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Die vorgeblich heile Welt von "Brüderlichkeit und Einheit"

"Jugoslawien erklärt sich nicht nur aus seinem Anfang oder Ende." Die Autorin Marie-Janine Calic versucht deshalb in ihrem aktuellen Buch eine ergebnisoffene Analyse der Geschichte des Vielvölkerstaates, ohne sich dabei auf die vielzitierte Balkankultur zu fokussieren.

Von Dirk Auer | 14.03.2011

    Hätte, so möchte man nach der Lektüre von Calics faszinierender Geschichte Jugoslawiens ausrufen, dieses Buch doch schon viel früher vorgelegen. Dann wäre vielleicht als der Vielvölkerstaat so blutig auseinanderfiel, weniger die Rede vom ewigen Pulverfass Balkan gewesen. Vom Völkergefängnis, das nur durch eine charismatische Führerfigur wie Tito mit Mühe und Gewalt zusammengehalten werden konnte – und das Anfang der 90er-Jahre, als die Völker selber entscheiden durften, auseinanderbrechen musste.

    Vielleicht wäre auch das europäische Konfliktmanagement besser ausgefallen – weil man viel früher gesehen hätte, was sich da zusammenbraut. Doch der Reihe nach. Denn die Geschichte Jugoslawiens soll hier ja gerade nicht aus der Perspektive des Zusammenbruchs betrachtet werden, wie die Autorin gleich im Vorwort betont.

    "Jugoslawien erklärt sich nicht nur aus seinem Anfang oder Ende. Immerhin existierte der Staat gut 70 Jahre lang, weshalb die Frage, was seine Völker so lange zusammenhielt und was sie entzweite, auch durch den Untergang noch nicht obsolet wurde. Dieses Buch versucht, deterministischen Erklärungen aus dem Weg zu gehen und die Geschichte Jugoslawiens als grundsätzlich ergebnisoffenen Prozess zu verstehen."

    Das heißt zunächst zu zeigen, wie an zwei historischen Bruchstellen, 1918 und 1945, das Projekt Jugoslawien tatsächlich zum magischen Zukunftsversprechen für die in den Weltkriegen geschundenen südslawischen Völker wurde. Vor allem das sozialistische Jugoslawien erwies sich nach 1945 als eine einzigartige Modernisierungsmaschine: In atemberaubender Geschwindigkeit wurden fast vollständig agrarisch geprägte Gesellschaften in eine Industrienation verwandelt. Durch die Politik der Blockfreiheit genoss Jugoslawien auch international ein hohes Ansehen, die Bürger konnten frei in den Westen reisen, das politische und kulturelle Klima war relativ liberal, und ein beispielloser Wirtschaftsaufschwung sorgte dafür, dass die Region nicht länger das Armenhaus Europas war.

    "Die neue Konsumkultur verschaffte Lust- und Prestigegewinn und einen messbaren Zugewinn an Zufriedenheit. Weil (fast) alle Jugoslawen am Wirtschaftswunder partizipierten, hatte der neue Massenkonsum einen politisch-pazifizierenden und sozial integrierenden Effekt. Man konnte am westlich-europäischen Lebensstil teilhaben und sich von den ärmeren Ostblockstaaten abgrenzen. Noch glaubten alle, es könne ewig bergauf gehen."

    Aber auch Calic schreibt natürlich im Wissen um das Ende und sucht entsprechend nach den ersten Brüchen in der vorgeblich heilen Welt von "Brüderlichkeit und Einheit". Die entscheidende Zäsur macht sie schon Ende der 60er Jahre aus, als der wirtschaftliche Aufschwung abrupt endete. Es ist die Zeit einer gesamteuropäischen Modernisierungskrise. Für Jugoslawien sollte sie weitreichende Folgen haben.

    "Sie bewirkte den Niedergang der alten Industriebranchen und damit auch des tragenden Fundaments von Jugoslawiens Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre. Seine Industrien waren chronisch unterfinanziert, technologisch rückständig und bürokratisch, und die auf Privilegien gebaute Verhandlungswirtschaft bewies keinerlei Anpassungsfähigkeit an das veränderte globale Umfeld. Der Niedergang des Industrialismus in den 1970er-Jahren bewirkte eine Systemkrise."

    Alte Konflikte zwischen Föderalisten und Zentralisten brachen auf: Vor allem Slowenien und Kroatien waren immer weniger gewillt, die ärmeren Republiken mitzufinanzieren. Auch wenn mit der Verfassungsreform von 1974 die Teilrepubliken schon eine sehr weitreichende Autonomie bekamen – bis zum Tod Titos konnte der politische Zwist noch halbwegs unter Kontrolle gehalten werden. Doch mit dem charismatischen Staatsmann war auch die letzte große Verkörperung des sozialistischen Jugoslawiens gestorben. Die Bundesinstitutionen verloren weiter dramatisch an Legitimität und hinterließen ein gefährliches Machtvakuum.

    "Egoistische Interessenpolitik entzog dem Staat die letzten Reste seiner Steuerungsfähigkeit. Je komplexer und umfassender die Krise, desto unnachgiebiger die Kontrahenten und desto unwahrscheinlicher Strategien zu ihrer Bewältigung. Symptomatischer noch: Alle Arten von Konflikten wurden in genuin ethno-politische Gegensätze uminterpretiert."

    Damit war der Grundstein für eine gewaltsame Eskalation gelegt. War das Ende also doch unvermeidlich? Vieles spricht dafür. Die Entstehung systemischer Krisen und Konflikte in den 70er-Jahren, ihre Radikalisierung in den 80er Jahren und der Aufstieg nationalistischer Politiker, die die Unzufriedenheiten in der Bevölkerung populistisch ausnutzten – all das liest sich bei Calic tatsächlich wie eine unausweichliche Entwicklung. Eine andere Frage ist, ob sich das Ende mit kriegerischer Gewalt hätte vollziehen müssen.

    "Die Entscheidung über Krieg und Frieden wurde nicht von Strukturen, sondern von Menschen getroffen. Letztlich blieb es eine politische Entscheidung, wie man mit der tiefen Zerrüttung der zwischenstaatlichen Beziehungen umgehen wollte. Wenn schon die Scheidung, dann bitte friedlich, meinten die Besonnenen, weil sie die Gefahren des Primats der Ausschließlichkeit früh erkannten. Zu viele Akteure auf allen Seiten waren jedoch entschlossen, vermeintlich höhere nationale Interessen mit allen Mitteln und um jeden Preis durchzusetzen."

    Das Ergebnis ist bekannt: Mehr als 100.000 Menschen mussten sterben, weitere 4 Millionen vertrieben werden, um dem modernen Ideal ethnisch homogener Nationalstaaten nahe zu kommen. Der Historiker Charles Tilly hat die Bildung von Staaten einmal als "joint criminal enterprises" bezeichnet, die sehr oft mit Gewalt und Vertreibung einhergehen. Und auch Calic zeigt überzeugend, dass die Vorgeschichte der Jugoslawienkriege der 1990er-

    Jahre, eben doch weitaus vielschichtiger und komplizierter ist, als es die Vorstellung von den rückständigen und blutrünstigen Balkanvölkern wahrhaben will. Wer machte warum "ethnische Identität" zum Konfliktgegenstand? Durch Calics konsequent soziologische Fragestellung, wird selbst noch der gewaltsame Exzess seiner Irrationalität beraubt. Es war das Streben nach Macht und Terraingewinn, dass selbst noch hinter den barbarischen "ethnischen Säuberungen" stand.

    Die viel zitierte Balkankultur, so stellt die Autorin dann auch am Ende fest, spielte im Schlussakt des jugoslawischen Dramas nur eine Nebenrolle. Insofern ist die "Geschichte Jugoslawiens" ein sehr erhellendes Buch, das, wie gesagt, zwar leider etwas spät kommt. Aber immerhin gerade noch rechtzeitig, wenn jetzt, 20 Jahre nach dem Beginn der Kriege, noch einmal über deren Ursachen nachgedacht werden sollte – vielleicht auch noch einmal über die Verantwortung Europas, das viel zu lange nicht verstanden hat, was da in seinem vorgeblichen Hinterhof eigentlich vor sich geht.

    Dirk Auer über Marie-Janine Calic: "Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert", erschienen im C.H. Beck Verlag, Marie-Janine Calic: "Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert"Marie-Janine Calic: "Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert", ISBN-13: 978-3406606465, 415 Seiten, 26 Euro 95. Das Buch ist eines der zehnbändigen Reihe über die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, die vom Freiburger Historiker Ulrich Herbert herausgegeben wird.