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StartseiteKalenderblattDie seltene Gabe, "ein Orchester singen zu machen"12.10.2005

Die seltene Gabe, "ein Orchester singen zu machen"

Vor 150 Jahren wurde der Dirigent Arthur Nikisch geboren

Im Oktober 1895 wurde Arthur Nikisch gleichzeitig Chefdirigent sowohl in Leipzig als auch in Berlin und prägte dann fast 30 Jahre das Musikleben in beiden Städten. Als romantischer "Klanglyriker", der auch heute noch einigen Dirigenten als Vorbild gilt, ist er in die Musikgeschichte eingegangen.

Von Renate Hellwig-Unruh

Er wurde 1922 Nikischs Nachfolger in Berlin und Leipzig: Wilhelm Furtwängler während einer Pressekonferenze in London 1948. (AP)
Er wurde 1922 Nikischs Nachfolger in Berlin und Leipzig: Wilhelm Furtwängler während einer Pressekonferenze in London 1948. (AP)

Eine bis heute mustergültige Interpretation von Beethovens 5. Sinfonie: Sie stammt von 1920, mit den Berliner Philharmonikern und Arthur Nikisch am Pult. Dirigieren war für Nikisch "Seelensprache", wie er einmal bemerkte. Damit wurde er zum Vertreter eines romantischen Klangkultes der als typisch deutsch-österreichisch galt.

Mit 40 Jahren wurde Arthur Nikisch Chefdirigent gleich zweier bedeutender Klangkörper: dem Berliner Philharmonischen Orchester und dem Leipziger Gewandhausorchester. Damit begründete er einen neuen Dirigententypus. Otto Klemperer, der Pragmatiker unter den Dirigenten, berichtete später über ihn:

"Nikisch war ein absoluter Beau. Er hatte wunderbare Hände und ließ immer seine Manschetten weit herausgucken. Der schwarze Frack, die weißen Manschetten, das wirkte natürlich großartig. Es gibt viel Schauspielerisches beim Dirigieren."

Klein von Gestalt, hatte Nikisch sein Orchester mit nur wenigen, sparsamen Bewegungen und einem brennenden, suggestiven Blick aus seinen dunklen Augen im Griff. Zu seiner Bühnenpräsenz trugen auch sein dunkles dichtes Haar und der damals so typische Schnauzer bei, den er mit dichtem Vollbart kombinierte. Mit einem phänomenalen Gedächtnis ausgestattet, dirigierte Nikisch fast alle seine Konzerte auswendig, ohne Partitur.

Geradezu unheimlich waren seine gewaltigen Crescendi; wo andere mit beiden Armen turnen mussten, hob Nikisch die linke Hand langsam hoch und das Orchester brauste wie ein Meer auf.

... berichtet der Dirigent Erich Kleiber. Arthur Nikisch wurde am 12. Oktober 1855 in Mähren als Sohn einer österreichisch-ungarischen Familie geboren. Aufgewachsen als geigerisches Wunderkind, studierte er später in Wien neben Klavier auch Komposition. Doch früh schon zeichnete sich ab, dass die Dirigententätigkeit sein Metier werden würde. Seine Laufbahn begann er dann, wie so viele vor und nach ihm, bei der Operette. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das Komponieren bereits aufgegeben.

Arthur Nikisch:
Glauben sie mir, wenn ich mich nach Tisch bei einer guten Importe und einer Tasse Mocca an den Tisch setzen wollte, könnte ich genauso gut komponieren wie viele andere. Aber ich bin Dirigent. Ich habe alle Musik, von Bach angefangen bis auf die jüngste Gegenwart im Kopf. Wenn ich nun komponierte - was würde anderes dabei herauskommen als Kapellmeistermusik! Und von der gibt es schon genug.

Nach Tourneen durch Europa und Amerika und festen Positionen in Boston und Budapest, folgte die Leitung der Häuser in Berlin und Leipzig. Hier festigte er seinen Ruf als wegweisender Interpret slawischer Symphonik und deutscher Meisterwerke von Beethoven bis Wagner. Die Aufnahmetechnik steckte zu Nikisch Zeiten allerdings noch in den Kinderschuhen; es gibt daher nur wenige Einspielungen. Darunter die 1. Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt:

Nikisch:
Der moderne Dirigent ist ein Neuschöpfer, darin besteht die Selbständigkeit und der produktive Charakter seiner Kunst, darum spielt die Individualität des Orchesterleiters eine so eminente Rolle.

... bekannte Nikisch. Als großer "Klangzauberer", scheute er sich auch vor Eingriffen in die Komposition nicht.

Meine Blutwärme fordert leuchtendes Leben, blühenden Klang von meinem Orchester, und keine Rücksicht auf "historische Treue" darf mich an der Erreichung dieses Zieles hindern.

Als Arthur Nikisch unerwartet am 23. Januar 1922 im Alter von 66 Jahren starb, hatte er den Berliner Philharmonikern und dem Leipziger Gewandhausorchester zu Weltruhm verholfen. Das Trauerkonzert für ihn leitete der junge Wilhelm Furtwängler, der kurz darauf Nikischs Nachfolger wurde, und zwar sowohl in Berlin als auch in Leipzig.

Wilhelm Furtwängler:
Hier haben wir den Grund der Wirkung Nikischs, von der ich mich selber noch überzeugen konnte: er vermochte es eben, ein Orchester singen zu machen. Dies ist, darüber möge man sich klar sein, etwas höchst Seltenes.

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