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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Unsterblichkeit der Henrietta Lacks12.12.2010

Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks

Tausende Wissenschaftler auf der ganzen Welt forschen heute mit den unsterblichen HeLa-Zellen. Von der Herkunft der Zellen jedoch wissen nur die wenigsten. Ein Chirurg der Johns Hopkins-Klinik hatte der Patientin Henrietta Lacks ohne deren Einwilligung etwas Krebsgewebe entnommen und an das klinikeigene Labor zur Gewebezüchtung weiter geleitet.

Rezension: Michael Lange

Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks (Irisiana Verlag/Gruppe Random House)
Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks (Irisiana Verlag/Gruppe Random House)

Die fünffache Mutter Henrietta Lacks war eine junge, lebenslustige Frau. Als Schwarze, die am Rande der Industriestadt Baltimore lebte, hatte sie es nicht leicht, ihre Familie durchzubringen. Als sie am 4. Oktober 1951 im Alter von nur 31 Jahren an einem besonders aggressiven Gebärmutterhalskrebs starb, begann im gleichen Jahre die wissenschaftliche Erfolgsgeschichte ihrer Zellen. Schon bald gehörten die unsterblichen Krebszellen zu den wichtigsten Untersuchungsobjekten der Medizin. Die HeLa-Zellen dienten der Erforschung von Krebsmedikamenten, der Impfstoffentwicklung, aber auch der Studentenausbildung. Sie wurden bestrahlt, genetisch manipuliert und sogar in den Weltraum geschossen. Schätzungen zufolge leben heute in den Labors der Welt etwa 50 Millionen Tonnen HeLa-Zellen. Würde man die winzigen Zellen aneinander reihen, reichte die Kette drei Mal um die Erde.

Von der Herkunft der Zellen jedoch wissen nur die wenigsten. Nach zehn Jahren Recherche hat die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Rebecca Skloot ein Buch über die Geschichte der HeLa-Zellen veröffentlicht. Im Mittelpunkt stehen allerdings nicht die Zellen oder die Wissenschaftler, sondern die junge, schwarze Frau, mit der alles begann, und ihre Familie. Henrietta Lacks war vor der Gewebeentnahme weder gefragt noch informiert worden. Auch ihr Ehemann und die Kinder erfuhren fast 20 Jahre lang nichts über die unsterblichen Zellen und deren wissenschaftliche Erfolgsgeschichte. Ausführlich beschreibt Rebecca Skloot ihre Schwierigkeiten, mit der Familie Lacks in Kontakt zu treten. Die Nachkommen der Zellspenderin fühlten sich von Wissenschaftlern und Ärzten ausgetrickst und verachtet. Nur langsam wuchs das Vertrauen.

Rebecca Skloot hat ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Lebendig und einfühlsam beschreibt sie die Anfänge der Zellkultur, aber auch die Geschichte einer Familie am Rande der US-amerikanischen Gesellschaft. Sie erzählt, wie sie selbst immer mehr zum Teil ihres Buches wird und findet schließlich kein Ende. Auf den letzten 100 Seiten verliert sie mehr und mehr die Distanz zu den Menschen, die sie beschreibt. Nachdem alles Wichtige geschrieben ist, geht es nur noch um das Miteinander und Gegeneinander in einer Familie, die zufällig zum Opfer der Wissenschaft geworden ist. Dennoch ist ein lesenswertes Buch entstanden. Denn der Anteil von Henrietta Lacks und anderen Zell- und Gewebespendern an den Erfolgen der Wissenschaft wurde bisher nie in gebührender Weise anerkannt oder gewürdigt. Dass dies mit diesem Buch nun geschieht, ist ein großes Verdienst der Autorin Rebecca Skloot.

Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks
ISBN: 978-3-424-15075-9
Irisiana-Verlag, 512 Seiten, 19,99 Euro

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