"Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume in den Himmel der Liebe..."
"Peggy March- ja (lacht) Erstens natürlich, weil bei dem Thema Illusionen. einem dieses Lied sofort in den Kopf springt. Und die Faszination dieses Liedes liegt ja nicht nur an den ästhetischen Qualitäten von Peggy March und der einschmeichelnden Melodie, sondern auch an dem Text, denn Peggy March singt als damals grade 17jährige, dass man mit 17 noch Träume hat, zugleich weiß sie, dass am Ende nicht alle Bäume der Liebe in den Himmel wachsen, das heißt: es gibt Illusionen. "
Für Mathias Kroß vom Potsdamer Einstein Forum ist das Spiel von Täuschung und Enttäuschung, von Verzauberung und Entzauberung fester Bestandteil unserer Kultur. Illusion- das kommt vom lateinischen: inludere, dass sich von dem verb : ludere also spielen ableitet. Spielerisch Luftschlösser bauen und die Gedanken in unbekannte Regionen schweifen lassen- ohne diese Fähigkeit wäre Kreativität nicht möglich, wären neue Gesellschaftsmodelle nicht erdacht, große Romane nicht geschrieben und viele Kunstwerke wohl nie geschaffen worden. Bereits die erste Erzählung unserer abendländischen Kultur, die Schöpfungsgeschichte, beschäftigt sich mit einer Illusion. Nämlich mit der, zu allumfassender Erkenntnis zu gelangen, wenn man die Äpfel eines bestimmten Baumes isst. Und handelt dabei gleich von der ersten großen Enttäuschung:
"Dargestellt und sehr häufig zitiert in Texten und philosophischen Abhandlungen wird der Baum der Erkenntnis. Und dabei stellt sich heraus, dass es eine interne Kopplung eigentlich gibt zwischen Erkennen und Sündigen. Das heißt, Erkenntnis ist eigentlich ein Vergehen, es ist nicht nur produktiv das Abgewinnen von Tatsachen der Welt, auf dass man sich in ihr besser orientiere und das Leben gestalten kann, sondern es ist zugleich auch ein Fluch, der auf dieser Strategie des Umgangs mit der Welt liegt."
Erst durch Desillusionierung kommen wir zur Erkenntnis- mühselig müssen wir herausfinden, was Wirklichkeit ist und welchen Platz jeder Einzelne in ihr hat. Für Immanuel Kant war das "krumme Holz der Humanität" aus Enttäuschung geschnitzt, und damit der Weg zur Glückseligkeit für das Individuum zwar voller Abgründe, für die Gattung Mensch insgesamt doch aber kein Holzweg. Das Bewusstsein für die Existenz von Illusionen gibt es jedoch erst seit der Zeit der Aufklärung- mit weitreichenden Folgen für unser Verhältnis zu unserer Kultur: Matthias Kroß:
"Etwas als ein Kunstwerk zu sehen, ist eine sehr moderne Auffassung, die es erst seit ein paar hundert Jahren gibt. Ein Kunstwerk oder etwas von einem Handwerker hergestelltes als etwas Religiöses, Übersinnliches zu interpretieren ist hingegen sehr viel älter, das ist eigentlich das ursprüngliche Verfahren, dass Weih- und Votivbild ist zwar menschengemacht, aber dadurch, dass die Natur völlig durchsetzt ist mit metaphysischen Wesen kann in jedem Ding, das wir nüchtern betrachten, etwas Metaphysisches stecken und das sollte man nicht unterschätzen, das ist eine Qualität, die die Aufklärer eher den menschlichen Kompetenzen zugeschrieben haben, was man aber, wenn man ein Gläubiger oder nicht rational gesteuerter, geprägter Mensch ist natürlich auch wieder als gottgewollt, als Epiphanie betrachten kann: der Gott äußert sich eben in diesen Dingen."
ass auch heute, aller Ideologie- und Religionskritik der letzten 250 Jahre zum Trotz Illusionen so etwas wie die Schmiere im gesamtgesellschaftlichen Gefüge sind, erläutert Erhard Stölting, Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Potsdam und Mitveranstalter der Tagung. Unsere heutige Gesellschaft zum Beispiel ist für ihn geprägt durch den Glauben an Fortschritt und Bewegung. "Bedenkenträger" werden da schnell zur lächerlichen Gestalt.
"Es genügt zu sagen, jemand sei reformfeindlich oder sperre sich gegen Reformen, um ihn auszuschalten, rhetorisch."
Illusionen machen wir uns nicht nur über nicht Zukunftsszenarien und Idealvorstellungen, sondern auch über die Sinnfälligkeit von allgemein anerkannten Institutionen. Zum Beispiel die Schule:
"Eine Schule existiert um Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Charakter, Bildung, Wertvermittlung und dergleichen. Wir wissen, dass das nicht funktioniert. Wir wissen, dass Schulen außerordentlich komplex funktionieren, dass sie Werte vermitteln, die keiner haben will, dass sie Wissen teilweise vermitteln, aber Wissen auch anders zustande kommt, dass heißt, die Wirklichkeit, die wir beschreiben sieht eigentlich anders aus. Gleichzeitig brauchen wir aber die Schulen. Und wir brauchen mit den Schulen zugleich die Illusion, was sie seien. Ich habe also Beschreibungen dieser Institutionen, die nicht stimmen, die aber ohne diese Illusionen nicht existieren können und ich kanns auch nicht reformieren."
Noch weiter geht Dieter Simon, Professor für Rechtsgeschichte der Humboldt Universität Berlin, der den Glauben an den Rechtsstaat schlechthin als Illusion beschrieb: den Rechtsstaat gibt es nicht, schon die Gewaltenteilung hält der Überprüfung nicht stand. Nur die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von seiner Existenz ausgeht und sich nach seinen Regeln verhält, macht ihn dennoch real. In diesem Fall wird Illusion unabdingbarer Teil gesellschaftlicher Identitäten, die den Bestand eines Staates sichern können. Nochmals Erhard Stölting:
"Für eine Umgehungsstrasse geben die Leute nicht ihr Leben her und auch nicht für die Reform des Steuerrechts. Sondern für die Ehre der Nation oder für die soziale Gerechtigkeit."
Den schönen Schein der Oberfläche des Fernsehens und das Sendungsbewusstsein und den Quotenfetischismus seiner Produzenten entlarvte Frank Hartmann, Medienphilosoph der Universität Wien, genauso als illusionären Irrtum wie die Annahme durch Medienkritik das Verhalten der Konsumenten ändern zu können. Für ihn hat die Unentwirrbarkeit von Sein und Schein fatale Folgen beispielsweise für die Politik:
"Die Wahrheit ist vielleicht die entwaffnende Feststellung, dass nichts dahinter ist, dass es keine Politik gibt, die in den Medien gebracht wird, sondern dass das, was in den Medien gebracht wird, schon die Politik ist."
In der Medizin sieht man das Phänomen von der nüchternen Seite. Illusionen sind Sinnestäuschungen, die eine nicht angemessene Sicht der äußeren Welt abbilden und damit eine klar definierte Wahrnehmungsstörung. Vom Wahn, der im Gegensatz dazu eine durch keine Einsicht fassbare Fehlinterpretation der Welt beinhaltet, unterscheiden sie sich dennoch. Und solange es Institutionen oder aussenstehende Dritte in neutraler Position gibt, die den Träumer, der eben dabei ist, in den Himmel der Illusionen abzudriften, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, findet Kai Vogeley, Professor für Psychiatrie am Universitätsklinikum Köln das auch völlig in Ordnung.
"Ich glaube, dass diese Neigung Illusionen in diesem Sinne von Visionen und langfristigen Zielen usw. zu entwickeln, tatsächlich auch ein menschliches Grundbedürfnis ist. Theologisch würde man sagen, der Mensch ist ein sinnsuchendes Wesen und ich glaube, man kann das nicht ohne weiteres ablegen, und hier scheint mir wieder das entscheidende zu sein adäquate Kontrollinstanzen einzubauen."
Matthias Kroß:
"Wenn wir immer schon desillusioniert bei dem Beginn unserer Projekte davon ausgehen würden, dass das meiste doch nicht klappt, würden wir auch als Menschen mehr oder weniger erstarren in einer kalten Welt, die der Veränderung abgeneigt ist."
"Peggy March- ja (lacht) Erstens natürlich, weil bei dem Thema Illusionen. einem dieses Lied sofort in den Kopf springt. Und die Faszination dieses Liedes liegt ja nicht nur an den ästhetischen Qualitäten von Peggy March und der einschmeichelnden Melodie, sondern auch an dem Text, denn Peggy March singt als damals grade 17jährige, dass man mit 17 noch Träume hat, zugleich weiß sie, dass am Ende nicht alle Bäume der Liebe in den Himmel wachsen, das heißt: es gibt Illusionen. "
Für Mathias Kroß vom Potsdamer Einstein Forum ist das Spiel von Täuschung und Enttäuschung, von Verzauberung und Entzauberung fester Bestandteil unserer Kultur. Illusion- das kommt vom lateinischen: inludere, dass sich von dem verb : ludere also spielen ableitet. Spielerisch Luftschlösser bauen und die Gedanken in unbekannte Regionen schweifen lassen- ohne diese Fähigkeit wäre Kreativität nicht möglich, wären neue Gesellschaftsmodelle nicht erdacht, große Romane nicht geschrieben und viele Kunstwerke wohl nie geschaffen worden. Bereits die erste Erzählung unserer abendländischen Kultur, die Schöpfungsgeschichte, beschäftigt sich mit einer Illusion. Nämlich mit der, zu allumfassender Erkenntnis zu gelangen, wenn man die Äpfel eines bestimmten Baumes isst. Und handelt dabei gleich von der ersten großen Enttäuschung:
"Dargestellt und sehr häufig zitiert in Texten und philosophischen Abhandlungen wird der Baum der Erkenntnis. Und dabei stellt sich heraus, dass es eine interne Kopplung eigentlich gibt zwischen Erkennen und Sündigen. Das heißt, Erkenntnis ist eigentlich ein Vergehen, es ist nicht nur produktiv das Abgewinnen von Tatsachen der Welt, auf dass man sich in ihr besser orientiere und das Leben gestalten kann, sondern es ist zugleich auch ein Fluch, der auf dieser Strategie des Umgangs mit der Welt liegt."
Erst durch Desillusionierung kommen wir zur Erkenntnis- mühselig müssen wir herausfinden, was Wirklichkeit ist und welchen Platz jeder Einzelne in ihr hat. Für Immanuel Kant war das "krumme Holz der Humanität" aus Enttäuschung geschnitzt, und damit der Weg zur Glückseligkeit für das Individuum zwar voller Abgründe, für die Gattung Mensch insgesamt doch aber kein Holzweg. Das Bewusstsein für die Existenz von Illusionen gibt es jedoch erst seit der Zeit der Aufklärung- mit weitreichenden Folgen für unser Verhältnis zu unserer Kultur: Matthias Kroß:
"Etwas als ein Kunstwerk zu sehen, ist eine sehr moderne Auffassung, die es erst seit ein paar hundert Jahren gibt. Ein Kunstwerk oder etwas von einem Handwerker hergestelltes als etwas Religiöses, Übersinnliches zu interpretieren ist hingegen sehr viel älter, das ist eigentlich das ursprüngliche Verfahren, dass Weih- und Votivbild ist zwar menschengemacht, aber dadurch, dass die Natur völlig durchsetzt ist mit metaphysischen Wesen kann in jedem Ding, das wir nüchtern betrachten, etwas Metaphysisches stecken und das sollte man nicht unterschätzen, das ist eine Qualität, die die Aufklärer eher den menschlichen Kompetenzen zugeschrieben haben, was man aber, wenn man ein Gläubiger oder nicht rational gesteuerter, geprägter Mensch ist natürlich auch wieder als gottgewollt, als Epiphanie betrachten kann: der Gott äußert sich eben in diesen Dingen."
ass auch heute, aller Ideologie- und Religionskritik der letzten 250 Jahre zum Trotz Illusionen so etwas wie die Schmiere im gesamtgesellschaftlichen Gefüge sind, erläutert Erhard Stölting, Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Potsdam und Mitveranstalter der Tagung. Unsere heutige Gesellschaft zum Beispiel ist für ihn geprägt durch den Glauben an Fortschritt und Bewegung. "Bedenkenträger" werden da schnell zur lächerlichen Gestalt.
"Es genügt zu sagen, jemand sei reformfeindlich oder sperre sich gegen Reformen, um ihn auszuschalten, rhetorisch."
Illusionen machen wir uns nicht nur über nicht Zukunftsszenarien und Idealvorstellungen, sondern auch über die Sinnfälligkeit von allgemein anerkannten Institutionen. Zum Beispiel die Schule:
"Eine Schule existiert um Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern Charakter, Bildung, Wertvermittlung und dergleichen. Wir wissen, dass das nicht funktioniert. Wir wissen, dass Schulen außerordentlich komplex funktionieren, dass sie Werte vermitteln, die keiner haben will, dass sie Wissen teilweise vermitteln, aber Wissen auch anders zustande kommt, dass heißt, die Wirklichkeit, die wir beschreiben sieht eigentlich anders aus. Gleichzeitig brauchen wir aber die Schulen. Und wir brauchen mit den Schulen zugleich die Illusion, was sie seien. Ich habe also Beschreibungen dieser Institutionen, die nicht stimmen, die aber ohne diese Illusionen nicht existieren können und ich kanns auch nicht reformieren."
Noch weiter geht Dieter Simon, Professor für Rechtsgeschichte der Humboldt Universität Berlin, der den Glauben an den Rechtsstaat schlechthin als Illusion beschrieb: den Rechtsstaat gibt es nicht, schon die Gewaltenteilung hält der Überprüfung nicht stand. Nur die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung von seiner Existenz ausgeht und sich nach seinen Regeln verhält, macht ihn dennoch real. In diesem Fall wird Illusion unabdingbarer Teil gesellschaftlicher Identitäten, die den Bestand eines Staates sichern können. Nochmals Erhard Stölting:
"Für eine Umgehungsstrasse geben die Leute nicht ihr Leben her und auch nicht für die Reform des Steuerrechts. Sondern für die Ehre der Nation oder für die soziale Gerechtigkeit."
Den schönen Schein der Oberfläche des Fernsehens und das Sendungsbewusstsein und den Quotenfetischismus seiner Produzenten entlarvte Frank Hartmann, Medienphilosoph der Universität Wien, genauso als illusionären Irrtum wie die Annahme durch Medienkritik das Verhalten der Konsumenten ändern zu können. Für ihn hat die Unentwirrbarkeit von Sein und Schein fatale Folgen beispielsweise für die Politik:
"Die Wahrheit ist vielleicht die entwaffnende Feststellung, dass nichts dahinter ist, dass es keine Politik gibt, die in den Medien gebracht wird, sondern dass das, was in den Medien gebracht wird, schon die Politik ist."
In der Medizin sieht man das Phänomen von der nüchternen Seite. Illusionen sind Sinnestäuschungen, die eine nicht angemessene Sicht der äußeren Welt abbilden und damit eine klar definierte Wahrnehmungsstörung. Vom Wahn, der im Gegensatz dazu eine durch keine Einsicht fassbare Fehlinterpretation der Welt beinhaltet, unterscheiden sie sich dennoch. Und solange es Institutionen oder aussenstehende Dritte in neutraler Position gibt, die den Träumer, der eben dabei ist, in den Himmel der Illusionen abzudriften, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt, findet Kai Vogeley, Professor für Psychiatrie am Universitätsklinikum Köln das auch völlig in Ordnung.
"Ich glaube, dass diese Neigung Illusionen in diesem Sinne von Visionen und langfristigen Zielen usw. zu entwickeln, tatsächlich auch ein menschliches Grundbedürfnis ist. Theologisch würde man sagen, der Mensch ist ein sinnsuchendes Wesen und ich glaube, man kann das nicht ohne weiteres ablegen, und hier scheint mir wieder das entscheidende zu sein adäquate Kontrollinstanzen einzubauen."
Matthias Kroß:
"Wenn wir immer schon desillusioniert bei dem Beginn unserer Projekte davon ausgehen würden, dass das meiste doch nicht klappt, würden wir auch als Menschen mehr oder weniger erstarren in einer kalten Welt, die der Veränderung abgeneigt ist."