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Die Suche nach dem Glück

Im nächsten Jahr werden weltweit mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, das sagt der diesjährige Weltbevölkerungsbericht voraus. Auch in Frankreich zog es die Menschen magisch in die Ballungszentren, auf dem Land blieben nur die Alten, erst schlossen die kleinen Manufakturen, dann der Bäcker und in der schönen Landschaft konnte es ziemlich einsamen werden. Um die Verödung zu bekämpfen, haben ländliche Regionen in Europa Strategien entwickelt , um ihre Dörfer wieder zu bevölkern. In Frankreich ist zum Beispiel seit 2001 im zweijährigen Turnus die "Messe für die Übersiedlung aufs Land". Bettina Kaps hat sie besucht.

Von Bettina Kaps |
    Burgund lockt mit Musik: Das Akkordeon soll die Menschen an den Messestand der Region ziehen, wo sie alles über die landschaftlichen Vorzüge und die Arbeitsmöglichkeiten in der Nievre, im Morvan und in der Gegend um Autin erfahren können. Gleich daneben wirbt die Auvergne mit einem großen Stand. Auch die Cevennen und die Ariège, die Bretagne und das Loire-Tal stellen sich vor. Alles Landstriche, die jahrzehntelang unter Verödung gelitten haben. Auf der "Messe für die Übersiedlung aufs Land" treffen die Vertreter der ländlichen Regionen auf Menschen - so genannte Projektträger - die ihr Leben ändern und aufs Land ziehen wollen.

    Stephane Grasser arbeitet im Regionalrat des Limousin, er hat die Messe nun zum 4. Mal mit organisiert. Sie ist Teil einer aktiven Politik für den Zuzug von Neubürgern, ohne die das Limousin vermutlich weiter ausgeblutet wäre.

    " Das Limousin hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts 300.000 Menschen verloren, also fast ein Drittel seiner Bevölkerung. Das Departement Creuze ist heute die Gegend mit der ältesten Bevölkerung in ganz Europa, das Durchschnittsalter beträgt hier 45 Jahre. Der demographische Niedergang wirkt sich auf die Wirtschaft aus: die Firmenchefs altern, Geschäfte schließen, weil sie nicht übernommen werden, das soziale Leben verebbt. Wenn wir den Teufelskreis unterbrechen wollen, haben wir keine andere Wahl: Wir müssen Menschen von auswärts holen. "

    Das Limousin ist die erste Region Frankreichs, die das Problem der Verödung aktiv bekämpft hat. So bietet die Region kostenlose Fortbildungen an, bei denen Menschen, die aufs Land ziehen wollen, ihr Vorhaben prüfen und ausarbeiten können. Sie organisiert das Zusammentreffen der Projektträger mit Bürgermeistern, Handwerkern und Geschäftsleuten vor Ort. Gleichzeitig unterstützt sie Dörfer und Gemeinden, die Neubürger anziehen wollen. Diese Politik hatte Erfolg, sagt Stephane Grasser.

    " Seit dem Jahr 2004 nimmt die Bevölkerung des Limousins wieder zu und unsere Politik hat eindeutig dazu beigetragen. Der Zuwachs ist nicht der Geburtenrate, sondern ausschließlich dem Zuzug von außerhalb zu verdanken. "

    Auch viele Dörfer haben begriffen, dass ihre Zukunft, gefährdet ist, wenn sie nicht neue Bürger anwerben. Auf der Messe sind sie mit einem Verein vertreten, der 1992 unter dem Namen "SOS Villages" und mit einem dramatischen Hilfeschrei gegründet wurde: "Es reicht", stand damals auf Plakaten und in Broschüren. "32.000 Dörfer liegen im Todeskampf".

    Inzwischen verzeichnen gerade kleine Nester eine demographische Trendwende, weshalb sich der Verein auch umbenannt hat. Seit einem Jahr heißt er "Notre Village" - Unser Dorf - und setzt sich für nachhaltige Entwicklung ein.

    Vereins-Vize-Präsident Paul Reynal ist Bürgermeister in Ayen, einem 700-Seelen-Dorf am Ufer der Dordogne. Als er 1995 gewählt wurde, standen in Ayen die meisten Geschäfte leer. "SOS Villages" vermittelte ihm Kontakt zu Menschen, die aufs Land ziehen wollten. Heute gibt es in Ayen immerhin wieder zwei Restaurants, zwei Lebensmittelgeschäfte, einen Metzger und einen Bäcker.

    " Als erstmals der Duft von frisch gebackenem Brot durch das Dorf zog, herrschte bei uns Festtagsstimmung. Der Ofen war jahrelang kalt geblieben. An diesem Morgen fühlte ich mich in das Dorf meiner Kindheit versetzt. "

    Der neue Bäcker stammt aus dem Elsass und hatte zuvor am Backterminal eines Supermarktes gearbeitet. Andere Neu-Dörfler sind sogar aus dem Ausland zugezogen. Die Einheimischen müssen sich nun ganz schön umstellen.

    " Bei uns leben insgesamt 280 Familien. 40 von ihnen stammen aus Großbritannien und Holland und mindestens 100 Familien kommen aus einer Großstadt. Die soziale Mischung ist so groß, dass sich die alten Leute beklagen. Sie fühlen sich fremd im eigenen Dorf. "

    Seit wenigen Jahren ist die Landflucht in Frankreich fast überall gestoppt. Zugleich hat eine Gegenbewegung eingesetzt: Einer Umfrage zufolge möchte sich ein Drittel aller Städter auf dem Land niederlassen. Für sie bedeutet das Leben in Ballungsräumen wie Paris vor allem Hektik, Aggressivität, Umweltbelastung. Vom Land versprechen sie sich Freiheit und Selbstbestimmung. Zweieinhalb Millionen Menschen haben vor, ihren Traum auch innerhalb der nächsten fünf Jahre zu verwirklichen.