Sonntag, 07. August 2022

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Die schöne Schrift

Im Alter bleibt nicht viel. Die Zeit ist knapp, nach vorne wird es eng. Die Fluchtlinien des Lebens verkürzen sich, und wer die große Perpektive sucht, dem bleibt nur der Blick nach hinten. Auf zahlreiche Jahre kann der alte Mensch zurückschauen - leider nicht immer nur glückliche. Leben kann manchmal ganz schön schal sein.

Kersten Knipp | 21.12.1999

    Schal jedenfalls ist das von Ana, der betagten Protagonistin von Rafael Chirbes Kurzroman "Die schöne Schrift". Das muß wohl so sein. Wäre es nicht so, Ana wäre eine Fremde im Werk des spanischen Autors. Denn der kennt eigentlich nur ein einziges Thema: das trostlose Spanien General Francos, die 40 bleiernen Jahre Diktatur, die erst nach dem Tod des Caudillo 1975 zu unbeschwerteren Rhytmen fanden. Wieder und wieder, geradezu obsessiv, kreisen Chirbes Romane um diese verlorene Epoche. Sie porträtieren ein gedrücktes, trauriges Land, weit entfernt von den heroischen Partisanenlegenden aus den Zeiten des Bürgerkriegs. Im Spanien Chirbes´ ist nichts mehr zu spüren von den Volksfront-Mythen der 30er Jahre; dafür reihte sich das Land in die Internationale totalitärer Regimes. Es war die Zeit der Pelzmützen und hochgeknöpften grauen Mäntel. Ein Hauch von Osten wehte durch das Land.

    Vor einem Jahr erschien Chirbes Roman "Der lange Marsch" in deutscher Übersetzung. Die Bastionen des Feuilleton nahm er im Handstreich; ausnahmslos waren die Rezensenten beeindruckt von dem präzisen Porträt der kollektiven Depression: Selten zeigte ein Roman eindrücklicher, wie Kleinmut Einzug in ungezählte Seelen hielt. Die Lebensfreude ganzer Generationen erstickte unter der katholischen Strenge des allmächtigen Diktators, in endlosen Varianten brach die Verzweiflung sich Bahn. "Der lange Marsch" überbrachte eine traurige Botschaft: Die Gedanken sind nicht frei, die Gefühle noch viel weniger. In Zeiten der Diktatur bleiben Gegenwelten fiktiv - wenn überhaupt. Meistens knicken sie schon vorher ein, fast immer vertrocknet die Phantasie in der Ödnis streng verwalteter Dumpfheit. Blühen kann hier kaum was. Die kollektive Psyche ist nicht viel mehr als die farblose Knetmasse der Politik.

    "Die schöne Schrift" nun erschien im Original vor sieben Jahren. Der kurze Roman ist Chirbes´ Erstlingswerk. Und man merkt, der Autor hat sich an seinem Thema noch geübt. Die Überlappung von Innen und Außen, von Psychologie und Politik, im "Langen Marsch" so eindrücklich demonstriert, ist hier erst im Ansatz herausgearbeitet. Chirbes hatte wohl eine Ahnung von der Verletzlichkeit des Ideellen; künstlerisch hat er sie allerdings noch nicht so überzeugend umgesetzt. Sicher, das setting ist gegeben: die Falangisten haben den Bürgerkrieg gewonnen, jetzt "säubern" sie das Land, schicken die Gegner ins Ausland, ins Gefängnis oder in den Tod.

    Die Erzählerin Ana erinnert sich an all dies noch sehr genau. Auch ihre Familie litt ja unter der Härte des Regimes. Tomás, ihr Ehemann, und Antonio, ihr Schwager, kämpften beide im Widerstand. Aber Tomás hatte Glück, er kam frei, während Antonio lange Jahre im Gefängnis verbrachte, gegen Hunger und Verzweiflung kämpfte. Als er endlich wieder zurück in die Welt darf, ist er ein gebrochener Mann. Man sieht: Die Voraussetzungen für Chirbes´ sozialpsychologisches Experiment stehen in schöner Deutlichkeit bereit.

    Doch es bleibt nicht so stimmig. Daß Antonio das Haus, ja nicht einmal sein Zimmer verlassen mag, glaubt man gerne. Nach mehr als hundert Jahren Freud kann es kaum anders sein: Die Erinnerung lastet auf ihm. Allerdings: Die Vergangenheit trübt ihm nicht lange die Sinne. Bald besorgt das eine Frau. Die mondäne Isabel tritt in sein Leben, und Antonio verliert sich zum zweiten Mal. Wie ein Kasper geriert er sich in ihren Händen, verfällt ihrem verführererischen Selbstbewußtsein, ihrer eigenwilligen Ausdrucksweise, ihrer aus England mitgebrachten Eleganz.

    Doch leider, leider: Isabel ist so elegant wie skrupellos. Anas Familie, in der sie doch ein Gast ist, entwendet sie zunächst die Vorräte, dann die Ersparnisse. Schließlich zieht sie mit Antonio zusammen, nimmt von dessen Verwandten, was sie immer braucht, gibt aber nichts zurück, nicht einmal Hilfsbereitschaft, geschweige denn Herzlichkeit. Antonio läßt alles geschehen. Selbst als Isabel eine liaison ausgerechnet zu Antonios ehemaligem Aufseher und Peiniger aus dem Gefängnis knüpft, und darüber die Wertschöpfung ihres Haushalts ganz erheblich steigert, lehnt er sich nicht auf. So demütigt der Wächter Antonio ein zweites Mal; der Feind, kann man sagen, ist ihm über Isabel direkt ins Herz gerückt, die Täter verfolgen die Opfer bis in die intimsten Bereiche. Anas Mann Tomás kann das alles nicht ertragen und säuft sich deshalb zu Tode. Die Gespenster des spanischen Faschismus sind dem heillos verhexten Land bis in die hintersten Winkel gekrochen.

    "Eine schöne Schrift maskiert die Lügen", sinniert Ana, als sie Isabels elegante Handbewegungen auf dem Papier verfolgt. Isabel schreibt von romantischen Dingen, vom Geruch des Meeres oder dem Tanz der Sonne auf der Haut. Doch die Verse sind Fassade, erhabener Kitsch für tote Stunden. Ana traut der Literatur nicht. Damit beweist sie Klugheit. Allerdings: Hat es je eine Wahrheit hinter den Zeichen gegeben? Auch "Die schöne Schrift" ist anmutig geschrieben, in kurzen, knappen Sätzen, ständig auf der Hut vor lastender Bedeutungsschwere. Stilistisch ist der Roman gelungen. Und weil das so ist: Müssen wir ihn nicht gerade deshalb als Kommentar seiner selbst lesen, als metaliterarisches Spielchen um Dichtung und Wahrheit? Denkbar wäre es. Der Roman lügt zwar nicht. Aber Wahrheiten offenbart er ebenso wenig. Anas Leben ist ausgesprochen prosaisch verlaufen. Poetische Höhen erklomm es nie. Aber was ist der Grund: Das Regime? Das System? Das Zeitalter? Oder einfach nur das Leben?

    Die Sinnfülle guter Literatur, lehrt die postmoderne Ästhetik, ist unerschöpflich, jede Interpretation deshalb zuletzt ein Akt der Gewalt; denn wo unendlicher Bedeutungsreichtum herrscht, da setzt sie enge Grenzen, was mit schillernder Vieldeutigkeit lockt, presst sie ein in ein blasses Sprachkorsett. Trotzdem: Für Chirbes Erstlingswerk hätte man sich ein wenig mehr Eindeutigkeit gewünscht. Die Lebensgeschichte, die Ana ihrem Sohn Manuel in ihren späten Tagen erzählt ist traurig, das Auseinanderbrechen der Familie, der Konkurs der Liebe, der Vormarsch von Gier und Neid erschütternd. Aber man kennt solche Geschichten. Die Literatur hat die Tragödien des Herzens in allen Varianten und nach allen Richtungen hin durchkonjugiert. Viel zu oft beschränkte sie sich dabei auf´s Private, bohrte in die Gründe und Abgründe der Seele, als ob man nicht längst wüßte, was dabei herauskäme. Man kennt die intimistische Tonlage. Literatur ist artistisch und hochgradig global. Mühelos paßt sie ihren Gegenstand dem jeweiligen Lokalkolorit an, breitet die Welt der Gefühle bis in die hintersten Winkel der Welt. In diesem Fall durfte Spanien die Kulisse stellen.

    Das ist wenig tröstlich. Auch Ana bleibt am Schluß nicht viel. Schließlich soll sie sogar ihr Haus verlassen, der Sohn, ökonomisch vernünftig, will auf dem Grundstück einen Wohnblock bauen. Aber Ana denkt in den Kategorien des Herzens. Sie steht damit allein. "Weil ich durchgehalten habe", erklärt sie ihrem Sohn, "bin ich im Kampf müde geworden, und habe erfahren müssen, daß die ganze Anstrengung umsonst war. Jetzt warte ich." Chirbes´ kurzer Roman ist eine schmerzliche Illustration der condition humaine. Das ist viel und wenig zugleich. Der kurze Roman ist ein Abschöpfen der Tradition. Nicht zufällig ist Ana gefangen in der Retrospektive. Wir dürfen zum Glück in die Zukunft schauen.