bei aschkenasischen Juden", wie es eine Studie aus dem Jahr 2005 behauptete. All diese Forscher hatten lediglich in einigen Bevölkerungsgruppen bestimmte psychologische Auffälligkeiten entdeckt, ohne aber wirklich konkrete Gene benennen und nachweisen zu können, die dafür verantwortlich wären.

"Es gibt noch immer Leute, die sind ganz schnell damit, irgendwelche weitreichende Behauptungen aufzustellen."

Erklärt der Sozialwissenschaftler Nicholas Rose. Er leitet an der London School of Economics das Zentrum für Biowissenschaften.

"Aber die meisten Forscher, die vielleicht selbst noch vor zehn, fünfzehn Jahren geglaubt haben, bestimmte Krankheiten wie Schizophrenie auf einige wenige Gene zurückführen zu können, denken heute anders. Es stimmt, manchmal hört man noch im Radio den ein oder anderen Sonderling, der erklärt, er habe das Gen für dieses und jenes gefunden. Und natürlich geht es da auch um Fördergelder, es geht um Karrieren, um wissenschaftliche Lorbeeren, Patente, was auch immer, aber wir müssen wirklich unterscheiden zwischen diesen Auswüchsen und der tatsächlichen wissenschaftlichen Debatte."

Diese wissenschaftliche Debatte hat - nach den Zwillingsstudien und der Auswertung statistischer Zusammenhänge zwischen Verhaltensmerkmalen und bestimmten Bevölkerungsgruppen - inzwischen längst Phase 2 erreicht.

Phase 2: Die Entschlüsselung von Genen.

Und das ist um einiges mühsamer.

In der psychiatrischen Klinik der Uni Würzburg wird deutlich, wie kompliziert es ist, Gene auszumachen, die für bestimmte psychologische Eigenschaften und Charaktermerkmale verantwortlich sind.

"In den letzten drei Jahren interessieren wir uns besonders für das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätssyndrom als eine insbesondere auch im erwachsenen Alter untertherapierte Erkrankung."

Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität, aber auch Ängstlichkeit - wie weit sind diese menschlichen Eigenschaften genetisch bedingt? Wenn der Leiter der Würzburger Forschungsgruppe, Klaus-Peter Lesch, solchen Fragen auf den Grund geht, dann stehen auch hier am Anfang epidemiologische Untersuchungen; darüber, wie weit solche psychologischen Störungen gehäuft in bestimmten Familien vorkommen und ob hierbei die Ähnlichkeiten etwa zwischen eineiigen Zwillingen besonders groß sind.

Bei diesen Studien gab es schon klare Hinweise, etwa dass eine Neigung zu ängstlichem Verhalten teilweise angeboren ist. Doch damit sind die verantwortlichen Gene noch nicht bekannt. Um die aufzuspüren, schöpfen die Würzburger Forscher das gesamte Repertoire aus: Tierversuche mit gen-veränderten Mäusen, bildgebende Verfahren aus der Hirnforschung und psychologische Versuchsreihen mit menschlichen Probanden: Viele Erkenntnisse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen werden zusammen getragen, um zu halbwegs brauchbaren Aussagen zu gelangen.

Angelika Schmitt zum Beispiel untersucht in der Würzburger Klinik Veränderungen in den Gehirnen von Mäusen. Unter ihrem Mikroskop befindet sich ein 150 Mikrometer dünner Schnitt aus der vorderen Hirnrinde einer Maus. Die Mikroskopaufnahme wird auf einen Computerbildschirm übertragen. Dies ermöglicht Angelika Schmitt, die einzelnen Nervenzellen in dieser Hirnregion zu vermessen.

"Wir vermessen die Dendritenbäume, und sehen, ob diese Dendriten verändert sind oder nicht. Zum Beispiel gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass insgesamt das dendritische Material und diese Dendriten-Verzweigungen, dass die verstärkt sind bei bestimmten Neuronen dieser Maus. Und vielleicht hat das einen Hinweis auf das Verhalten, auf das veränderte Verhalten dieser Mäuse."

Das besondere an diesen Mäusen: Ihnen fehlt ein Gen: Das Serotonin-Transporter-Gen. Wie der Name sagt, steuert es unter anderem den Transport des Neurotransmitters Serotonin und beeinflusst somit die Kommunikation zwischen bestimmten Nervenzellen im Gehirn. Untersuchungen haben gezeigt, dass Mäuse, denen dieser Serotonin-Transporter fehlt, im Erwachsenen-Alter ein besonders ängstliches Verhalten zeigen. Die Gehirn-Schnitte unterm Mikroskop wiederum belegen, dass auch die Nervenzellen verändert sind. Die Verzweigungen der Neuronen im Frontalhirn sind stärker als bei normalen Mäusen. Aber warum das wiederum eine erhöhte Ängstlichkeit auslösen sollte, ist unklar.

" Das ist das, was wir eigentlich gern auch weiter untersuchen möchten. Welche Schlüsse man daraus ziehen kann, wissen wir noch nicht. Es ist noch ein weiter Weg dahin."

Und Mäuse sind keine Menschen. Das ist das nächste Hindernis bei der Suche nach Verhaltensgenen. Zum einen kann es sein, dass ein Gen, das bei Mäusen eine bestimmte Wirkung hat, beim Menschen eine ganz andere Funktion ausübt. Zum anderen lassen sich viele psychologische Eigenschaften bei Versuchstieren nicht klar festmachen. Elementare affektive Reaktionen wie Angst oder Hyperaktivität lassen sich bei Mäusen vielleicht noch beobachten. Doch beschäftigen sich die Würzburger Forscher auch mit Störungen wie Schizophrenie oder Depression. Gibt es so etwas bei Mäusen überhaupt? Und wenn ja, woran soll man eine depressive Maus erkennen? Aufgrund dieser Schwierigkeiten kommen die Forscher nicht umhin, auch Versuche mit menschlichen Probanden zu machen. Deren Gene kann man allerdings nicht mal eben zu Forschungszwecken ausschalten. Man kann allerdings ihre Gene vergleichen - insbesondere jene Gene, die in den Tierexperimenten bereits aufgefallen sind. Und man kann den Probanden Aufgaben stellen und gleichzeitig mit Hilfe die Aktivität in verschiedenen Hirnregionen betrachten.

" Ich such jetzt gerade den Kopfmittelpunkt, von dem wird alles dann gemessen und so wird über die Kopfmittellinie gemessen als auch um den Kopf herum. Wenn wir zu fest rubbeln, sagen Sie es. Den Haaren passiert dabei nichts. "

Melanie Hader verkabelt gerade einen Probanden: Sie schließt ihn an ein EEG an. 21 Elektroden sollen die Hirnströme messen, während sich der Proband auf seine Versuchs-Aufgabe am Computer konzentriert. Der Test soll die Reaktionshemmung messen: Die Fähigkeit eines Menschen, eine Aktion, auf die er sich eingestellt hat, bei Bedarf auch zu unterdrücken.

" Auf dem Bildschirm kommen jetzt jede Menge Buchstaben, alle möglichen, irgendwann kommt das O. O heißt für Sie aufpassen - O heißt Obacht, sagen wir immer - kommt nach dem O als nächster Buchstabe ein X, dann drücken Sie mit der rechten Hand die Leertaste. O - X - Drücken. Kommt nach dem O ein anderer Buchstabe, dann nicht. Auch nicht Drücken, wenn das X ohne das O einfach mal dazwischen kommt. Grad noch warten, es geht gleich los, machen Sie sich schon mal bereit. "

Zwölf Minuten lang geht dieser Test. Er wird regelmäßig durchgeführt an Patienten der Klinik wie auch an gesunden Probanden. Dabei interessieren sich die Forscher weniger dafür, wie gut die Probanden die Aufgebe bewältigen. Sondern, was dabei in ihrem Gehirn passiert, so der Leitende Oberarzt Andreas Fallgatter.

"Da erkennt man, dass gerade in frontalen Hirnregionen die elektrische Aktivität in dieser Reaktionshemmungsbedingung bei gesunden Probanden sehr viel stärker ist. Und man sieht, dass ADHS-Patienten - sowohl Kinder als auch im erwachsenen Alter - eine Funktionsstörung, das heißt eine verminderte elektrische Aktivität in diesen Hirnregionen haben."

Was soviel bedeutet wie: Menschen mit Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität sind weniger in der Lage, eine Reaktion, auf die sich ihr Gehirn vorbereitet hat, wieder zu unterdrücken. Die Probanden werden darüber hinaus gebeten, eine Speichelprobe abzugeben, um einen Gentest zu machen. Und tatsächlich zeigt sich ein Zusammenhang zwischen den Hirnaktivitäten bei dieser Aufgabe und bestimmten genetischen Merkmalen. Durch das Zusammentragen all dieser Einzelbefunde - aus den Zwillingsstudien, den Tierversuchen, den Gehirnvergleichen bei den Mäusen bis hin zu den psychologischen Reaktionstest beim Menschen - erhalten die Forscher zunehmend deutlichere Hinweise darauf, dass bestimmte Gene das Verhalten mit beeinflussen. Sie fanden zum Beispiel, dass eine Veränderung im so genannten Dopamin-Rezeptor-Gen das Risiko für eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung mehr als verdoppelt. Das heißt aber auch: Es gibt durchaus ADHS-Patienten ohne diese genetische Besonderheit, während umgekehrt viele Träger dieses Gens gesund bleiben. Von der Vorstellung, dass einzelne Gene eindeutig bestimmte geistige Eigenschaften verursachen, haben sich die Verhaltensgenetiker verabschiedet. Es wirken immer viele Gene zusammen, erklärt Klaus-Peter Lesch. Unser Erbgut determiniert nicht unser Verhalten, es beeinflusst es höchstens.

"Dieser Bauplan stellt und legt die Rahmenbedingungen von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten fest. Wie sich nun diese Persönlichkeit innerhalb dieser Rahmenbedingungen entwickelt, hängt sehr stark von umweltbedingten Faktoren ab, wie zum Beispiel Erziehungsstil der Eltern oder Schul- und Berufsausbildung oder auch die sozioökonomische Situation des Individuums und vieles mehr."

Die Gene legen die geistige Entwicklung eines Menschen nicht fest. Wohl aber können sie beeinflussen, wie die Psyche eines Menschen Umweltreize verarbeitet, was sie daraus lernt, ob wir etwa aus einer Belastungssituation am Ende stärker, gelassener, souveräner hervorgehen oder ob eher einen Knacks davon tragen.

"Die Anspannung ist groß unter den Eltern, die vor dem Besprechungsraum warten. Es ist das letzte Kindergartenjahr. Letzte Woche musste jedes Kind eine Speichelprobe abgeben. Eigentlich ist die Untersuchung freiwillig - aber wer will nicht das Beste für sein Kind? Heute nun ist der Psychologe der ortsansässigen genetischen Beratungsstelle gekommen, um die Eltern anhand der Gentests in Einzelgesprächen zu beraten. Der Mutter von Paul wird er sagen, dass Paul ein erhöhtes Risiko zur Rechenschwäche hat und ihm deshalb eine frühe Unterstützung gut täte. Dem Vater von Elena wird er empfehlen, sich besonders viel Zeit für seine Tochter zu nehmen, während er die Eltern von Nico ermuntert, dem Entdeckerdrang ihres Sohnes viel Raum zu lassen: Nico und Elena sind genetisch eben unterschiedlich veranlagt. Und dann könnten wir hergehen und sagen, gut, bei bestimmten Kindern wird es sich lohnen, besonders aufzupassen oder zu intervenieren. "

Auch dies noch eine Fiktion. Der Psychologe Gottfried Spangler beschäftigt sich in Erlangen mit den genetischen Einflüssen auf die frühkindliche Entwicklung, insbesondere auf das Bindungsverhalten. Es gibt Kinder, die in bindungsrelevanten Situationen desorientiert erscheinen. Sie zeigen gegenüber ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen oft ein widersprüchliches Verhalten. Das zeigt sich in Situationen, in denen zum Beispiel die Mutter für ein bis zwei Minuten den Raum verlässt. Normal entwickelte Kinder krabbeln ihr hinterher, weinen vielleicht auch oder machen auf sich aufmerksam. Und wenn sie wieder ins Zimmer kommt, freuen sie sich und nehmen Kontakt auf.
Bindungsdesorientierte Kinder dagegen zeigen sich oft regungslos, nehmen keinen Kontakt auf. Allerdings nicht, weil sie kein Bedürfnis danach hätten oder die Abwesenheit der Mutter gelassen hinnehmen würden. Vielmehr empfinden sie, wie Hormonmessungen ergeben haben, einen erhöhten Stress.

" Man kann insbesondere feststellen, dass sie bestimmte Unterbrechungen in ihrem Verhalten zeigen, dass das Verhalten für kurze Zeit eingefroren ist, oder dass sie sogar besonders ängstlich auch reagieren, wenn die Bezugsperson zurückkommt. "

Zusammen mit einer Forschungsgruppe aus Ungarn kamen die Wissenschaftler wiederum zum Ergebnis, dass diese Kinder genetische Auffälligkeiten zeigten: Bei einem großen Teil dieser Kinder liegt das Serotonin-Transporter-Gen in einer anderen Ausprägung vor als bei den Kindern mit einem normalen Bindungsverhalten. Aber es zeigten sich auch Auffälligkeiten beim so genannten Dopamin-D4-Rezeptor-Gen. Auch dieses Gen reguliert die Kommunikation zwischen den Nervenzellen, nur eben in Bezug auf den Neurotransmitter Dopamin. Wie stark diese Gene tatsächlich das Verhalten beeinflussen, ist noch nicht klar. Es scheint jedoch, sagt Gottfried Spangler, dass diese Gene zwar ein desorientiertes Bindungsverhalten wahrscheinlicher machen; dass dieses Verhalten dennoch nur sehr selten auftritt, wenn die Eltern auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder besonders eingehen.

"So haben wir heraus gefunden, dass bei Kindern, deren Mütter besonders responsiv waren - dass sie also prompt auf Signale der Kinder reagieren und diese Signale wahrnehmen - dass bei denen dieser Zusammenhang nicht festzustellen war. Also wenn wir hier ein bestimmtes Gen-Merkmal als ein Merkmal für ein Risiko bezeichnen würden, dann würde das bedeuten, dass dieses Risiko durch elterliches Verhalten komplett kompensiert werden kann. Also es spielt im Grunde nur dann eine Rolle, wenn das elterliche Verhalten bestimmte Defizite aufweist."

Noch allerdings, stehen die Wissenschaftler, was diese Zusammenhänge angeht, ganz am Anfang. Eine genetische Beratung für Schulkinder ist, wenn es sie jemals geben sollte, in weiter Ferne, abgesehen von allen rechtlichen und ethischen Fragen, die damit verbunden wären. Stichwort Persönlichkeitsrechte und informationelle Selbstbestimmung. Wer darf meine Gene kennen?

Die 20-jährige Tina, steht kurz vor Ende ihrer kaufmännischen Lehre und bewirbt sich um Stellen in verschiedenen Unternehmen. Doch sie bekommt eine Absage nach der anderen. Die EU-Kommission hat nämlich gerade letztes Jahr - im Jahr 2017 - eine Richtlinie erlassen, wonach Arbeitgeber von ihren Bewerbern verlangen können, sie über genetische Veranlagungen aufzuklären, soweit sie für die angestrebte Stelle relevant sind. Da Tinas Vater Alkoholiker ist, hat sie bei sich mal einen Gentest machen lassen, und tatsächlich: Auch ihr Suchtrisiko ist erhöht. Sie hat zwar noch nie Drogen genommen, doch die Arbeitgeber fürchten, dass Tina unter einer erhöhten Arbeitsbelastung anfängt, zur Flasche zu greifen.

" Das Ziel unserer Forschung ist, einfache Modellorganismen zu benutzen wie Fruchtfliegen und Mäuse und Ratten, um Gene zu identifizieren, die mit der Drogensucht bei Menschen zusammenhängen."

Die Biochemikerin Ulrike Heberlein glaubt, ein solches Gen gefunden zu haben. Den Drosophila-Fliegen in ihrem Labor der University of California sieht man an, dass sie Kokain eingeatmet haben. Ihr Flug verlangsamt sich und wird zugleich unregelmäßig und zick-zack-förmig; noch ein bisschen mehr Kokain, und die Fliegen liegen bedopt und orientierungslos am Boden. Bei diesen Fliegen ist ein bestimmtes Gen ausgeschaltet. Es heißt LMO4 und reguliert den Dopamintransport zwischen den Nervenzellen, die bei Drogenkonsum aktiv sind. Da dieses Gen bei den Fliegen ausgeschaltet ist, wird zuviel Dopamin transportiert, diese Fliegen reagieren deshalb stärker auf das Kokain. In einem nächsten Schritt untersuchte Heberlein die Wirkung des gleichen Gens bei Mäusen.

" Wir benutzten Mäuse, die wir so manipulierten, dass sie relativ wenig LMO4 produzierten. Im Ergebnis zeigte sich bei den Mäusen der gleiche Effekt wie bei den Fliegen. "

Angenommen, diese Befunde bestätigen sich auch beim Menschen. Angenommen, das LMO4-Gen erhöht auch bei Menschen die Anfälligkeit für Kokain oder für Drogen überhaupt: Kann damit Suchtverhalten erklärt werden? Der Entwicklungsbiologe Steven Rose von der britischen Open University hat seine Zweifel:

"Wenn man ein Gen in einer Fruchtfliege verändert und herausfindet, dass es Fliegen, in Anführungszeichen: "süchtig" macht - hat das irgendeine Relevanz für den Menschen? Wenn wir derzeit große Probleme mit Drogensucht und Alkoholismus haben, sollten wir die Erklärung nicht in unseren Genen suchen, sondern in der Gesellschaft, in der wir leben. Im 19. Jahrhundert, während der industriellen Revolution, gab es in England eine Redensart: Für einen Penny betrunken, für zwei Pence stockbesoffen, das ist der billigste Weg, Manchester zu entkommen. Bei Drogensucht geht es um Flucht aus dem Elend, aus einer verzweifelten Lebenssituation. Das hat nichts mit Genen zu tun, hier geht es um die Gesellschaft, in der wir leben."

Heberlein: "Natürlich können wir nicht wirklich das Suchtverhalten von Menschen bei Tieren imitieren, denn Sucht ist per Definition verbunden mit Kontrollverlust: Man tut etwas, obwohl man genau weiß, dass es extrem negative Folgen haben kann, bis hin zur Zerstörung der Familie. Das kann man in Tieren nicht studieren. Bei Tieren kann man nur bestimmte Aspekte von Sucht untersuchen, die Sensibilisierung gegenüber einem Drogenreiz, die Entwicklung einer Toleranz. Das heißt, wir untersuchen einige einfache, gut zu untersuchende Verhaltenselemente, Um die Drogensucht als Gesamtphänomen zu verstehen, muss man sich schon mit dem Menschen beschäftigen."

Ob Verhaltensgenetiker sich mit der kindlichen Entwicklung beschäftigen, mit Sucht, mit aggressivem Verhalten, mit Intelligenz oder mit Hyperaktivität: Hört man ihnen aufmerksam zu, so klingen sie sehr bescheiden. Wie soll es auch anders sein: Das menschliche Gehirn hat mehr als zehn Milliarden Nervenzellen, das menschliche Genom besteht aus rund 25000 Genen. Und genauso, wie all die Nervenzellen miteinander vernetzt sind, so stehen auch die einzelnen Gene miteinander in Wechselwirkung. Jedes dritte Gen ist irgendwie im Gehirn aktiv, allerdings nicht nur dort. Die meisten Gene haben verschiedene Funktion an unterschiedlichen Stellen im Körper und wirken nur teilweise im Gehirn. Und in den verhaltensgenetischen Studien tauchen immer die gleichen Gene auf, wie das Serotonin-Transporter-Gen, das offenbar sowohl bei Ängstlichkeit wie auch bei frühkindlichen Bindungsstörungen eine Rolle spielt. Oder die diversen Dopamin-Rezeptor-Gene, und noch ein paar weitere. Fünf bis zehn Gene von rund 25000 insgesamt!

Das ist nicht viel, räumt auch der Entwicklungspsychologe Gottfried Spangler ein.

"Sie haben natürlich recht, es sind jetzt zwei oder drei - in der Literatur gibt es auch schon mehr - Gene, die genannt werden, aber es ist eine relativ kleine Gruppe, für die solche Untersuchungen gemacht werden. Aber es gibt bestimmt eine Vielzahl von Genen noch, die für uns interessant sein können. Das Problem ist auch, dass die Gene für psychologische Merkmale nicht deterministisch sind, so dass wir große Stichproben brauchen, um den Einfluss einzelner Gene feststellen zu können."

Stefan steht vor Gericht. Er hat zwei junge Männer krankenhausreif geschlagen. Die Anklage lautet auf schwere vorsätzliche Körperverletzung. Stefans Anwalt versucht, die Richter zu überzeugen, dass sein Mandant nur vermindert schuldfähig ist. Er legt ein Gutachten vor, wonach Stefan ein Gen trägt, das antisoziales Verhalten auslösen kann. Und außerdem wurde er als Kind misshandelt. Damit, so der Anwalt, ist Stefans Schläger-Verhalten tief in seiner Psyche verankert und von ihm willentlich nicht zu kontrollieren.

Ein solches Gen gibt es wirklich. Es ist das so genannte Maoa-Gen. Von diesem Gen gibt es zwei Hauptvarianten, genannt High-Activity und Low-Activity-Variante. Die Low-Activity-Varianten ist die seltenere, sie kommt bei einem Drittel aller Männer vor. Diese Genvariante allein erzeugt noch keine Gewalttäter. Studien haben aber ergeben: Wenn Träger dieses Gens zusätzlich Misshandlungen in ihrer Kindheit erfahren haben, liegt die Wahrscheinlichkeit für ein späteres antisoziales Verhalten bei 80 Prozent. Stefan - in unserem fiktiven Beispiel - wäre somit tatsächlich objektiv vorbelastet. Werden die Richter also Milde zeigen? Nicholas Rose ist skeptisch.

"Viele Leute haben vorausgesagt, dass die Verhaltensgenetik das Justizsystem verändern wird. Dass die Erkenntnisse über die genetischen Grundlagen für antisoziales und kriminelles Verhalten die Rechtsprechung beeinflussen würden. Aber wenn man sich die Realität in den Gerichtssälen ansieht, dann ist davon nichts zu sehen. Natürlich, Strafverteidiger vor allem in den USA, zeigen Gehirnbilder des Angeklagten oder genetische Analysen, um zu beweisen, dass ihr Mandant erblich bedingt so veranlagt ist und damit vermindert schuldfähig sei. Aber hat das die Gerichtsurteile verändert? Nein. Im Gegenteil. Der Trend ging, wenn überhaupt, eher zu noch härteren Strafen, mit der Begründung, der Schutz der Gesellschaft vor solchen Straftätern habe absolute Priorität."

Nicholas Rose ist Sozialwissenschaftler. Sein Bruder Steven ist Neurobiologe. Liegt es an ihrer Erziehung, an ihren Genen oder haben sie sich gegenseitig beeinflusst? Es fällt auf: Beide haben es in der Wissenschaft zu etwas gebracht. Beide sind äußerst eloquent. Beide interessieren sich für die Folgen der Verhaltensgenetik und beide sehen die Entwicklung eher mit kritischer Distanz.

"Bei jeder wissenschaftlichen Problem muss man sich fragen: Auf welcher Ebene ist die Antwort zu suchen? Wenn Sie Sucht verstehen wollen, hilft es wenig, Gene zu untersuchen. Wenn wir die existentielle Bedrohung eines Menschen durch Alzheimer verstehen wollen, hilft es sehr wohl, sich mit dem biochemischen Stoffwechsel im Gehirn zu befassen. Wenn wir aber die Aggression im Irak-Krieg verstehen wollen, hilft es wenig, sich mit den Serotonin-Transporter-Genen in den Gehirnen von Bush und Blair zu beschäftigen."

"Ich will nicht sagen, dass diese neuen Erkenntnisse keine Auswirkungen hätten, aber die Folgen werden vielleicht überraschend anders ausfallen, als wir uns das vorstellen."

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