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StartseiteForschung aktuellDie verflixten zwei Wochen22.06.2011

Die verflixten zwei Wochen

Auswirkungen von Stress auf das Ergebnis der einer In-vitro-Fertilisation

Die künstliche Befruchtung. In-vitro-Fertilisation, also die Zeugung im Reagenzglas. Für einige Paare ist sie die einzige Chance, ein eigenes Baby zu bekommen. Doch eine künstliche Befruchtung bedeutet für die betroffenen Frauen vor allem eines: Stress. Aber wirkt sich dieser Stress auch negativ auf die Schwangerschaftsrate aus? Forscher streiten seit Jahrzehnten darüber, und eine Einigung ist nicht in Sicht.

Von Marieke Degen

Der Weg zur Schwangerschaft ist bei der IVF-Behandlung stressig. (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)
Der Weg zur Schwangerschaft ist bei der IVF-Behandlung stressig. (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)

Eine künstliche Befruchtung ist kein Spaziergang. Hormone spritzen. Eizellen absaugen lassen. Das bange Warten, ob sich der Embryo auch eingenistet hat. Die meisten Patientinnen müssen das mehrfach über sich ergehen lassen, bis sie schwanger werden. Bei manchen klappt es nie.

"Viele Frauen stehen unter einem gewaltigen Stress. Sie haben Angst davor, niemals ein Kind zu bekommen. Dazu kommt dann noch die Angst vor der Behandlung selbst, vor den Nebenwirkungen. Das macht die Frauen traurig, nervös und angespannt."

Doch wie wirkt sich der Stress auf die künstliche Befruchtung aus? Werden gestresste Frauen seltener schwanger? Darüber streiten sich Experten seit Jahren. Ja, sagen die einen. Nein, sagen die anderen. Darunter auch Jacky Boivin, Psychologin an der Universität von Cardiff in Wales.

"Wir haben gerade 14 große Studien analysiert, die alle untersucht haben, wie sich Stress auf einen einzelnen Behandlungszyklus auswirkt. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Stress und der Tatsache, ob man schwanger wird oder nicht."

Alice Domar sieht das aber ganz anders. Sie ist ebenfalls Psychologin, an der Boston IVF, einer Kinderwunschklinik in Massachusetts. Sie kritisiert, dass in den Studien nur ein einziges Mal gemessen worden sei, wie sich die Frauen fühlen. Und das lange vor dem ersten Behandlungszyklus. Der ganz große Stress komme aber oft erst während der Behandlung.

"Die Autoren gehen zu weit, wenn sie sagen, dass Stress nichts mit der Erfolgsrate einer IVF zu tun hat. Ihre Metaanalyse zeigt nur: Wenn sich die Frauen an einem Zeitpunkt vor der Behandlung gestresst fühlen, dann gibt es keinen Zusammenhang mit der Schwangerschaftsrate."

Alice Domar hat vor 25 Jahren ein spezielles Trainingsprogramm entwickelt. Sie bringt den Kinderwunsch-Patientinnen verschiedene Entspannungstechniken bei: von Yoga und autogenem Training bis hin zu Atemübungen.

"Die Frauen können dann die Technik auswählen, die ihnen in Stresssituationen am besten dabei hilft, herunterzukommen. Zum Beispiel, wenn sie einen Schwangerschaftstest machen müssen."

Alice Domar hat gerade selber eine Studie mit einhundert Frauen gemacht. Die Hälfte hat während der Behandlung am Entspannungstraining teilgenommen, die andere Hälfte nicht. Tatsächlich: In der ersten Gruppe ist in einem Behandlungszyklus die Hälfte der Frauen schwanger geworden, in der Gruppe ohne Stressmanagement nur jede fünfte.

"Die Tatsache, dass so viel mehr Frauen aus der Entspannungsgruppe schwanger geworden sind, spricht eben schon dafür, dass sich Stress generell negativ auf die Schwangerschaftsrate auswirken könnte."

Spielt Stress bei der Schwangerschaft eine Rolle oder nicht? Dieser akademische Streit könnte wohl ewig so weitergehen. Aber Alice Domar und Jacky Boivin wissen auch: Eigentlich gibt es Wichtigeres.

"Normalerweise brauchen Frauen mindestens drei Behandlungszyklen, um überhaupt schwanger zu werden. Aber die meisten hören vorher auf, weil sie die Behandlung emotional so belastet. Am schlimmsten ist für die Frauen die Wartezeit. Wenn die befruchtete Eizelle in den Unterleib eingesetzt worden ist und man erst nach zwei Wochen weiß, ob man schwanger ist. Statt sich also immer nur darüber zu streiten, ob Stress den Behandlungserfolg gefährdet oder nicht, arbeiten wir beide auch konkret daran, wie wir das Leben der Patientinnen erleichtern können."

Psychologen aus Cardiff haben für diese zwei Wartewochen eine spezielle Karte entwickelt. Auf der Karte stehen zehn Sätze, die sich die Frauen immer wieder durchlesen sollen. Auf diese Weise sollen sie sich immer wieder die positiven Seiten der Behandlung ins Gedächtnis rufen. Jacky Boivin und Alice Domar untersuchen jetzt gemeinsam, ob diese Karte den Frauen hilft, die Wartezeit besser durchzustehen.

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