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StartseiteKultur heuteDie Unruhen in Frankreich und ihre lange Vorgeschichte07.11.2005

Die Unruhen in Frankreich und ihre lange Vorgeschichte

Der Schriftsteller Michael Kleeberg im Gespräch

"Wir sind da!" scheint die junge Revolte in den Betonvierteln der Vorstädte Frankreichs zu schreien. Umso lauter schreien und vandalieren die jungen Menschen je öfter sie ihre eigenen Bilder in den Medien sehen. Die Pariser Innenstadt, die großen Städte im ganzen Land hat der Aufstand mittlerweile ergriffen. Zwar nicht zum ersten Mal, aber noch nie so heftig wie in diesen Tagen. Ein erster Toter ist heute zu beklagen. Die Politik ist ratlos und sieht sich derzeit nur in der Lage, die Gewalt mit Gewalt einzudämmen.

Moderation: Christoph Schmitz

Französische Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in Gentilly, südlich von Paris. (AP)
Französische Feuerwehrleute bekämpfen einen Brand in Gentilly, südlich von Paris. (AP)

Der Schriftsteller Michael Kleeberg hat lange Jahre in Paris gelebt, die Verhältnisse in Frankreich beobachtet und sie als realistischer Erzähler zu Papier gebracht etwa in seinem Prosaband "Der Kommunist von Montmartre".

Christoph Schmitz: Woraus entspringt die Revolte Ihrer Ansicht nach?

Michael Kleeberg: Zunächst muss man mal sagen, weil ich das verschiedentlich gelesen oder gehört habe, dass es eine Entwicklung ist, die mit Deutschland nicht zu vergleichen ist. Ich habe mehrmals gelesen, es handele sich da um ein Migrantenproblem. Mal ganz davon abgesehen, dass ich das Wort entsetzlich finde, weil für mich gibt es eigentlich Emigranten (die wandern irgendwohin aus) oder Immigranten (die wandern irgendwohin ein) und Migranten wären dann eine Art fliegende Holländer, die nirgendwo hingehören.

Es ist aber dort kein Emigranten- und Immigrantenproblem, sondern es ist ein interfranzösisches Problem. Wir haben also nicht das Problem von Ausländern, sondern wir haben eher ein Problem, wie sich das in den USA darstellt, wir haben dort ein Problem der Apartheid. Das heißt auf gut Deutsch: Es handelt sich bei den Leuten, die dort in diesen Ghettos rund um Paris wohnen, zum überwiegenden Teil um Franzosen, aber eben um Franzosen dritter Klasse.

Schmitz: Was stimmt denn dann in dieser Gesellschaft nicht, dass es Franzosen dritter Klasse gibt?

Kleeberg: Da stimmt ziemlich viel nicht in dieser Gesellschaft und das konnte man auch in den letzten 20 Jahren, die ich mitverfolgt habe, miterleben. Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass solche ziemlich anarchischen (weil eben nicht gesteuerten) Revolten dort aufflammen. Es kommen eigentlich zwei Probleme zusammen; ein Problem, das wir allerdings auch haben, das heißt, dass im Zuge der Modernisierung der Industrie, der Globalisierung, ganze Bevölkerungsteile, die ungelernt sind, die kein hohes Bildungsniveau haben, überflüssig werden. Und das spezifisch französische Problem daran ist, dass genau diese Gruppe sich eben zum allergrößten Teil aus Franzosen nichteuropäischer Herkunft zusammensetzt, das heißt, Franzosen, deren Familien, deren Herkunft hauptsächlich in Maghreb liegt, das heißt in Nordafrika. Das stammt aus den 60er-Jahren. Und dann im Zuge der 80er-Jahre mehr und mehr Schwarzafrikaner, die dazugekommen sind.

Dazu ist jetzt folgendes zu sagen und da liegt wiederum der Unterschied zu Deutschland, den man ganz deutlich sehen muss: Das sind zu überwiegendem Teil keine Ausländer. Algerien war 130 Jahre lang nicht etwa eine Kolonie, sondern war Frankreich. Noch heute ist ja auch in Schwarzafrika Frankreich eine Schutzmacht, die sich regelmäßig dort auch militärisch positioniert und da sind wir, wenn ich das noch eben dazusagen darf, in diesem Problem der Apartheid: Jeder, der dort geboren wird, ist automatisch ein Franzose und hat dementsprechend einen theoretischen Anspruch auf Partizipation in diesem Land. Aber eben tatsächlich nur einen theoretischen, weil die Praxis sieht so aus, dass jemand, der die falsche Gesichtsfarbe hat, keinen Job bekommt, selbst wenn er durch das Bildungssystem bis zu einem Abitur oder einem sonstigen Abschluss durchgekommen ist. Es besteht dort ein regelrechtes Problem eines klassischen französischen Rassismus, den es immer schon gegeben hat, der aber eben aus dem schönen Schaufenster Paris ferngehalten werden muss.

Schmitz: Alain Finkielkraut hat das Schlagwort vom antiweißen Rassismus geprägt, da geht es darum, dass die Weißen eben die bösen Kapitalisten, die Zionisten und die Kolonialisten sind. Stößt hier also Rassismus auf Rassismus?

Kleeberg: Na, sagen wir mal so: Wenn Leute, eine große Gruppe von Leuten, ganz objektiv gesehen das Gefühl haben, dass sie Menschen dritter Klasse sind und dass sie einfach bei gleicher Befähigung trotz allem keine Chancen haben, dann entwickelt sich dann dort über die Jahre hinweg ein Groll, vor allem, weil es ja eben auch keine Durchmischung gibt. Das heißt, die Leute stecken dort alle zusammen, alle sozusagen in derselben Kacke drin und dass sich dann wenn die logischen Erklärungen versagen, dass sich dann Gegenidiotien entwickeln, dass dort natürlich auch die Leute, die zum großen Teil Moslems, allerdings vollkommen unorganisierte Moslems, aber trotz allem irgendwann hellhörig werden für die Sirenengesänge irgendwelcher Leute, die sie eben versuchen, in die Reihen eines militanten Islam zu bringen, der ja mit Antisemitismus einhergeht, das ist auch logisch und dass eine Art von antiweißem Rassismus da entsteht.

Schmitz: Aber wie kann es denn sein, dass wenn das Problem schon so virulent ist und nicht erst jetzt sichtbar mit dieser aktuellen Revolte, wie kann es sein, dass die französische Gesellschaft dann doch über so viele Jahre das Problem nicht hat bewältigen können?

Kleeberg: Man darf nicht vergessen, dass diese so genannte Couronne, also dieser ganze Gürtel von heutigen Ghettos rund um Paris, ja in den 60er,- 70er- und bis in die 80er-Jahre hinein das La Ceinture Rouge hieß, das heißt, das waren alles Gemeinden, die eine lokale kommunistische Verwaltung hatten, die im Übrigen auch sehr viel dort sozial-assoziativ und kulturell getan haben. Das geht alles, so lange die Leute eine Arbeit haben.

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