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StartseiteMusikjournalTradition und Innovation09.08.2016

Die "Sommerlichen Musiktage" in HitzackerTradition und Innovation

Das Festival in Hitzacker hat eine lange Tradition. Bereits seit 1946 finden dort jährlich die "Sommerlichen Musiktage" statt. In diesem Jahr hat das Festival einen neuen Intendanten: Oliver Wille, Mitbegründer des "Kuss-Quartetts". Innovation und Tradition gehen in dem von ihm konzipierten Konzertprogramm Hand in Hand.

Von Martina Brandorff

Idylle pur: Weinberg in Hitzacker (dpa/picture alliance/Philipp Schulze)
Idylle pur: Weinberg in Hitzacker (dpa/picture alliance/Philipp Schulze)

Musik: Robert Schumann, Fünf Stücke im Volkston op. 102

"Für den Anfang habe ich das Thema Treffpunkt gewählt — Treffpunkt Hitzacker deshalb, weil in diesem Jahr Künstler und Musik gespielt werden, die in meinem Leben eine große Rolle gespielt haben, Menschen hier zusammenkommen, die mein musikalisches Denken maßgeblich beeinflusst haben. Die kommen also wieder nach Hitzacker und machen Programme, die noch nie gelaufen sind."

Oliver Wille ist der neue Intendant der Sommerlichen Musiktage in Hitzacker — einem Festival mit über 70-jähriger Tradition. Unter dem Motto "Treffpunkt Hitzacker" hat sich die Kleinstadt an der Elbe in der vergangenen Woche in eine Musikerhochburg verwandelt. Künstler, Einheimische und Musikbegeisterte aus ganz Deutschland sind hier zusammengekommen. Ihre Neugierde auf Musik hatten sie alle gemeinsam:

"In jedem Programm versuche ich immer wieder ein Erlebnis zu schaffen, bei dem man ins Staunen gerät, sodass wir alle, die im Publikum sitzen, die Kunstform von Kammermusik bewundern, ohne dass man dafür Musik studiert haben muss. Trotzdem habe ich den Anspruch, dass jedes Programm in sich eine kleine Erfindung ist, das bedeutet aber nicht, dass dort nur Neue Musik gespielt wird, sondern manchmal sind die Kombinationen, wie die Stücke aufeinander treffen auch neuartig."

Musik: Frederic Rzewski Ballade Nr. 5 für Klavier solo

Bekannte Klassiker und neue Werke
Interessant konzipiert war auch Igor Levits Konzertprogramm. Neben Schumann und Beethoven hat der junge Pianist eine Ballade von Frederic Rzewski gespielt:

"Natürlich ist durch die Freundschaft zu Frederic Rzewski seine Musik auf einer anderen Ebene noch relevant, weil er für mich relevant ist, weil ich ihn heute früh anrufen konnte und sagen konnte: "Hab gestern Abend deine Ballade gespielt"."

Musik: Rzewski Ballade Nr. 5 für Klavier solo

Die Verbindung von Volksmusik und klassischer Konzertmusik ist das Anliegen von Avi Avital. Der israelische Mandolinenspieler versucht sein Instrument seit Jahren in die westliche Musik zu integrieren— und das mit Erfolg. In Hitzacker hat er mit der Akkordeonistin Ksenija Sidarova und dem Perkussionisten Itamar Doari im Trio gespielt. Volkslieder, Barock und Moderne gingen dabei fließend ineinander über:

"Die Idee war, ein Konzertprogramm zwischen traditioneller Volksmusik und klassischer Konzertmusik zu kreieren. Also haben wir bevorzugt Komponisten ausgesucht, die Volkslieder für ihre klassischen sogenannten "Kompositionen" benutzt haben. Ich denke, die Mandoline ist dafür repräsentativ: Sie ist ein klassisches Instrument, aber irgendwie erinnert uns der Klang von Zupfinstrumenten sofort an Folklore. Und auch meine Mitspieler, die Akkordeonistin Ksenija Sidarova und der Perkussionist Itamar Doari spielen Instrumente, die sowohl auf der klassischen Konzertbühne als auch in verschiedenen Folklore-Traditionen anzutreffen sind."

Musik: Bulgarischer Volkstanz, Bucimis

Ungewöhnliches Seminarangebot
Neben bekannten Größen der Musikszene lockt Hitzacker auch Nachwuchskünstler an. In der "Festivalakademie" haben Musikstudenten aus Deutschland Workshops besucht und Konzerte mitgestaltet. Dabei sollten sie auf das Leben als selbstständige Künstler vorbereitet werden. Zum Beispiel mit Seminaren zu "Social Media" und Steuerrecht. Einer der Teilnehmer war der 26-jährige Andreas Lipp:

"Zum Beispiel Steuerrecht, da ist es nicht schlecht, mal einen Vormittag zu investieren. Wenn man zurück guckt auf das Studium, wäre ein großer Kritikpunkt an den Hochschulen, dass so etwas dort gar nicht behandelt wird. Viele Musiker müssen sich später selbstständig durchschlagen, zumindest zu einem Teil. Da ist es doch sehr wichtig, sich mit solchen Sachen auseinanderzusetzen, weil man in Schwierigkeiten kommen kann, wenn man sich da nicht drum kümmert."

Auch die örtliche Musikschule nahm an der Festivalakademie teil. Musikstudenten übernahmen die Patenschaft für junge Musiker aus Hitzacker. Der Gitarrist Ivan Petricevic nahm den 16-jährigen Albert Schüßler mit auf die Konzertbühne.

Musik: Isaac Albeniz, Suite Espanola Op. 47, No. 5: Asturias

Die "Sommerlichen Musiktage" haben Jung und Alt, Berufsmusiker und Laien, in die idyllische Kleinstadt gelockt. Mit seinem vielfarbigen Musikprogramm hat Oliver Wille es geschafft, Hitzacker in eine außergewöhnliche Atmosphäre zu tauchen. Die Freude und Neugier an der Musik scheint hier alle zu verbinden:

"Festivals in kleineren Städten haben etwas Besonderes— eine spezielle Energie. Anders als Konzerte in Paris, Berlin oder New York, wo das Publikum daran gewöhnt ist, jede Nacht großartige Konzerte zu haben. Wenn du zu einem Festival in einer kleineren Stadt kommst, spürst du die Dankbarkeit der Leute. Das ganze Dorf hat diese Festival-Atmosphäre. Auch für uns auf der Bühne ist das eine andere Art von Energie, von Atmosphäre, und das ist sehr schön."

Musik: Fritz Kreisler, Präludium und Fuge im Stile von Gaetano Pugnani

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