"Die Trilogie versucht, etwas über die Aspekte des Kriegs zu erzählen, die in der offiziellen Geschichtsschreibung nicht auftauchen. Soldaten passiert üblicherweise zweierlei: Entweder sie kommen oder sie kommen zurück und sind mehr oder weniger in Ordnung. Ich konzentriere mich auf diejenigen, die zwar zurück kommen aber körperlich verletzt oder psychisch traumatisiert sind. Und ich beschäftige mich mit Menschen, die versuchen, Soldaten zu helfen, die Granat-Schocks erlitten haben. Um sie zu heilen, aber auch, um sie an die Front zurück zu schicken, denn natürlich arbeiteten auch die Ärzte für die Armee."
Im letzten Teil der Trilogie, "Die Straße der Geister", der jetzt auf deutsch erschienen ist, treffen wir die Protagonisten wieder, die bereits in den vorhergehenden Bänden "Niemandsland" und "Das Auge in der Tür" im Mittelpunkt standen. Personen, die Pat Barker zum Teil nach historischen Vorbildern gestaltet hat. Da ist zunächst der Militärpsychiater William Rivers, nach dessen Überzeugung traumatisierte Soldaten sich des Grauens erinnern müssen, um es verarbeiten zu können.Dazu die Autorin:
"Rivers ist eine der Personen, die es wirklich gab. Er war Psychiater und ging 1915, sobald es ihm möglich war, zur Armee. Vor dem Krieg war er Ethnologe, aber während des Krieges arbeitete er als Mediziner für die Armee. Er war sehr menschlich, sehr einfühlsam und aufgewühlt von dem Leiden, das er sah. Er stand dem Krieg sehr skeptisch gegenüber, aber gleichzeitig fühlte er sich nicht in der Lage, zu sagen, Nein, Stop."
Rivers steht vor einem moralischem Dilemma: Er versucht, die stammelnden und stotternden, halluzinierenden und hysterischen Offiziere durch Gesprächstherapien zu heilen, um sie dann zurück in den Wahnsinn zu schicken. Ein Konflikt, der sich in "Die Straße der Geister" derart zuspitzt, dass der Mediziner schließlich selbst kurz vor dem Zusammenbruch steht. In fiebrigen Träumen erinnert er sich an seine ethnologischen Forschungen unter Kopfjägern in Melanesien und sehnt sich nach Ritualen, um die unheilvollen Geister des Krieges zu vertreiben. Doch der Krieg geht weiter. Es ist Sommer 1918.Und Rivers kann nicht verhindern, dass sein Patient Billy Prior zum vierten Mal an die Front geht. Billy Prior, der ehemalige Stricher, der Emporkömmling, der Aufsässige, ist eine der schillemdsten Figuren der Trilogie.Die Autorin:
"Prior ist eine Person, die ich erfunden habe, um Rivers Charakter besser ergründen zu können.Rivers ist älter, obere Mittelschicht, Offiziersschicht, Prior ist Arbeiterklasse, sexuell etwas ambivalent und er kann Rivers in jeder Hinsicht provozieren. Er zwingt ihn, Seiten an sich wahrzunehmen, die sonst nicht zum Vorschein kämen. Die Dramatik zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Personen ist ein Strang des Buches. Sie entwickeln tatsächlich Respekt und Zuneigung iffireinander, aber es ist ein sehr steiniger Weg."
Prior stirbt in den letzten Tagen des Krieges bei einem Angriff, der die Absurdität auf die Spitze treibt, denn die Verhandlungen über einen Waffenstillstand laufen zu diesem Zeitpunkt bereits. In einem dramatischen Finale führt Pat Barker die verschiedenen Stränge des Buches zusammen: die sinnlosen Opfer an der Front und den aussichtslosen Kampf der Mediziner in einem Londoner Militärkrankenhaus. "Sisnichwef" flüstert einer von Rivers' Patienten noch, bevor er stirbt: "Es ist's nicht wert". Warum hat sich Pat Barker, die früher als Dozentin für Politik und Geschichte arbeitete, ausgerechnet für den ersten Weltkrieg entschieden? Die Autorin:
"Ich habe mich für den ersten Weltkrieg entschieden, weil er stellvertretend für andere Kriege steht: Kennzeichnend war diese sehr idealistische Reaktion der jungen Menschen im August 1914, sowohl in Deutschland als auch in England. Sie dachten wirklich, dieser Krieg wäre der Beginn einer besseren Welt. Und dann die Desillusionierung, der Horror und der Schmerz. Ich glaube, dass er deshalb stellvertretend für den Schmerz aller Kriege steht."
Pat Barker beschäftigt sich mit der sperrigen Kriegsthematik auf eine moderne, schnörkellose und unpathetische Art und Weise. Ihr Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen ist bewundernswert, sie hat jedoch der Versuchung widerstanden, einen historisierenden Stil zu wählen:
Ich habe absichtlich eine Sprache vermieden, wie sie zumindest in unseren Schützengräben verwendet wurde, diese Art von, nun ja, Humor, aber nicht der Humor, den wir heute schätzen würden, ein absurder, fürchterlich fiebriger Hmnor. Man kann diese Sprache einfach nicht mehr verwenden. Ich glaube man sollte historisch korrekt sein, aber sehr darauf achten, die Leser nicht mit offensichtlich archaischen Ausdrücken abzuschrecken, die ihnen den Eindruck vermitteln, die handelnde Person wäre völlig anders, denn tatsächlich ist diese Person wahrscheinlich nicht sehr viel anders als wir es heute sind."
Nachdem sie für "Die Straße der Geister" 1995 den Booker-Preis erhielt, wurde die heute 57-jährige Autorin in Großbritannien schlagartig berühmt. "Die Frau, die den Krieg verstanden hat", titelte der "Guardian" damals. Sie macht jedoch kein Aufhebens um ihre Person, scheut die Medien und lebt zurückgezogen im Norden Englands.Ihre Romane haben den literarischen Umgang mit der Kriegsthematik grundlegend verändert. Und mit ihrem psychologisch-ethnologischen Ansatz erreicht sie tatsächlich, dass viele Leser Verständnis für die Protagonisten entwickeln, die auf den ersten Blick so fern scheinen. Sie habe überraschend viele Briefe von Psychiatern und Psychologen erhalten, die sich mit Rivers identifiziert hätten, erzählt Pat Barker:
"Eine andere typische Reaktion kommt von Menschen, die von ihren Vätern aufgezogen wurden, die im 1.Weltkrieg gekämpft haben, und diese, inzwischen natürlich alten, Menschen sagen: "Ich verstehe jetzt zum ersten Mal, was mein Vater damals durchgemacht hat, und warum er so war, als er mich in den 20er Jahren erzogen hat." Denn diese Männer kamen zurück, waren nervlich fertig, sehr gewalttätig und unberechenbar für ihre Familien, bis sie darüber hinweg kamen. Am meisten berühren mich die, die sagen: "Ich habe Ihr Buch gelesen, und jetzt kann ich meinem Vater verzeihen." Das heißt schon etwas."
Im letzten Teil der Trilogie, "Die Straße der Geister", der jetzt auf deutsch erschienen ist, treffen wir die Protagonisten wieder, die bereits in den vorhergehenden Bänden "Niemandsland" und "Das Auge in der Tür" im Mittelpunkt standen. Personen, die Pat Barker zum Teil nach historischen Vorbildern gestaltet hat. Da ist zunächst der Militärpsychiater William Rivers, nach dessen Überzeugung traumatisierte Soldaten sich des Grauens erinnern müssen, um es verarbeiten zu können.Dazu die Autorin:
"Rivers ist eine der Personen, die es wirklich gab. Er war Psychiater und ging 1915, sobald es ihm möglich war, zur Armee. Vor dem Krieg war er Ethnologe, aber während des Krieges arbeitete er als Mediziner für die Armee. Er war sehr menschlich, sehr einfühlsam und aufgewühlt von dem Leiden, das er sah. Er stand dem Krieg sehr skeptisch gegenüber, aber gleichzeitig fühlte er sich nicht in der Lage, zu sagen, Nein, Stop."
Rivers steht vor einem moralischem Dilemma: Er versucht, die stammelnden und stotternden, halluzinierenden und hysterischen Offiziere durch Gesprächstherapien zu heilen, um sie dann zurück in den Wahnsinn zu schicken. Ein Konflikt, der sich in "Die Straße der Geister" derart zuspitzt, dass der Mediziner schließlich selbst kurz vor dem Zusammenbruch steht. In fiebrigen Träumen erinnert er sich an seine ethnologischen Forschungen unter Kopfjägern in Melanesien und sehnt sich nach Ritualen, um die unheilvollen Geister des Krieges zu vertreiben. Doch der Krieg geht weiter. Es ist Sommer 1918.Und Rivers kann nicht verhindern, dass sein Patient Billy Prior zum vierten Mal an die Front geht. Billy Prior, der ehemalige Stricher, der Emporkömmling, der Aufsässige, ist eine der schillemdsten Figuren der Trilogie.Die Autorin:
"Prior ist eine Person, die ich erfunden habe, um Rivers Charakter besser ergründen zu können.Rivers ist älter, obere Mittelschicht, Offiziersschicht, Prior ist Arbeiterklasse, sexuell etwas ambivalent und er kann Rivers in jeder Hinsicht provozieren. Er zwingt ihn, Seiten an sich wahrzunehmen, die sonst nicht zum Vorschein kämen. Die Dramatik zwischen diesen beiden völlig unterschiedlichen Personen ist ein Strang des Buches. Sie entwickeln tatsächlich Respekt und Zuneigung iffireinander, aber es ist ein sehr steiniger Weg."
Prior stirbt in den letzten Tagen des Krieges bei einem Angriff, der die Absurdität auf die Spitze treibt, denn die Verhandlungen über einen Waffenstillstand laufen zu diesem Zeitpunkt bereits. In einem dramatischen Finale führt Pat Barker die verschiedenen Stränge des Buches zusammen: die sinnlosen Opfer an der Front und den aussichtslosen Kampf der Mediziner in einem Londoner Militärkrankenhaus. "Sisnichwef" flüstert einer von Rivers' Patienten noch, bevor er stirbt: "Es ist's nicht wert". Warum hat sich Pat Barker, die früher als Dozentin für Politik und Geschichte arbeitete, ausgerechnet für den ersten Weltkrieg entschieden? Die Autorin:
"Ich habe mich für den ersten Weltkrieg entschieden, weil er stellvertretend für andere Kriege steht: Kennzeichnend war diese sehr idealistische Reaktion der jungen Menschen im August 1914, sowohl in Deutschland als auch in England. Sie dachten wirklich, dieser Krieg wäre der Beginn einer besseren Welt. Und dann die Desillusionierung, der Horror und der Schmerz. Ich glaube, dass er deshalb stellvertretend für den Schmerz aller Kriege steht."
Pat Barker beschäftigt sich mit der sperrigen Kriegsthematik auf eine moderne, schnörkellose und unpathetische Art und Weise. Ihr Vorstellungs- und Einfühlungsvermögen ist bewundernswert, sie hat jedoch der Versuchung widerstanden, einen historisierenden Stil zu wählen:
Ich habe absichtlich eine Sprache vermieden, wie sie zumindest in unseren Schützengräben verwendet wurde, diese Art von, nun ja, Humor, aber nicht der Humor, den wir heute schätzen würden, ein absurder, fürchterlich fiebriger Hmnor. Man kann diese Sprache einfach nicht mehr verwenden. Ich glaube man sollte historisch korrekt sein, aber sehr darauf achten, die Leser nicht mit offensichtlich archaischen Ausdrücken abzuschrecken, die ihnen den Eindruck vermitteln, die handelnde Person wäre völlig anders, denn tatsächlich ist diese Person wahrscheinlich nicht sehr viel anders als wir es heute sind."
Nachdem sie für "Die Straße der Geister" 1995 den Booker-Preis erhielt, wurde die heute 57-jährige Autorin in Großbritannien schlagartig berühmt. "Die Frau, die den Krieg verstanden hat", titelte der "Guardian" damals. Sie macht jedoch kein Aufhebens um ihre Person, scheut die Medien und lebt zurückgezogen im Norden Englands.Ihre Romane haben den literarischen Umgang mit der Kriegsthematik grundlegend verändert. Und mit ihrem psychologisch-ethnologischen Ansatz erreicht sie tatsächlich, dass viele Leser Verständnis für die Protagonisten entwickeln, die auf den ersten Blick so fern scheinen. Sie habe überraschend viele Briefe von Psychiatern und Psychologen erhalten, die sich mit Rivers identifiziert hätten, erzählt Pat Barker:
"Eine andere typische Reaktion kommt von Menschen, die von ihren Vätern aufgezogen wurden, die im 1.Weltkrieg gekämpft haben, und diese, inzwischen natürlich alten, Menschen sagen: "Ich verstehe jetzt zum ersten Mal, was mein Vater damals durchgemacht hat, und warum er so war, als er mich in den 20er Jahren erzogen hat." Denn diese Männer kamen zurück, waren nervlich fertig, sehr gewalttätig und unberechenbar für ihre Familien, bis sie darüber hinweg kamen. Am meisten berühren mich die, die sagen: "Ich habe Ihr Buch gelesen, und jetzt kann ich meinem Vater verzeihen." Das heißt schon etwas."