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StartseiteMarkt und MedienDie Revolution sitzt in der U-Bahn09.04.2005

Die Revolution sitzt in der U-Bahn

Podcasting als Alternative zum Radio

Morgens, halb acht in einem Kölner U-Bahnhof. Mitten unter den müde dreinblickenden Berufspendlern, Hausfrauen und Schülern fährt die Revolution. Die Revolution trägt einen Kopfhörer und hat in der Hosentasche ein hippes, nicht einmal zigarettenschachtelgrosses Audio-Abspielgerät, das bis zu 20.000 Musiktitel oder Sprachaufnahmen speichern kann. Dieser kleine Mp3-Audioplayer namens Ipod soll - glaubt man den Zeitgeist-Propheten des amerikanischen Trendmagazins 'Wired' - das Ende des kommerziellen Radios in seiner heutigen Form einläuten. Denn unbeeindruckt von den ausgeklügelten Programmstrategien der Hit-Radio-Gewinnspiel-Powerplay-Stationen saugen sich immer mehr Hörer der werberelevanten jungen Zielgruppe ihre eigenen, individuell zusammengestellten Radioprogramme aus dem Internet, um sie später beim Joggen, Autofahren oder eben in der U-Bahn zuhören.

Von Martina Schulte

"-Wenn ich Musik hören will, höre ich eigentlich überhaupt gar kein Radio mehr.

Radio, puh, nee eigentlich nicht mehr. Machste so'n Sender an und was kommt da?

Die spielen alle die gleichen Songs: Von morgens bis abends hörst du alle halbe Stunde wieder Anastacia oder Robbie Williams. Und ich kann mir eigentlich auf dem Ipod mein perfektes eigenes Radioprogramm zusammenstellen. "

Der neueste Trend, der vor allem den kommerziellen Radio-Stationen das Fürchten lehren soll, heißt "Podcasting". Podcasts sind Radiosendungen von ambitionierten Amateuren, die man im Internet herunterladen kann. Der Begriff "Podcasting' ist dabei ein Mix aus dem englischen Wort "broadcasting" (für senden) und dem Namen des beliebten Apple-MP3-Players IPod. Als Erfinder des "Podcasting" gilt der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry. Er hat ein Programm geschrieben, das auf dem heimischen Computer regelmäßig eine vom Benutzer festgelegte Liste von privaten Radiosendungen aus dem Internet zieht und per Mausklick auf den mobilen MP3-Player überträgt.

""Wieder mal drei Studen Podcasts runtergeladen, aber nur eine halbe Stunde Zeit zum hören? Dann doch lieber gleich: Sushiradio, der feine Happen für deine Ohren. "

Gerit van Aken gehört in Deutschland zu den Podcastern der ersten Stunden. Er betreibt das Audiotagebuch Praegnanz.de und produziert zusammen Thomas Wahnhoff und Nicole Simon die Sendung Sushiradio.de.

" Sushiradio ist so eine Einstiegshilfe für Podcast-Hörer: Alle zwei Tage wird etwa ein ein bis zwei Minuten langes Stück veröffentlicht: Das können Gedichte sein, das können kleine Ratespiele sein. Ich spiele ab und zu Musik von GEMA-freien Bands, die mir gefallen. Ich rede über aktuelle Ereignisse in der Region, z.B der Bush-Besuch in Mainz. Da habe ich kommentiert und ich habe da auch Fotos geschossen. Und die habe ich dann erwähnt in meinem Podcast. Und da habe ich sogar aus Amerika zwei Reaktionen bekommen und die haben gesagt, dass solche Bilder von der Demo und von der negativen Stimmung in Mainz in den USA eigentlich nicht gezeigt worden sind. "

Auf gerade mal 500 Hörer schätzt Gerit van Aken die Zuhörergemeinde von Sushiradio. Hier spricht sein Kollege Thomas Wahnhoff in 'Wahnhoffs Wunderbare Welt der Wissenschaft' über den gefährlichen Riesenbärklau und den Geschmack von Rattengift. Manchmal jagt er auch berühmtes deutsches Versgut durch Übersetzungsprogramme und das hört sich dann so an:

""Gebirgsstrecke, jung. Heidekrautrose ist.
Sie war folglich, dass die neue Person und morgen schön.
Heidekraut von Rose.
Der junge sprach: Ich abbrüche Sie, Heidekrautrose. "

Ähnlich wie Thomas Wahnhoff und Gerrit van Aken sind in Deutschland mittlerweile etwa 20 Radio-Amateure regelmäßig auf Podcast-Sendung. Es gibt ein Ruderpodcast und ein Esoterik-Podcast, die meisten Sendungen aber beschäftigen sich mit Musik. Durchhörbarkeit ist anders als beim kommerziellen Radio kein Kriterium. Jenseits des Mainstream kann man interessante neue Bands entdecken. Auch wenn die Szene momentan vor allem als Spielwiese ambitionierter Laien zu sehen ist, gibt es bereits die ersten kommerziellen Anwendungen. So veröffentlicht der Audio-Download-Anbieter audible Ausschnitte seines Hörbuchprogramms als Podcast und schickt den trendigen Schriftsteller Wladimir Kaminer mit einer eigenen Personality-Show auf Sendung. Und der kommerzielle Bezahl-Podcast Voiceletter versucht sich mit dem Verkauf von Business-Wissen für den mobilen Geschäftsmann.

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