"Regen in Böhmen" heißt eines der Bilder aus der großen Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag, das Pravoslav Sovak dem Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie schenkte. Es ist eine exemplarische Arbeit, die einen mit Sovaks Blick und seinen ästhetischen Verfahren vertraut macht. Sovak hat zwar Städte und Landschaften, Menschen, Szenen und Atmosphären im Auge, kurz: die ganze gegenständliche Welt und die Art und Weise, wie sie dem Betrachter erscheint. Aber sein Interesse ist dabei stets ein strukturelles und abstrahierendes. Sichtbar wird das "Gerüst", der wiederkehrende logische Aufbau der Wirklichkeit. Sovak zieht mit den filigranen Gittern und Netzstrukturen, die über den meisten seiner graphischen Arbeiten liegen, das bildnerische Resümee aus der durchmathematisierten Naturwissenschaft der Neuzeit. Er zeigt, wie sehr unser Realitätsverständnis ein Resultat von Konstruktionen und Fiktionen ist. Aber es gibt auch den anderen Sovak mit einem verblüffenden Sinn für das Sensuelle. Bei "Regen in Böhmen" verwischt die Kontur, die Massivität der hügeligen Landschaft wird zur zarten Impression, zu einem Ton-in-Ton der abschattierten Farben. Bei Sovak ist Erfahrung immer auch Eindruck. Was aber prima vista wie eine düstere Version impressionistischer Sentiments wirkt, ist tatsächlich eine digitale Fotografie, die Folge eines rechenhaften Zugriffs, die Auflösung des Realen in diskrete Pixel.
Nicht zufällig erinnert "Die Umkehrbarkeit der Zeit", der Titel seiner ruhigen und intensiven Regensburger Ausstellung mit mehr als hundert Exponaten an Prousts großen Erinnerungsroman. Wahrscheinlich wurde Sovak, der Auswanderer, aus der Erfahrung des Verlusts, des Verschwindens heraus zum Archivar; und zu einem reflexiven Künstler, für den es nicht nur eine Wahrnehmung der Wirklichkeit gab, sondern viele Welten, die er raffiniert verschraubt und ineinander montiert. In vielem ist Sovak ein Pionier der Postmoderne. In all seinen Zyklen spürt man die Lust: oder sollte man sagen den Zwang zum Zitat, zur Auseinandersetzung mit den Bildern, die es schon gibt. Die Inserts, dieses Bild-im-Bild-Prinzip, das die amerikanische Kunst der 80er und 90er Jahre prägte, der Perspektivismus, die Gebrochenheit der ästhetischen Wahrnehmung: all das findet sich Jahre früher bei Sovak. Vor allem in seinem graphischen Werk, das zwischen hemmungsloser Improvisation und altmeisterlichem Handwerk changiert.
Spätestens in den Amerika-Bildern der 90er Jahre wird das strukturelle Interesse, das Sovaks Welt-Ansicht antreibt, unheimlich, gespenstisch. Bei "Lightwalls" verwandelt sich das nächtliche Stadtpanorama in ein artifizielles Format aus dunklen Blöcken und gereihten Lichtpunkten, als habe man die Matrize eines Riesen-Computers vor sich, der das erzeugt, was wir Welt nennen. Sovak selbst gibt sich als kühler Landvermesser, aber man spürt, noch dort wo er sie verleugnet, die Macht des Traums, des Surrealen. Seine Bildräume, ganz egal ob er sich gerade mit "Museen", amerikanischen Stadtlandschaften und Wüsten oder, vielleicht am drastischsten, mit "Indirect Messages" beschäftigt, sind merkwürdig entleert, fröstelnd kalt. Suggestive Dokumente einer existenziellen Erfahrung, welche der Politik vor allem eins nicht verzeiht: ihre Vordergründigkeit, die Bereitschaft zu raschen und einfachen Antworten.
Der Künstler als Zeuge und als Schöpfer - das ist ein wiederkehrendes Thema bei Sovak. Aus dem was er vorfindet abstrahiert er faszinierende Ordnungen; und ergänzt sie durch das was Kultur ausmacht: Chiffren, Zeichen, Worte, Modelle. Impression und Expression sind bei Sovak wie Ein- und Ausatmen. Das Resultat erinnert manchmal an das, was schon der Romantiker Novalis forderte: Man müsse die Welt in den "Geheimniszustand" versetzen, um sie voll und ganz zu erfassen.
Romantiker ist Sovak noch in anderer Hinsicht: in seinem Widerwillen, für den Markt zu produzieren, Waren oder Produkte herzustellen. Er ist nach dem "Seitenwechsel" Ende der 60er Jahre ein Abseitiger geblieben, einer, der sich den Losungen des Tages entzieht. Damit konnte er, das gehört zu den Paradoxien der Kunst-Gegenwart, gut leben. Wer sich verweigert, fasziniert.
Nicht zufällig erinnert "Die Umkehrbarkeit der Zeit", der Titel seiner ruhigen und intensiven Regensburger Ausstellung mit mehr als hundert Exponaten an Prousts großen Erinnerungsroman. Wahrscheinlich wurde Sovak, der Auswanderer, aus der Erfahrung des Verlusts, des Verschwindens heraus zum Archivar; und zu einem reflexiven Künstler, für den es nicht nur eine Wahrnehmung der Wirklichkeit gab, sondern viele Welten, die er raffiniert verschraubt und ineinander montiert. In vielem ist Sovak ein Pionier der Postmoderne. In all seinen Zyklen spürt man die Lust: oder sollte man sagen den Zwang zum Zitat, zur Auseinandersetzung mit den Bildern, die es schon gibt. Die Inserts, dieses Bild-im-Bild-Prinzip, das die amerikanische Kunst der 80er und 90er Jahre prägte, der Perspektivismus, die Gebrochenheit der ästhetischen Wahrnehmung: all das findet sich Jahre früher bei Sovak. Vor allem in seinem graphischen Werk, das zwischen hemmungsloser Improvisation und altmeisterlichem Handwerk changiert.
Spätestens in den Amerika-Bildern der 90er Jahre wird das strukturelle Interesse, das Sovaks Welt-Ansicht antreibt, unheimlich, gespenstisch. Bei "Lightwalls" verwandelt sich das nächtliche Stadtpanorama in ein artifizielles Format aus dunklen Blöcken und gereihten Lichtpunkten, als habe man die Matrize eines Riesen-Computers vor sich, der das erzeugt, was wir Welt nennen. Sovak selbst gibt sich als kühler Landvermesser, aber man spürt, noch dort wo er sie verleugnet, die Macht des Traums, des Surrealen. Seine Bildräume, ganz egal ob er sich gerade mit "Museen", amerikanischen Stadtlandschaften und Wüsten oder, vielleicht am drastischsten, mit "Indirect Messages" beschäftigt, sind merkwürdig entleert, fröstelnd kalt. Suggestive Dokumente einer existenziellen Erfahrung, welche der Politik vor allem eins nicht verzeiht: ihre Vordergründigkeit, die Bereitschaft zu raschen und einfachen Antworten.
Der Künstler als Zeuge und als Schöpfer - das ist ein wiederkehrendes Thema bei Sovak. Aus dem was er vorfindet abstrahiert er faszinierende Ordnungen; und ergänzt sie durch das was Kultur ausmacht: Chiffren, Zeichen, Worte, Modelle. Impression und Expression sind bei Sovak wie Ein- und Ausatmen. Das Resultat erinnert manchmal an das, was schon der Romantiker Novalis forderte: Man müsse die Welt in den "Geheimniszustand" versetzen, um sie voll und ganz zu erfassen.
Romantiker ist Sovak noch in anderer Hinsicht: in seinem Widerwillen, für den Markt zu produzieren, Waren oder Produkte herzustellen. Er ist nach dem "Seitenwechsel" Ende der 60er Jahre ein Abseitiger geblieben, einer, der sich den Losungen des Tages entzieht. Damit konnte er, das gehört zu den Paradoxien der Kunst-Gegenwart, gut leben. Wer sich verweigert, fasziniert.