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StartseiteEssay und DiskursDie Systemfrage: Oswald von Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth17.05.2009

Die Systemfrage: Oswald von Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth

Intellektuelle Gegenpole, Teil 2

In der nunmehr 60-jährigen nachkriegsdeutschen Geschichte hat es kluge Köpfe gegeben, die im Rampenlicht der politischen Öffentlichkeit standen, über deren Andenken aber inzwischen die Dämmerung hereingebrochen ist. In unserer sechsteiligen Serie "Intellektuelle Gegenpole" erinnern wir in Doppelporträts an prägende Geister und spannende Kontroversen. Die zweite Folge befasst sich mit Fragen des ökonomischen Systems und der sozialen Ordnung und porträtiert die sozialphilosophischen Antipoden Oswald von Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth.

Von Kersten Knipp

Wolfgang Abendroth und Oswald von Nell-Breuning. Der Politologe und der Theologe, der Jurist und der Jesuit, der bekennende Sozialist und der katholische Geistliche.  (Nasa)
Wolfgang Abendroth und Oswald von Nell-Breuning. Der Politologe und der Theologe, der Jurist und der Jesuit, der bekennende Sozialist und der katholische Geistliche. (Nasa)
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Die Systemfrage
Oswald von Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth

Von Kersten Knipp

Globale Finanzkrise und weltweite Rezession, Bankenkollaps und Währungszerfall. Preissturz der Rohstoffe und steigende Arbeitslosigkeit. In die Billionen gehende Rettungsschirme und hypernervöse Regierungen. Hinzu kommt eine Schuldenexplosion mit Tilgungs- und Zinsverpflichtungen für Jahrzehnte und schlimmer noch: der weltweite Verlust des Vertrauens zwischen allen entscheidenden Akteuren. So ist die dramatische Lage.

Die realen aktuellen Probleme kamen in ihrer Dimension völlig überraschend und sind bis heute weitgehend unverstanden. Verängstige Menschen erleben völlig irritierte Experten, die sich noch vor wenigen Monaten ihrer Prinzipien und Dogmen absolut sicher waren, nunmehr aber umherirren auf der permanenten Suche nach den Ursachen. Kaum zu glauben, aber Experten befassen sich in globalem Ausmaß mit der politischen Therapie einer Krise, ohne über eine klare einvernehmliche Diagnose zu verfügen.

An Hoffnungsschimmern besteht jedenfalls kein Mangel. Wenn aber, wie zur Zeit, die Trias aus Kapitalismus, seiner Krise und der Kritik daran wieder einmal unfröhliche Urständ feiert, liegt es nahe, das System einer intellektuellen Analyse zu unterziehen.

Oswald von Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth sind zwei herausragende Analytiker in der Systemfrage gewesen: Für sie war gleichsam die kritische Aufarbeitung der Mängel und Krankheitssymptome des Systems lebensbestimmend: Sie prägte ihren individuellen Werdegang, ihr Denken, ihren Glauben, ihre Lehre sowie ihre Wirkung, die direkt und indirekt bis heute anhält.

Beide stellten die Systemfrage aber nicht als ideologisches Apercu - etwa nach dem Motto: Ist der Kapitalismus zu retten, gescheitert oder verloren? Eher gingen sie von der theoretischen und praktischen Maxime aus: Wie kann der arbeitende Mensch in der Moderne seinen Weg aus der kollektiven Entfremdung finden?

Beide stellten sich jeweils auf höchst unterschiedliche Weise den zentralen politischen und ökonomischen Herausforderungen ihrer Zeit. Dabei stand seit den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts jener Fragekomplex im Mittelpunkt ihres Schaffens: Wie soll der neue Staat sich ordnen, auf welchem politischen, sozialmoralischen und ökonomischen Fundament soll er ruhen? Wie stabil, lebens- und wandlungsfähig muss eine soziale Ordnung sein, die Prinzipien der Demokratie, der Rationalität und der Gerechtigkeit entspricht?

Wolfgang Abendroth und Oswald von Nell-Breuning. Der Politologe und der Theologe, der Jurist und der Jesuit, der bekennende Sozialist und der katholische Geistliche. Eines haben sie ganz offenkundig gemeinsam: Zur Welt kamen sie in den Heimatstädten der beiden Autoren des "Kommunistischen Manifests": Nell-Breuning 1890 in Trier wie Karl Marx, und Abendroth 1906 in Wuppertal wie Friedrich Engels.

Beide sitzen später in den Gefängnissen der NS-Diktatur. Aber dort führen in den braunen Jahren viele Wege hin. Nell-Breuning und Abendroth kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Der Katholik als Sprössling einer adligen Juristenfamilie. Der Marxist als Kind eines sozialistisch gesinnten Lehrerehepaars. Der eine erlernt den feinen Ton der Hochkultur, der andere entwickelt früh den scharfen Blick auf die Prosa der Verhältnisse.

So erleben sie den Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus ganz unterschiedlicher Perspektive: Während Abendroth ihn später als sein erstes einschneidendes politisches Erlebnis nachempfindet, nimmt Nell-Breuning ihn aus der Perspektive der Jesuiten wahr, in deren Orden er drei Jahre zuvor eingetreten ist.

Der achtjährige Abendroth, in dessen Kindheit der Krieg platzt, und der junge Novize Nell-Breuning, der Preußens Anspruch auf ungeteilte Herrschaft hinnimmt - beide, sehen sich einem autoritären Staat gegenüber. Einem Staat, der von Widerspruch, von Pluralität, Meinungsvielfalt nichts hält. Ungleich härter erfahren dies beide Jahrzehnte später ein zweites Mal:

Wolfgang Abendroth engagiert sich seit den 30er Jahren in verschiedenen sozialistischen Kadern und Organisationen, in der von Moskau gelenkten KPD und deren um Arbeiterfunktionäre zentrierten Abspaltung KPO. Außerdem schreibt er für verbotene Pressedienste.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wird er mit dem ersten juristischen Staatsexamen vom Dienst beim Oberlandesgericht suspendiert. Er promoviert in der Schweiz. 1937 wird er in Nazi-Deutschland als "politisch suspekt" wegen Hochverrats angeklagt und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Anschließend arbeitet er bei einem Berliner Wirtschaftsberater und Steuerprüfer. 1943 wird er zur Strafdivision 999 nach Griechenland eingezogen, die für die meisten Beteiligten das Todesurteil bedeutet. Von den Briten gefangen genommen schickt man ihn in ein Umerziehungslager.

Glimpflicher verläuft die Naziherrschaft für Oswald von Nell-Breuning, auch wenn die Jesuiten im Dritten Reich zur Opposition gezählt werden. Wie viele seiner Ordensbrüder sieht auch er sich einer verleumderischen Anklage wegen Devisenvergehens - er war Finanzchef seines Ordens - ausgesetzt. Drei Jahre Zuchthaus lautet das Urteil. Vor seiner Vollstreckung bewahrt ihn nur ein Gesundheitszeugnis, das ihm Haftunfähigkeit attestiert.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Arbeit Nell-Breunings beherrscht von der Ausdeutung und Entwicklung der katholischen Soziallehre. Basis seiner unendlich reichen publizistischen Tätigkeit innerhalb des Ordens bildet die erste päpstliche Sozialenzyklika "Rerum novarum" von 1891. Insofern ist er, der ab 1928 einen Lehrstuhl in St. Georgen bei Frankfurt inne hat, prädestiniert, an dem Entwurf der nächsten großen Sozialenzyklika "Quadragesimo anno" von 1931 mitzuwirken. In für ihn typischer Bescheidenheit konstatiert er 1980 in einem Fernsehgespräch:

"Als eine Tat besonderen Mutes darf man es wohl bezeichnen, dass Pius XI in 'Quadragesimo anno' den Wahrheitsgehalt der Marxschen Lehre von der Klassengesellschaft und sogar vom Klassenkampf anerkennt und in die katholische Soziallehre übernimmt. Umso beklagenswerter ist das Misslingen seines Versuches, der Marxschen klassenlosen Gesellschaft das Bild einer - wie wir heute sagen würden - das Wort war damals noch nicht erfunden - klassenfreien Gesellschaft entgegenzusetzen."

Er sieht es als seine Aufgabe an, ein wesentliches Stück der Botschaft Christi in die Praxis umzusetzen. Was die Kirche als das Große Gebot Jesu Christi verkündigt, interpretiert er wie folgt für die soziale Welt von heute:

"Du sollst deinen Mitmenschen wohlgesinnt sein und wohl tun. Die Wohlgesinntheit besteht vor allem darin, ihm alles Gute und vor allem was ihm von Rechts wegen zusteht aufrichtig zu gönnen und das Wohltun besteht an erster Stelle darin, ihm das, was ihm von Rechts wegen zusteht auch als sein gutes Recht und nicht als Gnade zu gewähren."

Und das heißt für ihn: Wo institutionelles Unrecht einem solchen Menschenrecht entgegenstehe, müsse dieses Unrecht ausgeräumt werden.

Nell-Breuning besitzt für sein gesellschaftspolitisches Engagement ein Instrumentarium, das ihn befähigte, sowohl für die beiden großen Parteien CDU und SPD als auch für die Organisationen der Arbeitnehmerschaft Weichenstellungen zu begründen, die bis heute gelten.

In der Gründungsphase der CDU beeinflussen seine Überlegungen das kapitalismuskritische Ahlener Programm von 1947, später spielt er eine dominierende Rolle in der Mitbestimmungsdebatte der Union, vor allem mit Einfluss auf die Entscheidungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, der Sozialausschüsse der CDU von Jakob Kaiser über Karl Arnold, Hans Katzer bis Norbert Blüm, der katholischen Arbeiterbewegung (KAB) und des Bundes katholischer Unternehmer (BKU) um Wilfried Schreiber, der 1957 die dynamische Rente konzeptionell begründet. Diese entspricht einer von Nell-Breuning vorgedachten Alterssicherung, die zum Ziel hatte, die Rentner am Wachstum von Wirtschaft und Gesellschaft zu beteiligen.

Was die SPD betrifft, so hat Nell-Breuning sich auf höchster Ebene in die Auseinandersetzung "Klassenpartei oder Volkspartei?" im Vorfeld des Godesberger Programmparteitags eingemischt. Später sollte er den gesellschaftspolitischen Teil des neuen Programms als "ein knapp gefasstes Kompendium der katholischen Soziallehre" bezeichnen. Außerdem trägt er zum Brückenschlag der SPD zu den christlichen Kirchen bei, mit dem die Partei die Religion nicht mehr nur als Privatsache ansehen sollte.

Ganz entscheidend ist sein Engagement beim gewerkschaftsinternen Streit um die Definition der Arbeitnehmervertretung durch eine Richtungs- oder Einheitsgewerkschaft.
Nell-Breuning übt dabei auf die abspaltungswilligen christlichen Gewerkschaften einen moderierenden Einfluss aus. Er verspricht ihnen, dass sie in der Einheitsgewerkschaft ihre Identität wahren könnten.

Dies setzt freilich unverzichtbar voraus, dass er gleichzeitig gegen eine Radikalisierung der Gewerkschaften durch den damaligen Chefideologen Viktor Agartz massiv Stellung bezieht. Auf dem Frankfurter DGB-Kongress 1954 kommt es zu einem historisch zu nennenden Duell mit Agartz, bei dem Nell-Breuning den Gewerkschaften eine wirtschafts- und gesamtpolitische Mitverantwortung, die Anerkennung der Souveränität des Parlaments, eine parteipolitische Unabhängigkeit und weltanschauliche Toleranz abverlangt.

"Also dass jetzt die Einheitsgewerkschaft nicht zerbrochen ist am Anfang, daran schreibe ich mir ein gewisses Verdienst zu. Die Kräfte, die mit uns hielten in der Gewerkschaft haben sich immer auf mich gestützt und fühlten sich durch mich verstärkt aber ich hatte damals auch bei den Gesamtgewerkschaften ein außerordentliches Maß von Beliebtheit."

Oswald von Nell-Breuning beobachtet das Zusammenspiel von Kapitalismus und Demokratie mit einiger Sorge. Noch zu Kriegszeiten, im Jahr 1942, hatte der in den USA lehrende österreichische Ökonom Joseph Schumpeter darauf hingewiesen, dass Kapitalismus und Demokratie die Grundlagen ihrer eigenen Zerstörung in sich trügen.

1960 zieht Nell-Breuning ein sehr nüchternes Resümee der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

"Nicht allein, dass sie die technischen, ökonomischen und sozialen Voraussetzungen der modernen Massengesellschaft und Massendemokratie schuf; sie trug entscheidend dazu bei, dass die Massengesellschaft nicht nur in die beiden Klassen der Kapitalisten und Proletarier, sondern in einer Mehrzahl oder Vielzahl von gesellschaftlichen Gruppen oder Machtblöcken zerfiel, die wir heute mit einem von den Amerikanern übernommenen Ausdruck - pressure groups zu nennen pflegen, d. i. Druckgruppen, weil sie dauernd nicht nur gegenseitig aufeinander, sondern namentlich auch auf den Staat Druck ausüben, so dass der unter diesem Druck stehende Staat sich immer schwerer tut, seine Aufgabe, die Sorge für das allgemeine Wohl, wahrzunehmen und kaum noch imstande ist. Eben darum ist dieser Zustand unorganisch. Die Schuld daran, dass dem so ist, trägt der Kapitalismus, nicht allein der Liberalkapitalismus der Vergangenheit, sondern leider ebenso sehr auch der sozial temperierte Kapitalismus der Gegenwart."

Wo aber steht der einflussreiche Jesuitenpater in der spannenden Zeit des beginnenden Reformismus nach der Studentenrevolte Anfang der 70er Jahre? Während Neomarxisten zum Sturz des Systems aufrufen, strebt das Regierungsbündnis Willy Brandts den sozialen Ausbau des Systems an - mit mehr Mitbestimmung und Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand. Und der Konzertierten Aktion, die den sozialpartnerschaftlichen Dialog institutionalisieren soll.

Grund genug für den Vordenker die Positionen der katholischen Soziallehre zu überdenken. Hätte die katholische Kirche die Belange der Machtlosen ernster nehmen sollen? Oswald von Nell-Breuning spricht die damaligen Glaubwürdigkeits- und Autoritätsprobleme seiner Kirche offen an. Danach gilt es:

"Das bestehende tiefe Misstrauen, die Kirche halte es mit den Reichen, mit den Mächtigen, mit den Kapitalisten, zu überwinden und nicht nur mit schönen Worten, sondern auch durch die Tat und ganz besonders durch das eigene Beispiel alle berechtigten Bestrebungen der Arbeiterbewegung zu unterstützen. Mit ihrer eigenen Autorität kann die Kirche nur darauf dringen, das, was als richtig erkannt ist, zur Kenntnis zu nehmen und dann ehrlich und ernsthaft danach zu handeln."

In der Bilanz seines gesellschaftspolitischen Schaffens ist die Anerkennung des Antagonismus aus Arbeit und Kapital grundlegend, Dieser wird aber auf eine nicht-marxistische Weise d.h. nicht im Sinne des Klassenkampfes ausgedeutet. Kern ist die Verankerung und Durchsetzung einer Sozialpartnerschaft, die nach Lage der ökonomischen Situation nur von starken Gewerkschaften bestritten werden kann. Nur von dieser Basis aus sind weitere Ziele wie Mitbestimmung, Ertragsbeteiligung, Vermögensbildung, soziale Sicherheit, denkbar.

Der Nicht-Marxist Nell-Breuning, der 1990 im biblischen Alter von 101 Jahren stirbt, benennt als eine Quelle seines Wirkens:

"Wir alle stehen auf den Schultern von Karl Marx."

Genauso könnte dies auch Wolfgang Abendroth formuliert haben. Sein intellektueller und politischer Weg folgte jedoch nach dem zweiten Weltkrieg einer anderen Spur, seine Mission war eine andere. Seine wichtigsten Lebensstationen nach ´45 und der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft sind der Kurzaufenthalt in Marburg zur Ablegung des juristischen Assessorexamens. Als dies nicht gelingt, wechselt er in die damalige Sowjetische Besatzungszone, habilitiert sich in Halle, lehrt in Leipzig und Jena und ist in Potsdam in der Justizverwaltung tätig.

Abendroth gründet 1948 in Wilhelmshaven eine Arbeiter-Hochschule für Studenten ohne Abitur. Von Marburg, jener akademischen Traditionsstätte in Nordhessen aus entfaltet er seine wissenschaftliche, publizistische und politische Aktivität, die bis zu seinem Lebensende missionarische Züge annehmen sollte, denn die Heilsbotschaft lautet stets: die Arbeiterbewegung müsse sich dem Klassenkampf im marxistisch adäquaten Klassenbewusstsein stellen.

"In den Spitzen z. B. der Gewerkschaftsbewegung gab es noch einige Funktionäre und Funktionärsgruppen, aber nur in Spitzen, nicht in mittleren Spitzen, die der alten Generation noch angehörten und gern angeknüpft hätten. Ich erinnere an Männer wie Kummernuss, Willi Bleicher, Otto Brenner. Es gab sie überall. Nur, hinter ihnen stand keine Generation, denn der Teil der deutschen Arbeiterbewegung, der am Widerstandskampf aktiv teilgenommen hatte, war in striktem Maße dezimiert."

Als Gelehrter und politisch engagierter Wissenschaftler präsentiert Abendroth bedeutende Arbeiten, die sich vor allem mit den deutschen Gewerkschaften, der Arbeiterbewegung und der Sozialdemokratie befassen. Dabei stehen im Mittelpunkt seines Interesses die sich verstärkenden Probleme des bürokratischen Verwaltungsstaates einerseits und die die Öffentlichkeit zunehmend dominierenden Verbandsinteressen.

Dieser Aufgabenstellung gilt seine 1955 vorgelegte Arbeit "Bürokratischer Verwaltungsstaat und soziale Demokratie" sowie seine 1966 erschienenen Erläuterungen zum Grundgesetz mit dem Titel: "Eine Einführung in seine politischen Probleme".

Für die Gewerkschaften sieht Abendroth als radikaler Reformist eine besondere geschichtsphilosophisch missionarische Rolle im Kampf um eine neue Verfassung der Gesellschaft. 1952 schreibt er dazu in den "Gewerkschaftlichen Monatsheften":

"Gewiss nehmen die Gewerkschaften auch Sonderinteressen ihrer Mitglieder wahr. Aber in diesen Sonderinteressen ist das Gesamtinteresse des Zieles demokratischer Organisation der Gesellschaft unter der Ausschaltung privilegierter Machtpositionen, die von der Gesellschaft her das demokratische Gefüge des Staates bedrohen können, notwendig erhalten. Sie können selbst das wirtschaftliche Interesse ihrer Mitglieder an besserer Lebenshaltung nur vertreten, wenn die politische Demokratie gesichert bleibt, wie ihnen die Erfahrungen mit dem Obrigkeitsstaat alter Prägung und den totalitären Systemen vor Augen geführt haben. Die demokratische Zielsetzung ist ihnen daher notwendig immanent, solange sie ihr eigenes Wesen nicht preisgeben wollen."

Ganz im Gegensatz zu Nell-Breunings Vorwurf der Erpressung, die tunlichst zu unterbleiben habe, setzt Abendroth darauf, gezielt auch die gewählte Volksvertretung unter Druck zu setzen:

"Demonstrationen und auch Demonstrationsstreiks der Gewerkschaften in Richtung auf ihre demokratisch legitimierten Ziele sind kein Mittel, das Parlament unter Zwang zu setzen, wie ihre Gegner glauben machen wollen, die ansonsten selten ihre Vorliebe für demokratische Legitimität entdecken, sondern die natürliche Wesensäußerung demokratischer Aktivität der Arbeitnehmer unter den Bedingungen der modernen Massendemokratie."

Wolfgang Abendroths politisches Engagement manifestiert sich in einem frühen Eintritt in die SPD 1946. Er sieht ihre Rolle von Anfang an als führende und bewusstseinsbildende Kraft im antikapitalistischen Kampf. Damit steht Abendroth in der Schumacher- und Ollenhauer-Partei ganz am Rande und auf verlorenem Posten. Doch was lässt sich der Entwicklung der sogenannten Restauration des Kapitalismus entgegensetzen? Die Hoffnung auf eine Allianz der christlichen und sozialistischen Opposition sieht er rasch schwinden.

Abendroth erwähnt in einem 1965 erschienenen Aufsatz zwar die politischen Gemeinsamkeiten, die sich unmittelbar nach Kriegsende zwischen einigen christlichen Politikern, Moraltheologen und Sozialisten gezeigt hätten. So hätte man insbesondere an die in CDU-Kreisen damals geläufige Formel vom "Sozialismus aus christlicher Verantwortung" anschließen können. Aber diese Bewegung, die sich 1947 zu Teilen noch im "Ahlener Programm" der CDU niedergeschlagen sollte. hätte sich alsbald schon verflüchtigt.

"Noch '49, beim Münchener Grundsatzprogramm des Deutschen Gewerkschaftsbundes, war der Gedanke an sozialistische Möglichkeiten durchaus aufbewahrt worden und auch von früheren christlichen Gewerkschaftlern mit vertreten worden. ... Nur: Das alles ist zwei Jahre später verdrängt und vergessen."

Resigniert stellt Abendroth fest, auch die linken Strömungen der CDU, allen voran die Arbeitnehmerausschüsse, trotz mancher progressiver gesellschaftspolitischer Forderungen es frühzeitig aufgegeben hätten, am Ziel einer radikalen Veränderung der ökonomischen Struktur festzuhalten. Für Abendroth ist die damals populäre Formel "Eigentum in Arbeitnehmerhand" trügerisch: Sie verschleiere, dass es sich bei diesem Eigentum nicht um "Verfügungsgewalt über Produktionsmittel", sondern schlicht um Ansprüche gegenüber Banken und Sparkassen handle.

So sieht Abendroth die im Grundgesetz festgehaltene Formel vom "demokratischen und sozialen Rechtstaat" nur bedingt als gültig an - mit erheblichen Konsequenzen für die demokratische Verfassung, die sich demzufolge nur dann erreichen lässt, wenn die Gesellschaft weitgehend demokratisiert wäre. Die Bundesrepublik stünde daher nach solcher Lesart vor einem fast unauflöslichen Strukturproblem, ihre autokratische ökonomische Ordnung mit einer formell demokratischen und rechtstaatlichen Struktur verbinden zu wollen.

Unverdrossen kämpft er dennoch für die Gültigkeit des klassenantagonistischen Deutungsmodells. Dazu gehört in der politischen Praxis, dass er Viktor Agartz verteidigt, weil mit der konzeptionellen Position des vormaligen Chefideologen des DGB auch die Existenzberechtigung der vor dem Verbot stehenden KPD verbunden war. Als geistige Niederlage muss er auch den Ausgang der SPD-internen Debatte über das neue Parteiprogramm von Godesberg empfinden.

Abendroth ist folglich bei der Verhinderung des Wandels der Sozialdemokratie von einer Klassen- in eine Volkspartei gescheitert. Als die Partei sich zu Beginn der 60er Jahre von ihrem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) trennen will, ist auch sein Weg in der SPD beendet. Den Stolz der etablierten Gesellschaftspolitik auf die behauptete Klassenlosigkeit der westdeutschen Gesellschaft und die Abschwächung von Interessengegensätzen hält er für blanke Illusion.

Nachdem Abendroth sich auch weitgehend von den Gewerkschaften distanziert hatte, sah er allein in dem neu gegründeten, linksgewendeten und östlich beeinflussten SDS die letzte und einzige revolutionäre Kraft in Deutschland, die für den Sozialismus und gegen den Vietnamkrieg, die Militarisierung und Nuklearbewaffnung, die Notstandgesetze und gegen das spätkapitalistische Establishment kämpfen. Abendroth im Jahre 1965:

"Die aus der SPD ausgeschlossenen Linkssozialisten sind desorganisiert und haben nur durch eine Studentenorganisation wenigstens an den Universitäten Einfluss."

Sein systemkritisches, tief im marxistischen Glauben wurzelndes Engagement verliert sich in den 70er Jahren immer mehr in einem sektiererischen Dogmatismus. Das heimische Marburg gerät zur letzten Bastion einer DKP-nahen marxistischen Orthodoxie. Doch welche wirkliche politische Heimat hatte er?

"Als wirkliche politische Heimat, vergleichbar meiner Mitgliedschaft zuerst in der KPD und später in der KPO während der Weimarer Zeit hatte ich die SPD niemals empfunden. Für mich war die SPD lediglich eine Operationsgrundlage. Moralisch hat mich der Ausschluss nicht getroffen."

Zum Ende seines intellektuellen und politischen Engagements verbinden sich also die sozialistischen Träume des Altmarxisten mit den seligen Erinnerungen an die Kampfzeiten der Weimarer Kommunisten.

Wolfgang Abendroth scheint den Zerfall zu ahnen, als er 1980 einen Aufsatz veröffentlicht zu der seit Stalins Tod 1953 in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Frage: "Was ist heute links?" Darin um- reißt er nochmals das so oft beschworene Selbstverständnis der Linken:

"Links ist, wer bereit ist, auch in Stagnations- und Krisensituationen den sozialen und wirtschaftlichen Besitzstand der abhängig arbeitenden Massen, ihrer Kinder und Alten, gegen den stetigen Angriff des Monopolkapitals, sei er durch Staat und Gesetzgebung vermittelt, sei er durch inflationäre Prozesse verschleiert, sei er unmittelbar, zu verteidigen und durch schrittweisen Kampf um seine materielle und politische Erweiterung und die Demokratisierung der Wirtschaft, um die Anpassung der realen an die wirklich noch gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, stetig zu erweitern. Denn permanente strukturelle Arbeitslosigkeit, wie sie sonst unvermeidlich entsteht, führt zur Bedrohung der bürgerlichen Freiheitsrechte, zur Chance, verzweifelte und unaufgeklärte Menschen zum Instrument faschistischer Bewegungen zu machen."

Der intellektuelle Weg Wolfgang Abendroths ist retrospektiv betrachtet in ein gewisses Dunkel gehüllt. Das ist für jemanden, der Zeit seines Lebens alle seine Kämpfe um die Herausbildung eines Klassenbewusstseins geführt hat, eine bitter bis tragische Bilanz.

Dabei ist es keine Fußnote, sondern eine bis heute unvergessene Leistung Abendroths, dass zwei herausragende Examensarbeiten bei ihm die Umbrüche und Provokationen der medialen Öffentlichkeit zum bleibenden Thema gemacht haben. Zum einen die Dissertation Rüdiger Altmanns aus dem Jahre 1954 über "Das Problem der Öffentlichkeit und seine Bedeutung für die moderne Demokratie" sowie die bahnbrechende Habilitationsschrift von Jürgen Habermas aus dem Jahre 1962 über den "Strukturwandel der Öffentlichkeit".

Wolfgang Abendroth stirbt 1985 mit 79 Jahren. Wenige Jahre nach seinem Tod gerät sein Andenken immer mehr in den schwefligen Ruch konspirativer Vorwürfe. So wird ihm unterstellt, dass er 1967 mit der Westabteilung des SED-Zentralkomitees über die Gründung einer sozialistischen Partei in Westdeutschland Gespräche geführt haben soll. Seine Weggefährten halten dies für eine verleumderische Kampagne.

Oswald Nell-Breuning und Wolfgang Abendroth - wie sehen unter dem Strich die Affinitäten und Differenzen dieser Protagonisten einer neuen sozialen Ordnung bzw. einer klassenbewussten Arbeiterbewegung aus?

Beide gehen vom Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit aus, gestützt auf ein kritisches Verhältnis zum Kapitalismus. Aber sie schlagen mit ihrer Kritik völlig verschiedene Wege zur Krisenüberwindung im System ein: - Nell-Breuning, der realitätsverpflichtete Pragmatiker, setzt ganz auf soziale Partnerschaft, getragen vom Ausgleich und Konsens der gegensätzlichen Interessen in Wirtschaft und Gesellschaft. Parität zwischen Arbeit und Kapital ist für ihn eine Lebensformel. Bei der Ausgestaltung der wirtschaftlichen und staatlichen Ordnung stehen für ihn Einzelprojekte wie die Mitbestimmung, Vermögensbildung und Ergebnisbeteiligung im Vordergrund.

Dagegen setzt der Marxist Abendroth als hegelianisch geprägter Idealist ganz auf den Klassenkampf, der im Sinne von Freiheit, Demokratie und Solidarität nur von einer politischen Kraft gewonnen werden kann, der Arbeiterbewegung. Sie ist in ihrer organisatorischen Gestalt Motor der Geschichte und Garant der Demokratie. Solange aber der Sozialismus noch nicht erreicht ist, bleibt die Notwendigkeit der Suche nach einem revolutionären Potenzial, das die Heilserwartung wach hält. Insofern ist jeder soziale Fortschritt, wie ihn der Jesuitenpater versteht, für den Marxisten nur ein Transitorium.

Nell-Breuning und Abendroth - zwei Vorkämpfer der sozialen Gerechtigkeit, zeigen sich in einer geradezu paradoxen Perspektive. Der katholische Geistliche ist der diesseitige Pragmatiker, der sich ganz der Sache und der praktischen Ausgestaltung sozialer Verhältnisse verpflichtet sieht. Demgegenüber erweist sich der idealistisch gesinnte Sozialist als ein der Empirie wenig Aufgeschlossener, der sich erst in der Utopie aufgehoben fühlt.

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