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Die Universitätsbibliothek des 21. Jahrhunderts

Die Eliteuniversitäten der Vergangenheit zogen Wissenschaftler und Studierende nicht zuletzt auch durch ihre herausragenden Bibliotheken an. Doch dieser Prestigefaktor wandelt sich dramatisch durch die zunehmende Digitalisierung des Wissens. So übersteigt heute schon die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen im Internet die Zahl der gedruckten Veröffentlichungen um ein Vielfaches. Über die Zukunft wissenschaftlicher Bibliotheken beraten seit Dienstag auf der siebten Bielefeld-Konferenz Bibliothekare aus der ganzen Welt.

Von Andreas J. Schmitz |
    Bei dem Wort Universitätsbibliothek denkt man zunächst an große Säle voller Bücher, Folianten und Zeitschriften. Dazwischen herrscht das geschäftige Schweigen der Menschen, die hier lesen, forschen und lernen.

    Doch dieses Bild wird mehr und mehr zur Nostalgie. Denn für immer mehr Informationssuchende ersetzt der "Klick" ins world-wide-web den Weg in den Büchersaal. So stellen heute viele Universitätsbibliotheken ihre Informationen auch in digitaler Form zur Verfügung. Norbert Lossau, der Direktor der Bielefelder Universitätsbibliothek und Mitorganisator der Bielefeld-Konferenz, erklärt dass der Anstoß für die Entwicklung dieser digitalen Bibliotheken von den Informationsanbietern ausging.


    Wir haben die digitale Bibliothek deshalb über die letzten Jahre entwickelt, weil wir zunehmend wissenschaftliche Informationen auch in elektronischer Form geliefert bekommen haben, durch Verlage, durch entsprechende Fachgesellschaften auf Konferenzen und mit dem Aufkommen des Internets natürlich auch in großem Umfang auch über das Internet selbst.

    Dabei stellt die Fülle der Informationen, die auf diese Weise in Datenbanken zu verwalten sind, eine große Herausforderung dar. Experten schätzen, dass weltweit bis zu 30 Milliarden elektronische Dokumente mit wissenschaftlichem Inhalt existieren. Doch nur etwa zwei Prozent dieser Seiten können von den derzeit existierenden Suchmaschinen auch im Internet gefunden werden. Darum arbeiten einige Universitätsbibliotheken an der Entwicklung eigener Suchmaschinen speziell für wissenschaftliche Informationen. Norbert Lossau erläutert, was eine solche Suchmaschine für den Benutzer leisten soll.

    Er wird eine Suchzeile haben und hat dann die Möglichkeit auf eine ganz unterschiedliche Art von Informationen, die auch weltweit verstreut sein können, mit einer direkten Suche drauf zu zu greifen. Er bekommt eine Ergebnisliste, klickt auf einen Treffer in dieser Ergebnisliste und landet dann direkt in dem Dokument, das zum Beispiel auf dem Server der Universitätsbibliothek in Cornell, in den USA zur Verfügung gestellt wird.

    Ein derart direkter Zugriff auf die weltweit verfügbaren Informationen, ermöglicht theoretisch die Publikation von Forschungsergebnissen auch außerhalb wissenschaftlicher Verlage. Bianca Gerlinger von der NATURE-Verlagsgruppe glaubt dennoch, dass die Mehrzahl der Autoren auch weiterhin die Dienste der Wissenschaftsjournale in Anspruch nehmen wird.

    Sie veröffentlichen in den wissenschaftlichen Verlagen, weil sie a.) sicher gehen wollen, dass das, was sie veröffentlichen wollen, auch von jeweiligen anderen Wissenschaftlern in ihrem Bereich mitautorisiert wurde, weil sie sicher auch sicherstellen wollen, dass die Information entsprechend vermarktet wird, dass man also das a.) mit einem Stempel der Qualität versieht und dann b.) auch wirklich in allen Universitäten findet und in allen Archiven findet.

    Doch gerade wissenschaftliche Zeitschriften sind ein großer Kostenfaktor für die Universitätsbibliotheken, unabhängig davon ob sie online oder in gedruckter Form eingekauft werden. So sieht Dieter Timmermann, der Rektor der Universität Bielefeld, in den neuen Technologien auch keine Ersparnis, sondern eher eine zusätzliche Belastung für die Budgets.

    Im Moment haben wir praktisch zwei Kostenträger sozusagen: einmal der Klassische Teil der Bibliothek und der moderne, der neue, der dazu kommt. Zum Teil ist es eigentlich so, dass wir das Geld, das wir in die Digitale Bibliothek und die Weiterentwicklung stecken müssen, weggenommen, weggezogen wird, ich sag mal von dem klassischen Teil Bücher- und Zeitschriftenbestellungen.

    Langfristig sieht der Bielefelder Rektor in der digitalen Bibliothek allerdings ein erhebliches Einsparpotential: er kann sich vorstellen gleich ganze Bibliotheken einzusparen.

    Wenn mal alles, was es an wissenschaftlicher Literatur gibt, nicht mehr nur in Papierform verfügbar ist, sondern auch digitalisiert ist, dann braucht man ja im Grunde die Räume nicht mehr man braucht die Regale nicht mehr, man braucht die Gebäude eigentlich nicht. Sondern im Grunde bräuchte man, wenn man so will eigentlich eine. Vielleicht eine Bibliothek des Landes. Vielleicht reicht auch eine in Deutschland…