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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie wahren Gründe für Peter Sawickis Karriereende06.09.2010

Die wahren Gründe für Peter Sawickis Karriereende

Ursel Sieber: "Gesunder Zweifel". Berlin Verlag

Bis vor wenigen Tagen war Peter Sawicki Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Sechs Jahre lang führte er den Medizin-TÜV, er prüfte und kritisierte – vielleicht manchmal zu laut, denn sein Vertrag, der Ende August auslief, wurde nicht verlängert. Über seine Arbeit am IQWiG hat die Journalistin Ursel Sieber ein Buch geschrieben.

Von Matthias Bertsch

Umsatz und Gewinn stehen für viele Akteure der Pharmabranche über dem Wohl der Patienten stehen. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Umsatz und Gewinn stehen für viele Akteure der Pharmabranche über dem Wohl der Patienten stehen. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Es ist ein kalter Tag, dieser Mittwoch im Januar 2010. In Berlin fällt leichter Schnee. Fünf Männer, ranghohe Vertreter des deutschen Gesundheitswesens, beugen sich über ein Gutachten von Wirtschaftsprüfern. Es sind die Reisekosten von Peter Sawicki, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG.

Ursel Siebers Buch beginnt wie ein Krimi. Der Hauptdarsteller wird zwar nicht ermordet, sondern nur abgesägt, aber schon nach wenigen Zeilen ist klar: Hier wird ein falsches Spiel gespielt. "Fehlerhafte Tankquittungen" – so lautet die offizielle Begründung für seine Entlassung. Oder genauer gesagt: für das "Auslaufen" seines Vertrages. Doch die wahren Gründe sind andere, betont die Journalistin:

"Ich wollte den Lobbyismus zeigen, der eigentlich zur Ablösung von Peter Sawicki geführt hat. Er als Person und auch das Institut sind ja über Jahre hinweg sehr scharf angegriffen worden, die Pharmaindustrie hat eigentlich nach dem dritten Monat angefangen zu eruieren, wie kann man ihm ans Zeug flicken, hat Briefe geschrieben, war im Kanzleramt, beim Bundesgesundheitsministerium, also die Industrie hat wirklich sehr, sehr hart lobbyiert, um eben diesen Leiter wegzubekommen."

"Gesunder Zweifel. Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin" beschreibt anhand zahlreicher Beispiele, wie die Pharmaindustrie immer wieder versucht, das IQWiG zu diskreditieren. Das Institut mit dem komplizierten Namen wurde 2004 von der rot-grünen Bundesregierung gegründet. Seine Aufgabe: Es soll Kosten und Nutzen von Medikamenten und Therapien bewerten. Denn die Gesundheitspolitiker haben die Vermutung, dass Pharmakonzerne teure aber überflüssige Medikamente in den Markt drücken und die Krankenkassen dafür zahlen lassen. Der Arzt und Diabetologe Peter Sawicki gilt damals als hervorragende Besetzung für die Leitungsposition. Bereits wenige Tage nach Antritt seiner Stelle hält er eine Rede beim Verband forschender Arzneimittelhersteller, über die Sieber ausführlich berichtet. Seine zentrale Forderung an die Pharmaindustrie lautet: "Veröffentlichen Sie die Daten Ihrer Studien vollständig und korrekt. Und informieren Sie die Ärzte richtig."

Bis zu fünfzig Prozent aller Studien, in denen die Wirksamkeit der Arzneimittel geprüft werden, bleiben unter Verschluss. Veröffentlicht werden Studien im Prinzip nur dann, wenn sie die gewünschten Ergebnisse für das Medikament zeigen – in den Schubladen verschwinden dagegen die anderen, in denen das Medikament schlechter abschneidet als erhofft oder zu viele Nebenwirkungen aufweist. Über die Konsequenzen eines solchen Handelns – Mediziner nennen das den "publication bias" – sind sich die Anwesenden im Klaren. Doch dass sie vom Leiter des IQWiG so offen ausgesprochen werden, wird als Affront aufgefasst.

Sawicki gilt fortan als Gegner der Pharmaindustrie. Ein Ruf, gegen den er sich bis heute wehrt:

"Wir brauchen die pharmazeutische Industrie, jemand muss ja die Medikamente entwickeln und herstellen, ich bin allerdings für eine pharmazeutische Industrie, der wir vertrauen können, die nicht Studien manipuliert, die alles publiziert, die nicht Ärzte manipuliert, dass sie Medikamente verschreiben, die teuer neu sind, obwohl es Besseres gibt, was aber vielleicht den Patentschutz schon verloren hat. Ich bin für eine pharmazeutische Industrie, die dem Patienten dient."

Dass Umsatz und Gewinn für viele Akteure der Pharmabranche über dem Wohl der Patienten stehen, das deutlich zu machen, gehört zu den Stärken von "Gesunder Zweifel". Die medizinischen Fachbegriffe und die komplizierten Strukturen des Gesundheitssektors in Deutschland machen die Lektüre des Buches zwar manchmal anstrengend, doch sie tragen zum Verständnis dessen bei, was die schwarz-gelbe Regierung in ihrem Koalitionsvertrag den "wichtigsten Wachstums- und Beschäftigungssektor in Deutschland" nennt: die Gesundheitsbranche. Sieber lässt keinen Zweifel daran, warum nicht nur CDU und FDP die Ablösung Sawickis wollten, sondern auch die Vertreter von Krankenhausgesellschaften und Ärzteverbänden. Auch sie sehen ihre Interessen bedroht. Als das IQWiG beispielsweise in einem Bericht Zweifel daran äußert, dass Stammzelltransplantationen bei der Behandlung von Leukämie gegenüber Chemotherapien immer die bessere Wahl seien, wird der Bericht vom Fachverband der Hämatologen und Onkologen heftig kritisiert.

Sieber: "Die Kritik der Fachverbände an den Nutzenbewertungen des IQWiG ist nicht unabhängig sehr oft, weil eben diejenigen, die an der Spitze dieser Fachverbände sind, weil die eigene Interessen haben. Die sind Chefärzte, die operieren, die machen selber Stammzelltransplantationen, die haben ein Eigeninteresse, die haben sogar eigene Firmen an denen sie selber verdienen, sie sind abhängig von den Drittmitteln der Industrie, und diese Kritik, die oft geäußert wurde, die ist einfach nicht unabhängig."

Eine Abhängigkeit, die oft nicht leicht zu erkennen und deswegen umso wirksamer ist.

Es geht um die "KOLs" – die "Key Opinion Leader" –, Ärzte mit Professorentitel, die an Kliniken große Abteilungen leiten, auf Kongressen auftreten und von ihren Kollegen auch spöttisch "habilitierte Pharmavertreter" genannt werden. Solche Experten können die Botschaften der Firmen viel glaubwürdiger vermitteln als die Industrie selbst. So baut die Pharmaindustrie Beziehungen auf, ist großzügig bei der Vergütung von Vorträgen und Artikeln und vergibt Aufträge für die Durchführung von Studien. KOLs sind häufig auch gefragte Gesprächspartner für die Medien – scheinbar neutral, in Wirklichkeit aber wichtiger Bestandteil des Marketings einer Firma.

"Gesunder Zweifel" ist ein Buch über den Lobbyismus einer Branche, die mit der Sorge der Menschen um ihre Gesundheit enorme Gewinne macht, und über ein Institut, dessen Aufgabe darin besteht, Kosten und Nutzen der oft teuren aber nicht immer innovativen Medikamente und Verfahren zu untersuchen. Sawicki hat diese Aufgabe als Leiter des IQWiG sehr ernst genommen, manchmal vielleicht sogar zu ernst. "Seien Sie diplomatischer", hat ihm die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmid einmal geraten.

Sieber: "Zu seinem Selbstverständnis gehört aber, nicht diplomatisch zu sein, sondern klar zu sagen, wie die Dinge stehen und er hätte sicher mehr Freunde gehabt und wäre vielleicht auch nicht entlassen worden, wenn er diplomatischer gewesen wäre, aber ich sage auch, im Endeffekt ging es um Interessengegensätze, und auch wenn man lange diplomatisch redet, dann steht am Ende die Nutzenbewertung da, und die basiert auf wissenschaftlichen Kriterien und auf Studien, die vorhanden waren, und da kann man diplomatisch sein, wie man will, wenn die Studienergebnisse so sind wie sie waren, dann nützt auch Diplomatie wenig."

Am 31. August war Sawickis letzter Arbeitstag, doch sein Nachfolger, Jürgen Windeler, hat deutlich gemacht, dass er an der unabhängigen, pharmakritischen Ausrichtung des IQWiG festhalten will.

Matthias Bertsch über das Buch von Ursel Sieber "Gesunder Zweifel: Innenansicht eines Pharmakritikers – Peter Sawicki und sein Kampf für eine unabhängige Medizin". Es ist im Berlin Verlag erschienen, mit 250 Seiten für 17,95 Euro, ISBN: 978-3-827-00976-0.

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